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Kabarett - Michael Hermann

Germany zero points - Sieg für Holland und Österreich

Der diesjährige Jury-Preis „Frühreif und Verdorben“ wurde geteilt und ging in die beiden Nachbarländer. Den Publikumspreis erhielt der Hesse Frank Fischer.


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Gunkl alias Günther Paal wurde von der Jury als „Frühreif und Verdorben“ ausgezeichnet. Allerdings nicht als einziger, …

… denn „Frühreif und Verdorben“ ist auch Philip Simon. Der Hauptpreis der Jury wurde in diesem Jahr geteilt.

Nein, wir befinden uns nicht in Düsseldorf beim Grand Prix, sondern in Bonn beim 17. Prix Pantheon. Der diesjährige Jury-Preis „Frühreif und Verdorben“ wurde geteilt und ging in die beiden Nachbarländer. Den Publikumspreis erhielt der Hesse Frank Fischer.

Die ebenso unkomische wie naheliegende Überschrift für einen Wettbewerb wie die „17. German Spaß- und Satire-Open“ müsste lauten: Ein weites Feld. Zwölf mal zwanzig Minuten unterschiedlichster Komik an zwei Tagen im Bonner Pantheon galt es zu notieren, sortieren und gewichten.

Versuche, das Große und Ganze auf irgendeinen gemeinsamen Nenner zu bringen, werden der Sache nicht gerecht: Es gab, wie nicht anders zu erwarten war, witzige und weniger witzige, heftiger und weniger heftig beklatschte Kandidat/inn/en. Gehen wir also besser gleich in medias res, entlang der (vorher ordnungsgemäß ausgelosten) Reihenfolge der Auftritte.

Das Feld von Philipp Scharri ist die Sprache, sein Spezialgebiet der Reim inklusive Rap. Eine Kostprobe rasanter Reimkaskaden gab er gleich in der Auftaktnummer als rückenkranker „Turbo-Hypochonder“ mit „Infektionshintergrund“. Ins Laufen kam der Turbo mit der schön schmalzigen, zum Piano gesungenen Ballade „Steh zu deiner Bank“ und einer anschließenden Betrachtung über Politik und den Wandel der Sprache. Letzteren demonstrierte Scharri am Beispiel eines Sprechers mit Migrationshintergrund, dessen Definition von „Mähdrescher“ lautet: Das ist jemand, der Schafe verprügelt.

Gegen Anglizismen hat Scharri im Übrigen nichts einzuwenden. „Anglizismen bashing rules“ sei mit ihm nicht zu machen, das grenze ja an „Antisemantismus“. Zum Abschluss präsentierte er ein Gedicht über ein Verb, das unbedingt ein Nomen werden wollte. Darin verschränken sich ebenso kunstvoll wie vergnüglich die Wortfelder Sprache/Grammatik und Sexualität/Pubertät miteinander. Alles in allem eine überzeugende Vorstellung. Somebody to watch, wie wir Überflüssige-Anglizismen-Basher zu sagen pflegen.


Ein „integrationswilliger Niederländer“ gewinnt

Weiter ging’s mit dem „integrationswilligen Niederländer“ Philip Simon. Dieser demonstrierte, zunächst in eine Zwangsjacke eingeschnürt, auf einleuchtende Weise die Vorteile des Verrückt-Seins beziehungsweise Als-Verrückt-Geltens. Wer etwa beim Autofahren von innen gegen die Scheibe niese und anschließend den Scheibenwischer betätige, habe erst einmal Ruhe vor seinen Mitmenschen. Als Niederländer ist Simon zudem der geborene Experte für alle Fragen rund ums Kiffen. Spitzenreiter in dieser Disziplin seien allerdings nicht seine Landsleute, sondern laut einer Studie die – Schweizer.

Das hätte man sich denken können, so Simons zwingende Analyse, angesichts solch seltsamer schweizerischer Erfindungen wie der vorderzahnzerstörenden Toblerone-Schokolade und des Armee-Taschenmessers mit Feile, Dosenöffner und Korkenzieher.

Vom Kiffen zur Politik ist es kein großer Schritt, nimmt man die Klamotten zum Maßstab, in denen so manche Politiker/innen herumlaufen. Angesichts der „Clownsjacken“, in denen er die Bundeskanzlerin zumeist sehe, warte er nur noch darauf, wann ihre Berater sie dazu bringen, auch die dazu passenden großen Schuhe anzuziehen.

Der Blick in die niederländische Heimat fällt angesichts erfolgreicher dortiger Rechtspopulisten nicht viel freundlicher aus. Allerdings werde sich das Problem vermutlich irgendwann von selbst erledigen, wie eine vergleichende Betrachtung der Spitzenpolitiker in den Niederlanden und Österreich, Wilders und Haider, zeigt: „In Holland gibt es auch viele lange Straßen mit Bäumen.“

Zum guten Schluss schlug Simon den Bogen zurück zum alltäglichen Verrücktsein, mit einer vergnüglichen Empfehlung, wie man in einem Flugzeug am effektvollsten ein Glas Sprudel bestellt. Sein gekonnter und unangestrengter Wechsel zwischen Skurrilitäten und politischem Kabarett kam beim Pantheon-Publikum sehr gut an und war der Jury den (geteilten) Preis in der Kategorie „Frühreif und Verdorben“ wert. Philip Simon gehört ebenfalls auf den Merkzettel für den Besuch eines kompletten Soloprogramms.

Am ehesten dem traditionellen politischen Kabarett entsprach der Auftritt von Christoph Tiemann. Er nahm sich speziell die CSU und deren „Islamexperten“ und nunmehrigen Bundesinnenminister Friedrich vor. Allerdings verlief sein Vortrag in konventionellen, erwartbaren Bahnen und blieb so recht spannungsarm. Die abschließende Herleitung der Selbstmord-Attentäter-Spezies aus dem Alten Testament und der Geschichte von Samson und Delilah war zwar illustrativ, aber eindeutig zu lang und weitgehend pointenfrei. Hier sollten sowohl der Ansatz überdacht als auch Nummern gestrafft und das Timing verbessert werden.


Körperkomik und Zungenbrecher

Kleine, drahtige Männer mit Glatze haben im Comedy-Bereich offensichtlich einen Startvorteil. Sie wirken schon komisch, wenn sie anfangen sich zu bewegen. Ein solcher ist Udo Zepezauer, der mit Helge Thun das Duo Helge und das Udo bildet. Körperbetonte Komik inklusive starkem Grimasseneinsatz und mehrfachem Kostümwechsel prägen sein Spiel, zu dem der (natürlich anderthalb Köpfe größere) Thun den nur scheinbar seriösen Gegenpart bildet und mit gelegentlichen (selbst)-ironischen Schlenkern diese ja nicht unbedingt neue Comedy-Duo-Konstellation kommentiert. So erhält ihr Vortrag einen Hauch von Meta-Komik.

Ihr thematisch-parodistisches Spektrum reichte beim Auftritt in Bonn vom spirituellen Weisen à la Dalai-Lama über Grzimeks Tierleben bis zum Kulturradio. Insbesondere Udo Zepezauers Imitationen von Tierstimmen und -bewegungen hatten es dem Publikum angetan. Das Radiointerview mit einem russischen Literaturwissenschaftler erinnerte mit seinen vielen russischen Zungenbrechernamen an die Ausgangsidee der klassischen Loriot-Nummer „Die zwei Cousinen“, in der einst Evelyn Hamann als Fernsehansagerin tapfer, aber vergeblich mit heimtückisch aneinander gereihten englischen „th“ und „s“ kämpfte. Ein stark beklatschter Auftritt, der aber nicht ganz für den Publikumspreis reichte.

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