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Musik - Julia-Rebecca Riedel

Ekstase und menschliche Verzweiflung

Das Ensemble "nu" mit jiddischen Liedern und Klezmer in der Brotfabrik.


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Von Klezmer-Musik geht eine große Inspiration aus, die nu gekonnt in sich faszinierend  zu anrührender Musik spinnende Töne umzusetzen weiß. Georg Brinkmann (Klarinette und Gesang) und Emuk Kungl (Akkordeon) sind seit 2004 ein eingespieltes, musikalisch hervorragend aufeinander abgestimmtes Team, das eine fast magische Atmosphäre erzeugt, mit Klängen spielt und dem man auch Misstöne gerne verzeiht. Sie suchen den originären Klezmer-Ton und sind ihm ganz dicht auf der Spur.

Eine trotzige Klarinette und ein trunkenes Akkordeon stimmen herrlich beißende, fröhlich und nachdenklich stimmende, jiddische Lieder an. Faszinierender noch als die ausgewählt chansonartigen jiddischen Stücke sind die Klezmorim, in die sich das Akkordeon (Emuk Kungl) ganz zu verlieren scheint und denen die Klarinette (Georg Brinkmann) mühelos und fast unbemerkt folgt, sie aufnimmt und variiert. Die an das Gebet in der Synagoge erinnernden Töne stimmen nachdenklich-melancholisch, die paraliturgischen Töne machen Lust ausgelassen zu tanzen. Es ist ein abwechslungsreiches Programm, das nu unter dem Titel di velt, mit der shtot, mit der gas - lider fun yidishe froyen zusammengestellt haben und dem begeisterten Publikum auf ihre eigene, stille, zurückhaltende Weise – nicht ohne messerscharfen Witz – in der Brotfabrik präsentieren.

Das Programm „Di velt, mit der shtot, mit der gas – lider fun yidishe froyen“ schafft vor allem mit den ausgewählten jiddischen Texten Berührung mit einer Musik, die starke Bezüge zum Gebet des Chassan in der Synagoge aufweist. Im Mittelpunkt des Abends steht ein traditionelles Stück mit dem Text eines neunjährigen Mädchens aus einem Ghetto in der Nähe von Vilna: „Her mayn kind: Hör die Winde mein Kind, mach die Augen zu. Deinen Vater haben sie uns genommen, und ich weiß nicht, wo er ist. Sieben sind wir gewesen, jetzt gibt es nur noch uns beide. Deine Kleider sind zerrissen, ich weiß nicht wer Dir neue machen wird in dieser schwarzen Nacht. Wein nicht, mein Kind, der Posten geht um, er wird schießen, wenn er denkt, dass jemand draußen ist.“

Trotz des fast harschen Einschnittes ins Unterhaltungsprogramm, der Einbettung etwas derart Traurigen, erscheinen nu nicht pietätlos. Sie stellen nicht Verzweiflung bloß, sondern dar und das auf ganz feinfühlige, fast zarte Weise. Georg Brinkmann und Emuk Kungl zeigen, dass Klezmer und jiddische Lieder in einer besonderen Tradition stehen und auf besondere Weise wahrgenommen werden wollen: umfassend.

"Jede Volksmusik ist schön, aber von der jüdischen muß ich sagen, sie ist einzigartig! Sie ist so facettenreich, kann fröhlich erscheinen und in Wirklichkeit tief tragisch sein. Fast immer ist es ein Lachen durch Tränen", bewunderte Dimitrji Schostakowitsch die Klezmorim für ihre Vereinigung von Ekstase und menschlicher Verzweiflung. Neben Georg Gershwin – dessen Rhapsody in Blue (1924) deutlich die Inspiration durch Klezmer verrät – wurde er ihr vielleicht bekanntester "klassischer" Rezipient.

Die Welle der Faszination für die einzigartig-ausdrucksstarken, aus dem ashkenadischen Judentum stammenden Melodien schwappt in den 70er Jahren aus dem osteuropäischen Raum in die USA. Zunächst als "Volksmusik" beäugt, gewinnt die Fest- und Tanzmusik immer mehr an Einfluss, nicht nur innerhalb des Judentums. Auch wenn die Ursprünge der Klezmer-Musik bis in biblische Zeiten zurückzuverfolgen sind, stammt der Hauptteil des heute rezipierten Materials aus dem Bessarabien des 19. Jahrhunderts. Zwar geht die profane Instrumentalmusik auf die Musik der Synagoge zurück, nimmt stark Anleihen an dieser und vermittelt tiefe Verbundenheit zu religiösen Themen, ist aber zum Tanz gedacht. Rezipiert werden Klezmer-Klänge seit den 90er Jahren nicht nur in aus dem Geiste der Musik geborgenen traditionellen Ensembles, sondern  unter anderem auch im Avantgarde-Jazz.

Einerseits Folklore, andererseits Weltmusik. Ob Klezmer Musik nun traditionell-folkloristisch oder modern-arragngiert dargeboten wird, ist diese Musik vor allem eines: facettenreich-enthusiastische Musik, voll mitreißend-disharmonischer Sorge und farbigem Klang. Klezmer ist, Schostakowitsch folgend, Ekstase und menschliche Verzweiflung: trotziges Schluchzen und fröhliches Trillern. Klezmer ist Kult.

Kultpotential hat auch nu. Authentisch gelingt Georg Brinkmann und Emuk Kungl die Gratwanderung zwischen mitreißender Tanzmusik, erinnerungsträchtiger Ritualmusik und jiddischen Liedern mit Chanson-Charakter. Die trotzige Klarinette ist nicht nur eine, die hadert, trotzt und weint, sondern auch gesellige und unterhaltsame Tanzpartnerin des trunkenen Akkordeons.

Zwei stille Männer im Licht zweier Scheinwerfer. Georg Brinkmann führt mit anscheinend abgezählten Worten durch das Programm und Herr Kungl hebt ab und zu seinen Hut – mehr nicht. Mehr muss bei nu auch nicht sein, um einen Abend mit wunderbarer Musik zu verbringen, die einem auch auf dem Nachhauseweg nicht aus Kopf, Herz und Fuß zu entschwinden vermag.



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