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Theater - Julia-Rebecca Riedel

Englische Variante der Augsburger Puppenkiste

Das TNT-Theatre überrascht in den Kammerspielen mit einer originären "Romeo und Julia"-Inszenierung: in englischer Sprache und mit Gesang.


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Das in München ansässige TNT-Theatre kommt damit in seiner Inszenierung der Aufführungspraxis zu Shakespeares Zeiten nahe. Romeo und Julia: DIE Liebesgeschichte, meistgelesen und rezipiert, meistgeliebt und verflucht.

TNT Britain and ADG Europe-Regisseur Paul Stebbings knüpft mit seiner „Liebesgeschichte“ an ein traditionelles Shakespeareverständnis an und entwickelt ein nicht nur tragisches, sondern vor allem auch komisches Bühnenspiel. Bühnenbild und Ausstattung – so denn vorhanden und allenfalls historisierend – zwingen den Zuschauer nicht ins 16. Jahrhundert. Paul Stebbings vertraut allein der Sprachgewalt Shakespeares.

Die Sprachgewalt, die thematische Vielfalt und die Pointendichte sind programmatisch für die Stücke Williams Shakespeares (1564-1616). Das Theater des ausgehenden 16. Jahrhunderts löst religiöses Drama und regionales Bauerntheater ab und kann durchaus mit den Errungenschaften des Filmes der 1920er Jahre verglichen werden. The most excellent and lamentable tragedy of Romeo an Juliet (1597 uraufgeführt) ist ein solch stummer Schwarz-Weiß-Film, in dem alles Wesentliche von der Sprache der Musik bestimmt ist.

William Shakespeares Sprache ist eine solche Filmmusik: Kalkuliert durchkomponiert. Gerade diesem Umstand ist es geschuldet, dass von der in Bonn gastierenden TNT-Theatre-Produktion eine sich anbiedernde Künstlichkeit ausgeht. Zwar steht die Sprache Shakespeares im Vordergrund, und doch fehlt etwas, das auch durch die Aufführung in der überraschend wenig angepassten Originalsprache nicht ersetzt werden kann: Das Gefühl für das Neue. Zwar setzt man Pointe um Pointe präzise in Szene, doch verliert sich in der Präzision die Leidenschaft und so sind Romeo (Dan Wilder) und Juliet (Augustina Seymour) eher Verlorene denn Liebende. Ihre Liebesschwüre wirken, wie die Machtkämpfe der Montagues und Capulets, wenig kraftvoll. Man spielt sich mehr ausdruckslos denn reizvoll durch den Abend und irgendwo in die Grauzone zwischen gelungener Adaption und Augsburger Puppenkiste.  

Shakespeares Romeo ist melancholisch-selbstverliebt, seine Liebe zu Rosalinde voller Narzissmus, ohne tiefere Empfindungen. Den Kontrast zu dieser Liebe färbt die Liebe zu Juliet. Eine Liebe, die über sich hinaus wächst und radikale Veränderung fordert. „For here lies Juliet, and her beauty makes/ This vault a feasting presence full of light./ Death, lie thou there, by a dead man interr´d.“ Radikale Veränderung, die Dan Wilder nicht auszudrücken vermag. Nahezu gefühllos spielt Wilder gegen Romeos Fühlen an, trifft immer den gleichen Ton, erscheint gleichgültig in sich gekehrt. Wilder, den Regieanweisungen verpflichtet, bewegt sich marionettengleich am Rande jedweder Empfindung: „Heaven and earth disturbed in no thing“.

Shakespeares Juliet spricht – trotz allem Pragmatismus, den Augustina Seymour in der Figur der Juliet anlegt – schwärmerisch: „Give me my Romeo; and when he shall die,/  Take him and cut him out in little stars,/ And he will make the face of heaven so find/ That all the world will be in love with night.“ Shakespeares Juliet ist eine erstaunlich selbstbewusste Frau, mit einer präzisen Vorstellung von dem, was sie will. Sie erscheint dem traumtänzerischen Romeo gegenüber fast schon aufgeklärt, wenn auch geprägt vom Ideal spätmittelalterlicher Minne.

Paul Stebbings Juliet ist im Gegensatz dazu keine aufgeklärte junge Frau, die weiß was sie will. Stebbings Juliet erweckt den Eindruck, dem Gefühl zu fliehen, nicht, sich ihm in die Arme zu werfen. Sie ist zögerlich, dabei allerdings penetrant gut gelaunt – noch im Sterben.

Bewusst lässt William Shakespeare seinen Romeo Liebesschwüre in für das ausgehende 16. Jahrhundert typischer Sonettform sprechen, seiner Juliet schreibt er eine deutliche, klare Sprache, die weniger überformt ist, auf den Leib. Dan Wilder als Romeo und Augustina Seymour als Juliet überspielen diesen großartigen Kontrast mit einer arroganten Mittelmäßigkeit, die ihresgleichen sucht.

Lichtblick der englischen Variante der Augsburger Puppenkiste ist allein Juliets Amme, glänzend gespielt von Natalia Campell. Sie ist es, die Shakespearesche Sprachgewalt und Leidenschaft fühlbar macht. Campbell spielt die elisabethanische Amme, als habe sie nie etwas anders getan. Sie ist frech. Sie kräht, sie schnattert, die watschelt über die sonst eher trostlose Bühne. Mit größtmöglicher Treffsicherheit erwischt sie jede Pointe, wirkt ebenso naiv, wie penetrant, lächerlich, ohne jedoch die Figur lächerlich zu machen. Natalia Campbell scheint als einzige verstanden zu haben, dass es nicht allein darauf ankommt, etwas zu inszenieren, sondern es auch genau so zu fühlen und zu spielen.

Marionettentheater für Schulklassen, für Schüler, deren Leidenschaft für das elisabethanische Zeitalter, für die Literatur Shakespeares und Genossen sicherlich ebenso schnell erloschen ist, wie es erwachte. Shakespeare aus der Puppenkiste, wenig inspiriert und wenig inspirierend dargeboten, Garant für Kulturverdrossenheit; dabei sind gerade Stücke wie Romeo and Juliet aktuell und voller Sprengstoff, jenseits aller romantischer Ideale. Man stelle sich nur einmal eine aus wenig liberalem Hause stammende iranische Juliet und einen „fremden“ Romeo vor ...



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