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Kabarett - Michael Hermann
Generation Fusselrolle schlägt zurück
Wilfried Schmickler gastierte mit seinem Programm „Weiter“ im ausverkauften Pantheon. Gerechter Zorn und gezielte Pointen trafen fast immer die Richtigen.
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Nachdem Wilfried Schmickler anlässlich seines 30-jährigen Bühnenjubiläums vor drei Jahren befunden hatte: „Es war nicht alles schlecht“ und mit einem Best-of-Programm gleichen Namens auf Tournee gegangen war, ist es nur folgerichtig, jetzt „Weiter“ zu machen – auch wenn er als Angehöriger der „Generation Fusselrolle“ (50 plus) mit der gestylten und tätowierten Jugend von heute und „13-jährigen singenden Presswürsten“ in Casting-Shows nicht mehr sooo viel anfangen kann. Und einigermaßen fassungslos registriert, dass es im Internet einfach für alles Bewertungen gibt – „sogar für evangelische Autobahnkirchen“.
Aufhören zu spotten und zu poltern wird Schmickler angesichts solcher Zumutungen sicher nicht. Aufhören zu reden sollten seiner Ansicht nach eher andere – zum Beispiel die vielen Handy-Telefonierer in der Bahn, deren Krankengeschichten man als Mitreisender in voller Lautstärke und Länge detailliert mitbekommt, ob man will oder nicht. Aufnahme ins Programm fand dagegen der Trinkspruch eines Trupps mittelalter Kegelschwestern, den Schmickler auf einer Bahnfahrt aufgeschnappt hatte und nun genüsslich zitierte: „Titte – Mitte – Döschen – Stößchen!“
Einen Trost für all jene Kabarettbesucher, die an diesem Abend lieber zu Hause bei Chips, Bier und Fernsehen geblieben wären, aber von ihren besseren Hälften ins Kabarett geschleppt worden seien, hatte er auch parat: „Sie verpassen nix!“ Er habe extra nachgeschaut, zu den Highlights des Fernsehprogramms zählten unter anderem die „moderierende Mumie Michael Schanze“ und eine Dokumentation über mexikanische Schwanzlurche.
Tätowierung und Trockenhaube
Angesichts solcher Alternativen ist ein satirischer Rundgang durch Politik, Wirtschaft, Medien, Kirche und Alltag allemal die bessere Wahl. Für Kabarettisten mit politischem Anspruch ist dabei der Schlenker zu Finanzkrise und Ratingagenturen Pflicht, und Schmickler liefert eine schlüssige Erklärung, wie so eine Herunterstufung von „Trippel-A“ auf „Dubbel-D“ zustande kommt: „Da hatte ein Analyst schlechte Laune, weil er morgens mit seinen italienischen Schuhen in Hundescheiße getreten ist.“
Die üblichen Verdächtigen aus der Politik wie Merkel und Wulff bleiben bei Schmicklers Betrachtungen ebenfalls nicht außen vor. Mit Patchwork-Familie und Tätowierung markiere die noch recht junge Ehefrau des Bundespräsidenten am deutlichsten den Wandel der Zeiten, wenn man sie mit den Präsidentengattinnen früher Jahre wie Wilhelmine Lübke & Co. vergleiche, die „langsam vor sich hin verwelkt“ seien: „Was waren das noch für Trockenhauben!“
Bei Merkel reicht wie so oft (und wie es viele Kabarettkollegen auch gerne tun) das Zitieren eines Originaltons, um die Frage aufzuwerfen, ob sie und das Kanzleramt wirklich so gut zusammenpassen. So sprach die Kanzlerin kürzlich davon, dass man bei der Bewältigung der Eurokrise schon ein gutes Stück voran gekommen, dann aber von „Ereignissen eingeholt“ worden sei, die „in die Realität zurückgeführt“ hätten. Selten geben Regierungschefs derart offen zu, politische Traumtänzer zu sein. Kein Wunder, dass Schmickler gerne bei der Geburtstagsparty zu Josef Ackermanns Sechzigstem im Bundeskanzleramt dabei gewesen wäre – vor allem beim anschließenden „Blinde Kuh-Spiel“ mit Merkel. Und wie heißt es so schön im Titellied seines Programms „Weiter“: Wenn wir alle mit unserem Latein am Ende sind, dann wird eben Griechisch gesprochen …
Gier und Neid
Dafür, dass es so weit nicht kommt, werden die unbeirrbaren Wachstumspropheten weiter mit aller Macht agitieren. Gier und Neid sind in ihren Augen per se gut, denn sie fördern das Wachstum. Und „Wachstum muss sein! Verzicht ist eh nur was für Leute, die nix haben. Denen macht das nichts aus.“ Das Wortgeklingel gewohnheitsmäßiger Lügner und professioneller Zyniker aus Politik, Wirtschaft und Medien in satirischen Klartext zu überführen, wird immer eine Notwendigkeit bleiben, und Schmickler versteht sich auf dieses Geschäft – so auch, wenn er die Zweiklassenmedizin im Gesundheitssystem auf den Punkt bringt: Für Ärzte sind Patienten entweder „privat“ oder „unheilbar“.
Schmicklers Schläge sind solide und treffen fast immer die Richtigen. Besonders wirksam kommen sie, wenn er sie im hämmernden Reim-Stakkato vorträgt, wie in seinem exzellent ausgearbeiteten Gedicht über die Gier: „Und plötzlich sind sie dann zu zweit / Die Gier und ihre Brut, der Neid“.
(Das vollständige Gier-Gedicht finden Sie hier, ca. 1.20 – 3.00.) Eine ähnlich eindrucksvolle Demonstration von Wortakrobatik gab’s in der Zugabe mit dem schon etwas älteren, aber aktuell als Sarrazin-Antidot bestens geeigneten Reimfurioso Wir.
Doch zum Glück finde sich ja auch immer wieder „Erfreulicheres“, über das man reden könne: Zum Beispiel das Wahlergebnis der FDP in Berlin. Oder ein Gerichtsurteil, das es der „Bild“-Zeitung untersagt zu behaupten, bei Schwester Käßmanns Alkoholfahrt in Hannover habe Gerhard Schröder auf dem Beifahrersitz gesessen. Da drängt sich dem Kabarettisten ein Verdacht auf: „In Wirklichkeit lag er besoffen auf dem Rücksitz!“
Kirche und Beichte
Der letzte Gegner, den Schmickler sich in seinem Programm vornahm, war die (Katholische) Kirche – wohl wissend, dass die an ihm selbst nicht spurlos vorüber gegangen ist: „So eine katholische Erziehung wird man sein Leben lang nicht mehr los.“ Was aber auch seine Vorteile hat, denn wer Kirche und Religion kritisieren wolle, müsse schon darüber Bescheid wissen und dürfe nicht Golgatha mit einer Zahnpasta verwechseln und die Kreuzigung für das Ausfüllen des Lottoscheins halten. Oder die Karwoche für die Woche des Autos. Andererseits hat der rheinische Katholizismus auch so seine Besonderheiten: „Wenn hier jemand alle zwei Wochen von den Toten aufersteht, dann ist das der 1.FC Köln!“
Zu den prägenden Erlebnissen jedes Katholiken gehört offensichtlich die regelmäßige Beichte. Schmickler machte daraus ein weiteres sehr vergnügliches Wort-Stakkato, in dessen Lauf der Beichtvater immer mehr intime Details wissen will und in heftigen Stößen die immer gleichen W-Fragen stellt: Welche, wann, wie oft, mit wem?“ Und bei „anstößigen“ Büchern sofort nachhakt: „Und was stand drin?“ Was indes beim zum Erlöser der Politik stilisierten Freiherrn Guttenberg drinstand, weiß man ja inzwischen. Dazu hatte Schmickler einen instruktiven Vergleich mit dem echten Messias parat: „Das wäre ungefähr so, als ob Jesus die Bergpredigt beim falschen Propheten abgeschrieben hätte.“
So wie die Dinge liegen, bleibt Schmickler gar nichts anderes übrig, als immer „Weiter“ zu machen. Es finden sich schließlich immer genug Dumme, die falschen Propheten glauben und dafür sorgen, dass alles so weiter geht wie bisher. Auf die jüngere Generation kann man auch nicht unbedingt setzen. Denn deren „Stilikonen“ sind laut der vom Kabarettisten zitierten Umfragen Prinz William und seine Schwägerin Pippa Middleton, was wenig Anlass zur Hoffnung auf einen demokratischen Frühling in der westlichen Welt bietet. Dann lieber weiter Generation Fusselrolle.
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