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Kabarett - Lena Kißmer

Einfach mal anders denken

Die Premiere des Kabarettisten Sebastian Pufpaff hinterließ beim Bonner Pantheon-Publikum einen außergewöhnlich verrückten Eindruck.


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Kabarettist mit Gymnastikband:
Sebastian Pufpaff. (Foto: Promo)

Warum „Warum!“? – das war die wichtigste aller Fragen zu dem gleichnamigen Programm des Prix Pantheon-Gewinners 2010. Weil der Mensch alles hinterfragen und damit die Welt revolutionieren soll. Der Mensch macht Evolution, anstatt auf sie zu warten. Das war Pufpaffs Botschaft an diesem Montagabend.

Während der gebürtige Troisdorfer sich zunächst mit seinem Nachnamen beschäftigte und bildhaft schilderte, warum dieser ihm bei seiner Einschulung den prägenden Moment seiner schwierigen Kindheit bescherte, seufzte er wenig später über die in der deutschen Gesellschaft nicht vorhandenen Gelassenheit nach amerikanischem Vorbild. Auch nervige, omnipräsente Erklärväter, die ihre Kinder durch überflüssige Erklärungen und Aufforderungen zur Nachplapperei in der Öffentlichkeit zur Schau stellen, sind ihm ein Dorn im Auge. Doch melancholisch sind diese Seufzer nicht – eher ermunternd und mitreißend, zumal er seinem Publikum mit solchen Geschichten haarklein bis ins Detail Karikaturen der Realität zeichnet. Und seine Mimik und Gestik sind dabei seine wichtigsten und authentischsten Zeichenstifte.

So teilte Pufpaff eine skurrile Wahrnehmung aus seiner „Bahnfahrerei“ mit seinen Zuschauern, indem er pantomimisch die Situation nachahmte, in der ihm in der Bahn jemand mit einem iPad „vor der Nase“ gegenübersitzt und spielt. Dieses auf die Außenwelt verrückt wirkende, Fremdschämen hervorrufende neue Schauspiel der Wirklichkeit quittiert er mit dem Ausdruck: So jemand hat doch ein „elektronisches Brett“ vor dem Kopf.

Eines wurde schnell klar: Pufpaff zieht sein Programm so dermaßen herrlich bekloppt und sich selbst nicht ernst nehmend durch, dass er sein eingangs vorgetragenes Vorurteil, die Deutschen könnten nur auf Kommando Spaß haben, fortwährend konterkarierte. Seinen Zuschauer gibt er nämlich überhaupt keine Zeit, ein Signal zum Loslachen zu erkennen, denn sie werden stetig in seine große, lustige Show einbezogen und der Spaß kommt damit ganz von alleine.

Das ist es, was ihn so spannend macht: Pufpaff unberechenbar. Er möchte ein spontanes, ein lernbereites und ein glückliches Publikum, mit dem er dialogisieren und kokettieren kann. Denn warum sollte Pufpaff sonst extra eines seiner Lustigen Taschenbücher dabei gehabt haben? „Man muss für alle da sein!“, lautet der O-Ton. Er will es jedem Recht machen, ob nun mit philosophisch angehauchten, aber lustigen Unwichtigkeiten, längeren Anekdötchen aus dem furchtbar realen Leben oder mit einfachen, kleinen Witzen.

In der von Pufpaff so zynisch betrachteten Welt, die er mit seinen kritischen Beobachtungen aus dem Alltag und einem etwas anderes Jahresrückblick auf das Jahr 2010 zunächst als „total verrückt“, dann als „abgefahren“ und letztlich als „total kaputt“ beschreibt, geht es drunter und drüber. Den Beweis dafür sieht er beispielsweise in der modernen Blind-Chat-Gesellschaft: Warum reden Menschen in einem Internetcafé mit irgendwelchen unbekannten Menschen aus der ganzen Welt, wenn sie das Plaudern mit Unbekannten  auch persönlich mit den anderen Internetcafé-Besuchern haben könnten?

Doch wer macht sich eigentlich mal Gedanken um das Wesentliche, um die „Geschichten hinter den Geschichten“? Was ist zum Beispiel die wirkliche Funktion von Windrädern? Natürlich das Hin- und Herschaufeln unserer Abgase unterhalb der Ozonglocke. Und dafür hat Pufpaff auch einen Beweis: „Wenn die Windräder stehen, weht kein Lüftchen.“ Und außerdem:  Wer hat eigentlich das Alphabet sortiert? Warum fliegen die Vögel aus dem Zoo nicht weg? Auf letztere Frage antwortet Sebastian Pufpaff wieder sehr pantomimisch: Er läuft mit flatternden Armbewegungen im Kreis und ahmt damit einen Vogel mit gestutztem Flügel nach, der dadurch ziemlich schnell zum Startpunkt zurückkommt. Allesamt schöne Fragen, die die Welt bewegen könnten. Pufpaffs Fazit: „Eigentlich gibt es doch nur verrückte Fragen als Antworten auf verrückte Fragen.“

Zum Schluss beglückte der zynische Zweifler sein Publikum mit einer kleinen Schocktherapie, um  zu zeigen, was im Leben passieren kann, wenn Mann oder Frau nicht richtig nachdenkt, bevor er oder sie handelt, oder besser gesagt: Den Künstler für die Zugabe herbei zu klatschen muss nicht zwangsläufig etwas Gutes verheißen. Frei nach dem Motto Ihr habt es nicht anders gewollt legte Pufpaff einen nüchternen Striptease vom seriösen, dunklen Anzug zum hautengen, anrüchig blau glänzenden Tänzer-Outfit hin. Das riss die Zuschauer  nach dem ersten Schock zu Beifallstürmen hin  – vor allem als er zu Klimpermusik begann mit einem Gymnastikband wie eine ausgeflippte Knackwurst über die Bühne zu hüpfen und Pirouetten zu drehen. Das Wort „Kür“ bekam mit dieser eindrucksvollen Zugabe eine besondere Bedeutung.

Sebastian Pufpaff: Warum! Weitere Vorstellungen im Pantheon: 17.07. und 10.10.2011



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