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Kabarett - Michael Hermann
Ein Platz an der Sonde
Grundloses Lachen gibt’s beim Lach-Yoga, nicht aber bei Dieter Hildebrandt. Der läuft mit seinem aktuellen Programm „Ich kann doch auch nichts dafür“ wieder einmal zu großer Form auf.
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Georg Schramm braucht seine Drohung nicht wahr zu machen. Bei der Festveranstaltung zu Dieter Hildebrandts 80. Geburtstag vor vier Jahren hatte er seinem Mentor noch ins Stammbuch geschrieben, dass er ihm sofort die Freundschaft kündigen würde, sollte er jemals Anzeichen von Altersmilde bei ihm registrieren.
Hildebrandts Vorstellung im ausverkauften Bonner Pantheon lieferte keinen Anlass für entsprechende Befürchtungen. Er hat nichts von dem verloren, was seine komische Kunst und Wirkung ausmacht. Vergessen und Vergeben gehören ohnehin nicht ins Kabarett – auch wenn Hildebrandt in seinem neuen Programm „Ich kann doch auch nichts dafür!“ gelegentlich mit der im Alter zunehmenden Vergesslichkeit kokettierte. Seinen Auftritt bestritt er konsequenterweise mithilfe einer Lose-Blatt-Sammlung und überwiegend am Lesetisch sitzend.
Ungebrochen starke Präsenz
Was nichts an seiner nach wie vor enormen Bühnenpräsenz ändert. Für das Kabarett gilt analog zum Fußball: Wichtig is aufm Platz, sprich live auf der Bühne. Spätestens dort zeigt sich, wie substanzlos die zyklisch anhebenden feuilletonistischen Abgesänge auf die Kleinkunst sind (zu deren Begründung meist Fernsehsendungen wie der allenfalls mittellustige „Satiregipfel“ herhalten müssen), auf die Hildebrandt auch im Programm kurz einging.
Sein Thema Nummer eins bleibt natürlich weiterhin die Politik. Die hat in der letzten Zeit so reichhaltigen Stoff geliefert, dass das kabarettistische Fachpersonal mit der Abarbeitung kaum nachkommt. Entsprechend weit war der Bogen, den Dieter Hildebrandt schlug: vom „Knicks“ der Kanzlerin vor Chinas Mächtigen über Strauss-Kahns „außerparlamentarisches Organ“ bis zum „Sexualcatering bei Gipfeltreffen“ mit „Fruchtzwerg“ Berlusconi. Die EHEC-Epidemie interpretierte er überzeugend als Rache der Natur: „Die Bakterien schlagen zurück, die haben uns ausgespäht.“ Beim Umgang mit der Seuche werde offensichtlich zweierlei Maß angelegt: „Hühner werden ja sofort gekeult.“
An ihrer Rede sollt Ihr sie erkennen
Zur Katastrophe von Fukushima zitierte Hildebrandt genüsslich den offiziell verbreiteten Sprachmüll der Bundesregierung im Originalton: Danach gab es im Bundeskabinett „die Bereitschaft, sich beeindrucken zu lassen“. Kein Wunder, dass sich aus dem Nachnamen des Regierungssprechers inzwischen das Verb „seibern“ abgeleitet habe. An den Äußerungen der Kanzlerin selbst ließ Hildebrandt ebenfalls kein gutes Haar und bot eine schlüssige Erklärung an: „Wer immer ihre Reden schreibt – er liebt sie nicht.“ Was für ein Unterschied zu früheren Zeiten: Da habe man noch das Essen stehen lassen, wenn im Fernsehen Wehner oder Strauß redeten. Die heutigen Politiker-Verlautbarungen hingegen taugten nicht einmal als Hintergrundgeräusch für die Essenszubereitung.
Als Expertin für schwer verdaulichen Polit-Sprech hat Hildebrandt auch Arbeitsministerin von der Leyen ausgemacht. Die habe die Rente mit 67 durchgeboxt, wenn man sie aber nach den entsprechenden Jobs für diese Altersgruppe frage, käme als Antwort: „Die kommen noch“. Nicht viel besser sieht’s bei der entgegengesetzten Altersgruppe aus, für die ihr Ministerium auch zuständig ist. Da spreche die Ministerin gerne von der „Denke“, die sich verändern müsse, um die Bedeutung der musischen Frühförderung zu verdeutlichen. Hildebrandt nahm die Vorlage zur überflüssigen Substantivierung gerne auf und fragte, wer sich denn um „die Zahle für die Klimpere“ kümmere. Da ist es nur folgerichtig, ein „Phrasen-Flensburg“ zu fordern: „Wer 18 Punkte hat, muss eine Woche schweigen.“
Nicht alle politischen Pointen zündeten gleichermaßen, und das eine oder andere Wortspiel sollte man besser weglassen – so ist etwa der doppelte Boden des Wortes „bestechend“ inzwischen hinreichend strapaziert worden. Gleichwohl glückten Hildebrandt auf seinem angestammten Terrain reichlich Treffer. In Anspielung auf den gerne von Strauß bemühten lateinischen Grundsatz zur Vertragstreue „Pacta sunt servanda“ sprach er vom „Pack da“, das Stuttgart 21 auf Biegen und Brechen bauen wolle. Und bei den in seiner Altersschicht so beliebten Gruppenübungen und -gesprächen gelte es vor allem, „das Thema Inkontinenz zu umschiffen“. Am besten in einer Lach-Gruppe, unter Anleitung eines „Lachgruppenführers“.
Erkundung des alltäglichen Flachsinns
Ohnehin wirkt Hildebrandt noch stärker, wenn er in die alltäglichen sprachlichen und medialen Niederungen eintaucht und sie seziert. Dem alten Sportfan ist anlässlich der Frauenfußball-WM nicht entgangen, dass das kickende weibliche Personal den Männern in der Formulierung von Allgemeinplätzen kaum nachsteht. Unübertroffen allerdings Herrentrainer Löws Aussage über seine Spieler vor dem letztjährigen WM-Halbfinale: „Sie können alles am Ball.“ Trockener Kommentar des Kabarettisten (angesichts von knapp zwei Drittel Ballbesitz der Spanier): „Das hat keinen Sinn, wenn sie ihn nicht haben.“
Noch’n Wortspiel zum Thema: Bei „Ausscheidungswettbewerben“ denke er inzwischen automatisch: „Scheiß-Fußball!“ Und ein weiteres zum Radsport: Wenn Tour-de-France-Reporter im Zusammenhang mit der Bergetappe am Tourmalet von „epochalen Leistungen“ sprächen, stimme daran immerhin so viel, als dass darin die Abkürzung „EPO“ enthalten sei.
Am Titel seines Kabarett-Programms ist übrigens in erster Linie die Deutsche Bahn schuld. Hildebrandt hatte sich eine Zugfahrkarte für eine Fahrt über Güstrow nach Teterow („liegt bei Schweden“) gekauft, musste jedoch am Bahnhof in Güstrow feststellen, dass nach Teterow kein Zug fährt, weil’s dort keinen Bahnhof mehr gibt. Dann sagte der Bahnangestellte vor Ort jenen Satz, der offenbar inzwischen zur Standardentschuldigung für alle Lebenslagen avanciert ist: „Ich kann doch auch nichts dafür!“
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