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Kino - Michael Hermann
Es geht nur ums Gewinnen
George Clooneys „The Ides of March“ zeigt, was man schon geahnt hatte: dass die US-Demokraten ein genauso großer Sauhaufen sind wie die Republikaner. Wenn man so will, der Spielfilm zur Obama-Enttäuschung.
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Strategie ist alles – und muss ständig besprochen werden: Kandidat Mike Morris (George Clooney), Chefberater Paul Zara (Philip Seymour Hoffman) und Berater Stephen Meyers (Ryan Gosling). (Bild: Tobis Film)
Praktikantin Molly (Evan Rachel Wood) hat ein Auge auf Stephen (Ryan Gosling) geworfen. (Bild: Tobis Film)
Wer verarscht hier wen? Journalistin Ida Horowicz (Marisa Tomei) und Wahlkämpfer Stephen Meyers (Ryan Gosling). (Bild: Tobis Film)
Es gibt mal wieder Erklärungsbedarf: Senior Campaign Advisor Paul Zara (Philip Seymour Hoffman) bei der (Presse-)Arbeit. (Bild: Tobis Film)
Regisseur, Drehbuch-Koautor und Präsidentschaftskandidaten-Darsteller George Clooney nimmt sich in The Ides of March (Tage des Verrats) die Strukturen und Mechanismen des US-(Vor-)Wahlkampfs inklusive des begleitenden Wechselspiels zwischen Politik und Medien vor. Wenig überraschend geht es dabei kaum um Inhalte als vielmehr um Einfluss und Macht, und letztlich nur darum, zu gewinnen. Das wird im Film auch explizit ausgesprochen: Die Demokraten müssten nach den vielen Wahlniederlagen von ihren republikanischen Gegnern abschauen, wie man gewinnt. Nur, was unterscheidet sie dann noch von ihnen?
Fehler darf man sich in dieser Machteroberungsmaschinerie nicht erlauben. Wer einen macht, fliegt – es sei denn, er oder sie kann ihn gut vertuschen. Eine junge Wahlkampfhelferin (Evan Rachel Wood) von Morris, genauer gesagt eine „Praktikantin“ – hier ist der Film in seinen Anspielungen recht eindeutig – kann es nicht und zahlt für ihren Fehltritt den höchsten Preis.
Benutzen und benutzt werden
Mit ungeteilter Sympathie ist im Übrigen keine der Figuren gezeichnet. Die meisten, inklusive der „New York Times“-Journalistin Ida Horowicz (Marisa Tomei), versuchen andere zu benutzen und zu betrügen – und werden ihrerseits benutzt und betrogen. Tom Duffy (Paul Giamatti), der Wahlkampfleiter bzw. Senior Campaign Advisor von Morris’ Widersacher Pullman, führt vor, wie man für sich und das eigene Lager eine „Win-Win-Situation“ kreiert: Kriegt man den besten Wahlkampfberater nicht auf die eigene Seite gezogen, sorgt man mit einer gezielten Manipulation dafür, dass die andere Seite ihn auch nicht bekommt – oder ihn fallen lässt, falls sie ihn bereits verpflichtet hatte.
Und wo bleiben bei all diesen unappetitlichen Händeln die politischen Ziele und Leitbilder? Die sind, wenn man als Kandidat nicht nur Lippenbekenntnisse zu ihnen abgibt, eher hinderlich. Denn sie erschweren es, mit den Leuten ins Geschäft zu kommen, deren Positionen man ablehnt, deren Unterstützung man aber für eine Präsidentschaftskandidaten-Nominierung braucht. Und so wird taktiert und geschachert, bis der politische Deal steht: Verspreche ich dir ein Amt, bekomme ich deine Delegiertenstimmen.
Vom Gegner lernen heißt siegen lernen
Folgt man The Ides of March, müssen die Republikaner eigentlich gar keine Wahlen mehr gewinnen, denn sie haben die Demokraten so weit gebracht, dass diese mit denselben Methoden arbeiten wie sie auch und dieselben gespaltenen bis gebrochenen Charaktere ins Rennen und ins Weiße Haus schicken, die dann mehr oder weniger dieselbe Politik exekutieren wie die Republikaner.
Politiker, die ursprünglich etwas ganz anderes vorhatten und nichts Unrechtes oder moralisch Zweifelhaftes tun wollten, aber durch die „Umstände“ dazu „gezwungen“ wurden, so zu handeln, wie sie gehandelt haben, und auf diese Weise schnell an den Punkt gelangen, sich selbst die Absolution für alle möglichen Schweinereien zu erteilen, dienen diese Schweinereien doch angeblich einer höheren Sache.
Das kennt man zwar alles, unter anderem vom aktuellen US-Präsidenten, es darf einem aber durchaus gelegentlich in Erinnerung gerufen werden. Clooney hat’s mit The Ides of March getan und einen ehrenwerten, aufklärerischen und spannenden Polit-Thriller inszeniert. Das Ensemble spielt ausgezeichnet, neben Clooney als nicht ganz hasenreinem Präsidentschaftskandidaten liefern Philip Seymour Hoffman und Paul Giamatti überzeugende Charakterstudien der Männer hinter den Kulissen, die Wahlkampfapparate und Menschen steuern. Ryan Gosling bestätigt als Politikberater-Wunderkind zwischen beiden, warum er als der kommende große Star Hollywoods gehandelt wird – wenn er es nicht schon ist.
Nun gilt George Clooney als lebenslanger Unterstützer der US-Demokraten – und Clooney ist ein ehrenwerter Mann. Nein, es geht jetzt hier nicht im Julius-Cäsar-Stil weiter. Doch wenn Clooney ernst meint und nimmt, was er hier zeigt, dann lässt sich daraus nur die Erkenntnis und die Forderung ableiten, dass die USA (und nicht nur sie) ihr politisches System von Grund auf renovieren und am besten noch einmal komplett von vorne anfangen müssen.
Ganz anders sehen das vermutlich die Eliten aus Politik und Wirtschaft und der ganze Rest der professionellen politischen Zyniker und Apologeten der so genannten Realpolitik, einschließlich der Edelfedern und Chefkommentatoren der so genannten Qualitätsmedien, und natürlich der spin doctors und Wahlkampfberater, mit anderen Worten: das eine Prozent. So ein Einprozentler würde The Ides of March mit einem achselzuckenden „That’s how it goes“ kommentieren und einem abhängig von alkoholischer Aufnahmefähigkeit und Grad des erschlichenen Vertrauens nach dem soundsovielten Getränk off the record sagen: „Aber ich könnte Ihnen da Dinge erzählen, dagegen ist der Film noch harmlos! Also zum Beispiel der …“
The Ides of March (Tage des Verrats) - Drebuch u. Regie: George Clooney, mit: Ryan Gosling, George Clooney, Philip Seymour Hoffman, Paul Giamatti, Evan Rachel Wood u. a., USA 2011, 97 Min., FSK 0, Kinostart: 22. Dezember 2011.
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