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Literatur - Jürgen Hermann

Gefangener des Staates

Bei Ling zeichnet auf der Grundlage persönlicher Begegnungen das Leben des chinesischen Dissidenten und Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo nach.


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Für Aufsehen sorgte das Osloer Nobelkomitee im vergangenen Oktober, als es dem Druck der politischen Führung in Peking widerstand und den inhaftierten Literaturwissenschaftler und Regimekritiker Liu Xiaobo für sein Eintreten für Freiheit und Menschenrechte auszeichnete. Ein weiteres Mal ging der Friedensnobelpreis an einen Bürgerrechtler, so wie einst an Carl von Ossietzky und Lech Walesa, an Nelson Mandela, Andrej Sacharow und Aung San Suu Kyi. Bei der Verleihungszeremonie in Oslo blieb Lius Stuhl leer, denn seiner Ehefrau untersagten die chinesischen Behörden die Ausreise.

Über viele Jahre hinweg zählte Bei Ling zu Liu Xiaobos Weggefährten, widmeten sich beide Männer dem Ziel, politische Reformen in China zu erreichen – wohl wissend, dass die Repressionen des kommunistischen Staatsapparats hart sein würden. „Dummkopf“ wird Liu im Freundeskreis deshalb lächelnd genannt, denn obwohl er wisse, dass er seine Freiheit aufs Spiel setze, lasse er nicht ab vom Kampf für die Demokratisierung seines Landes.

Bei Ling war mit Liu lange befreundet und in Chinas unabhängigem PEN-Club engagiert; heute lebt er im Exil. Er beschreibt die Ereignisse in einem sehr persönlichen Stil, womit sich das Buch von üblichen Biografien unterscheidet. Zahlreiche Erinnerungen und Eindrücke des Autors fließen in den Text ein, und manches Mal entfernt er sich bei der Schilderung von der streng chronologischen Struktur.

 
Vom Offizierssohn zum Bürgerrechtsaktivisten

Als Liu Xiaobo 1955 in Nordchina geboren wird, deutet nichts auf seine spätere „Karriere“ als Dissident hin. Der Vater ist Offizier, Parteimitglied und Professor an der Universität des Heeres, und der Sohn wächst in den Jahren der Kulturrevolution heran. Er ist als Jugendlicher in den Reihen der hitzköpfigen Roten Garden aktiv und verbringt einige Jahre in Landkommunen, ehe er zum Studium der Literaturwissenschaft nach Peking geht.

In den 1980er-Jahren, noch während seines Studiums, wird Liu bereits als „Dark Horse“ betrachtet, als noch unbekannter, aber vielversprechender Nachwuchsliterat, der jedoch mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält. Mit immer deutlicheren Worten kritisiert er die Zustände in China. Auch verstärken sich seine Zweifel an der marxistischen Lehre, die ihm lange den Weg gewiesen hatte. Die Volksrepublik löst sich in dieser Zeit vom Personenkult Maos, lässt behutsame Kritik an dem Staatsgründer zu und gewährt Künstlern ein wenig mehr Freiheit als zuvor.

Auf die Promotion 1988 folgen Auslandsaufenthalte, die Liu nach Norwegen und in die USA führen. In New York steht er kurz davor, politisches Asyl zu beantragen und bei der Gründung einer politischen Zeitschrift der Exilchinesen mitzuwirken, doch entscheidet er sich dann angesichts der Studentenproteste in Peking zur Rückkehr in die Volksrepublik. Wohl auch, weil dort Ehefrau und Kind auf ihn warten. Bei Ling indes bleibt in New York.

Durch diese Entscheidung wird Liu – wenn auch spät – zu einem führenden Aktivisten der Pekinger Studentenbewegung des Jahres 1989. Er gehört der Verhandlungsdelegation mit der Regierung an und nimmt an dem Hungerstreik auf dem Tienanmen-Platz teil. Dieser „konterrevolutionäre Aufstand“ wird, wie man weiß, vom chinesischen Militär beendet, wobei es auf dem Tienanmen-Platz selbst ein Massaker nie gegeben hat. So leicht entsteht aus fehlerhaften Berichten eine falsche historische Darstellung.

Auf diese Ereignisse, die Bei Ling sehr detailliert beschreibt, folgt für Liu eine eineinhalbjährige Haftstrafe. Er verfasst eine Selbstbezichtigung, was ihm andere Bürgerrechtler bis heute übel nehmen und er heute bereut. Als er im Januar 1991 freikommt, ist er ohne Arbeit und Wohnung. An der Universität kann er nicht mehr arbeiten, ein Teil der Freunde meidet den Kontakt, Selbstzweifel und Schuldgefühle belasten ihn. Auch die Ehefrau verlässt ihn, sie wird später nach Amerika auswandern.

In der Künstlerin Liu Xia findet der Dissident, der sich fortan als Publizist über Wasser hält, schließlich seine zweite Ehefrau. Die Eheschließung findet 1998 statt – in einem Straflager, in das man Liu Xiaobo zwei Jahre zuvor wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“ gebracht hatte. Die Persönlichkeit der sechs Jahre jüngeren Liu Xia wird in dem Buch ebenfalls beschrieben. Sofern ihr dies möglich ist, dient sie heute als Sprachrohr ihres inhaftierten Mannes.

 
Den Staat provozieren: Die „Charta 08“

Wieder in Freiheit, findet der Regimekritiker 1999 ein verändertes China vor. Materialistisches Denken hat sich verbreitet, die Menschen träumen vom schnellen Geld und Reichtum. Liu gründet 2001 mit Gleichgesinnten den unabhängigen PEN-Club und wird dessen Präsident. Er bleibt unbequem und erhält internationale Auszeichnungen. 2008 ist er maßgeblich am Entstehen der „Charta 08“ beteiligt, mit der man bewusst die gedankliche Nähe zur „Charta 77“ in der damaligen Tschechoslowakei herstellt.

Die Respektierung der grundlegenden Menschen- und Bürgerrechte, die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft sowie die Achtung des Prinzips der Gewaltenteilung zählen zu den in der Charta niedergeschriebenen Forderungen. Mehr als 300 Erstunterzeichner verlangen zudem freie Wahlen sowie den Rückzug des in der Volksrepublik überaus einflussreichen Militärs aus der Politik und aus den höchsten Entscheidungsgremien.

Nun ist es endgültig vorbei mit der Geduld der chinesischen Führung. Liu wird von neuem verhaftet und 2009 wegen subversiven und staatsfeindlichen Verhaltens zu einer elfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Als „Kriminellen und Aufrührer“ wird ihn die kommunistische Propaganda ein Jahr später bezeichnen, als Gesetzesbrecher und als Person, die sich mit ihrem Verhalten weit von den Prinzipien des Friedensnobelpreises entfernt habe. Es sieht nicht danach aus, als würde Liu in absehbarer Zeit seine Freiheit zurückerhalten.

In seinem Buch bringt uns Bei Ling den Menschen und die wohl nicht ganz unkomplizierte Persönlichkeitsstruktur Lius näher. Mit einem vorbildlichen Mann ohne Schwächen hat man es nicht zu tun. Liu lebte seinem Biografen zufolge einst recht zügellos, war eitel und arrogant, blickte als Literaturkritiker auf „Poeten“ herab und ist seiner ersten Ehefrau nicht der treue Gatte gewesen, ja vernachlässigte gar seine Familie.

„Ich lebe in einem real existierenden Gefängnis mit hohen Mauern, meine Frau in einem unsichtbaren, aber angsterfüllten, dem Gefängnis ihres Herzens“, hat Liu Xiaobo 2009 geschrieben. An seine Ehefrau, die heute unter strengem Hausarrest in Peking lebt und nur selten in Kontakt mit der Außenwelt treten kann, richtete er die Worte: „Meine Liebe zu dir … ist fest und unzerbrechlich, sie durchdringt jedes Hindernis. Selbst wenn ich zermalmt werde, werde ich dich mit meiner Asche umarmen.“
 

Bei Ling: Der Freiheit geopfert. Die Biografie des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo. Aus dem Chinesischen von Martin Winter, Yin Yan und Günther Klotz. 364 Seiten. Riva Verlag, München 2011. 19,95 Euro.



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