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Literatur - Jürgen Hermann

„Friendly Fire“ am Hindukusch

Jon Krakauer beschreibt das kurze Leben und den tragischen Tod des Amerikaners Pat Tillman.


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Er war ein Vorzeigesportler in Uniform und wurde gegen seinen Willen sowie gegen den Wunsch seiner Angehörigen instrumentalisiert, als die US-Regierung einen Helden suchte und für ihren weltweiten Feldzug gegen den Terrorismus warb: Pat Tillman. Der erfolgreiche Footballspieler, der einen höchst lukrativen Vertrag ausschlug, um seinem Land in den Kriegen im Irak und in Afghanistan zu dienen, starb am 22. April 2004 in einem Gefecht durch Schüsse aus den Waffen seiner eigenen Kameraden. Er wurde 27 Jahre alt.

Jon Krakauer, der sich mit Büchern wie „In eisige Höhen“ und „In die Wildnis“ einen Namen als investigativer Journalist gemacht hat, greift in seinem jüngsten Werk „Auf den Feldern der Ehre“ diesen Fall auf und zeichnet Tillmans Leben sowie seine Gründe nach, in den Streitkräften zu dienen. Gleichzeitig entlarvt der Autor das Vorgehen der Regierung des damaligen US-Präsidenten George W. Bush und den Versuch, Tillmans Tod durch „Friendly Fire“ zu vertuschen.

In dem Buch werden Kindheit und Jugend des 1976 im kalifornischen Fremont geborenen Tillman szenenartig der parallel verlaufenden Geschichte Afghanistans gegenübergestellt. Dort, am Hindukusch, beginnt 1978 mit der Ermordung von Präsident Daud eine lange und bis heute andauernde Phase innenpolitischer Wirren. Die sowjetischen Streitkräfte besetzen das Land, Warlords gewinnen an Einfluss, und die Mujahedin werden für den Kampf gegen die Sowjetarmee von den USA mit Waffen ausgerüstet.

„Seit Jahrtausenden war und ist in Afghanistan jede politische Artikulation allzu oft gleichbedeutend mit Mord und Totschlag“, so der Autor über die Grundproblematik des asiatischen Staates. „Seit Afghanistan im Jahr 1747 als selbständige Nation gegründet worden war, blieb das Land stets ein brüchiger Zusammenschluss von einzelnen Stammesgebieten, die eifersüchtig auf ihre Autonomie bedacht waren. In der afghanischen Gesellschaft gehört die Loyalität des Einzelnen zuallererst der Familie und danach – in rapide abnehmender Weise – seiner Sippe, dem Stamm, seiner ethnischen Gruppierung und seiner religiösen Gemeinschaft.“

In den neunziger Jahren, nach dem Abzug der sowjetischen Truppen, zerfällt Afghanistan faktisch in von Warlords kontrollierte Territorien; Namen wie Rabbani, Dostum und Hekmatyar sind im Westen nicht länger nur Experten für diese geographische Region ein Begriff. Gleichzeitig verstärken sowohl das Terrornetz al-Qaida als auch die radikalislamischen Taliban ihren Einfluss und planen am Hindukusch Anschläge wie die Bombenattentate, welche 1998 auf die US-Botschaften in Tansania und Kenia ausgeführt wurden.

Zeitgleich mit diesen Ereignissen steigt Pat Tillman in den USA zum erfolgreichen Footballspieler auf. Krakauer beschreibt ihn als typischen „All American Boy“, der High School und College durchläuft. Er ist nicht selten ruppig und kommt wegen einer Prügelei vor Gericht, aber er ist auch nachdenklich und belesen und bei seinen Fans überaus beliebt. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 entschließt sich Tillman, einen Vertrag als Profisportler auszuschlagen, der ihm in drei Jahren Einnahmen in Höhe von 3,6 Millionen Dollar eingebracht hätte. Stattdessen heiratet er noch schnell seine Freundin und wird 2002 gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Kevin Soldat.

Pat Tillman wird in den Irak geschickt und ist dort beteiligt an der Befreiung der US-Soldatin Jessica Lynch. Ihr vermeintlich heroisches Verhalten in einer Gefechtssituation wird sich später als bewusst manipulierte Darstellung für die Öffentlichkeit erweisen. Die Operation „Iraqi Freedom“ löst bei dem jungen Amerikaner auch Zweifel und die Sorge über die geopolitischen Folgen aus. Dennoch lässt er 2003 die Möglichkeit ungenutzt, den Armeedienst zu quittieren und ins Sportstadion zurückzukehren. Im März 2004 wird er nach Afghanistan versetzt, wo er nach wenigen Wochen tödliche Schussverletzungen erleidet und in die Statistik eingeht als KIA – „Killed in Action“.

Es folgt ein bizarres und makabres Vertuschungsmanöver, denn weder Pentagon noch Weißes Haus wollen eingestehen, dass der Tod des prominenten Soldaten durch „Friendly Fire“ eintrat. Erst später erfahren die Angehörigen und die Öffentlichkeit die bittere Wahrheit sowie die Tatsache, dass nicht zuletzt grob fahrlässiges Verhaltens anderer Soldaten zu den fatalen Ereignissen führte. Bereits Pat Tillmans Eintritt in die Streitkräfte hatte, wie Krakauer schreibt, „in der ganzen Armee vom Vier-Sterne-General im Pentagon bis zum einfachen Unteroffizier im Ausbildungslager Wellen geschlagen“. Nun müssen ein Master Sergeant und ein Feldgeistlicher Tillmans Witwe die Todesnachricht überbringen, und für die politische und militärische Führung entwickelt sich ein PR-Desaster. Noch verwirrender: Im Jahr 2007 aufgetauchte Indizien lassen sogar die gezielte Ermordung des Sportlers durch aus der Nähe abgefeuerte Schüsse für denkbar erscheinen.

Es ist eben tatsächlich die Wahrheit, die zu den ersten Opfern eines jeden Krieges zählt. Krakauer beschreibt auf beklemmende Weise das Vorgehen von politisch Verantwortlichen, die ihr Volk mit allen Mitteln von der Notwendigkeit eines Krieges zu überzeugen versuchen, und der Leser mag es kaum glauben, wenn der Buchautor schreibt, dass „Friendly Fire“ in Kriegssituationen keineswegs der Ausnahmefall ist: „Laut der umfassendsten Untersuchung der amerikanischen Kriegsopfer (Tote sowie Verwundete) konnten 21 Prozent der Opfer im Zweiten Weltkrieg auf Freundbeschuss zurückgeführt werden. In Vietnam waren es 39 Prozent und im ersten Golfkrieg 52 Prozent.“

Jon Krakauer zeichnet die Ereignisse mit sehr großer, manchmal minutiöser Detailgenauigkeit nach – darunter einzelne Footballspiele und militärische Abläufe in Afghanistan. Dies gibt dem Buch einen hohen Dokumentationswert, ist für manch einen Leser aber gewiss zu ausführlich geraten. Grafiken und Karten verdeutlichen das Geschehen sowie die geographischen Gegebenheiten. Ein Foto Tillmans, welches der Figur ein Gesicht geben würde, sucht der Leser in dem Buch indes vergeblich, er muss es im Internet suchen. Im Anhang finden sich die Hauptquellen zu den einzelnen Kapiteln sowie eine umfassende Bibliographie.

Jon Krakauer: Auf den Feldern der Ehre. Die Tragödie des Soldaten Pat Tillman. 446 Seiten. Piper Verlag, München 2009. 19,95 Euro.


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