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Kino - Michael Hermann

Ein patenter Kapitän

Die Verfilmung des Marvel-Superhelden-Comics „Captain America: The First Avenger“ bietet kurzweilige Action-Unterhaltung mit wohldosierten 3D-Effekten.


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Captain_America.jpg

Vom dünnen Hering zum
Muskelprotz: „Captain America:
The First Avenger“.
(Bild: Paramount)

Die Erwartungen waren nicht allzu hoch: Was hätte Captain America: The First Avenger schon anderes sein können als ein superpatriotisches US-amerikanisches Selbstvergewisserungsspektakel, analog zur 1941 erfundenen und seinerzeit zu Kriegspropaganda-Zwecken eingesetzten Comicfigur? Und hatte nicht Will Smith alias Agent J beim Men in Black-Einstellungstest einen übereifrigen Kollegen als „Captain America“ verspottet?

So konditioniert, kann man nur angenehm überrascht werden. Captain America: The First Avenger entpuppt sich als kurzweiliges Action-Entertainment, das den gängigen Vorstellungen vom (Super-)Heldentum zwar Reverenz erweist, aber auch zur ironischen Brechung fähig ist. Die Geschichte des bei der Musterung eigentlich bereits als körperlich untauglich durchgefallenen Steve Rogers (Chris Evans), der durch ein spezielles Serum zum Modellathleten mutiert und schließlich in vorderster Front als „Captain America“ im Stars & Stripes-Dress die Nazis bekämpft, lässt sich heutzutage kaum anders erzählen. Ernst nehmen darf man einen solchen Plot ohnehin nicht. Der Film bietet Unterhaltung, keine Geschichtsstunde.


Superheld mit menschlichen Schwächen

Auch nach seiner Verwandlung vom dünnen Hering zum mitfühlenden und mitdenkenden Muskelprotz bleibt Rogers nicht frei von Schwächen und Unsicherheiten, was dem Sympathiegrad der Figur nicht abträglich ist. Im Anschluss an die erfolgreiche Superheldenbehandlung wird er zunächst als Showstar im bunten Kostüm an der Heimatfront eingesetzt, um den Verkauf von Kriegsanleihen zu befördern.

Sein Auftritt bei der in Europa kämpfenden Truppe endet jedoch im Fiasko. Die Soldaten lachen ihn und sein Heldengewand aus, frustriert verlässt er die Bühne. Doch dann erfährt er, dass sich einer seiner besten Freunde unter den Vermissten eines Regiments befindet, das gegen den Nazi-Oberbösewicht und ebenfalls mit Superkräften ausgestatteten Johann Schmidt alias „Red Skull“ (Hugo Weaving) und seine „Hydra“-Organisation ausgerückt war. Also greift er eigenmächtig ins Kriegsgeschehen ein und befreit im Alleingang die Gefangenen aus Schmidts Bergfestung.

Danach wird er zum obersten Nazi-Jäger und führt ein aus den Befreiten rekrutiertes Spezialkommando an, das Schmidts geheime Waffenlager in ganz Europa ausheben soll. Bei der Zusammensetzung dieser Draufgänger-Truppe achtete das Drehbuch darauf, den Proporz einzuhalten: Es befindet sich unter ihnen je ein Ire, Franzose, Brite, Sino-Amerikaner und ein polyglotter schwarzer US-Amerikaner.

Die folgenden Kämpfe und Kommandoaktionen gehen nicht ohne Verluste ab, und auch das „Happy End“ ist kein wirkliches, sondern eher ein gebrochenes. So fällt Captain America: The First Avenger deutlich weniger kitschig und patriotisch aus, als zu befürchten war – die „Tea Party“ kann diesen Film jedenfalls nicht kofinanziert haben.


Effektvoller Spannungsfilm im Retro-Look

Die Kombination aus Science-Fiction, Abenteuerspielplatz und Nonsens-Historie funktioniert über weite Strecken; sie bietet eine abwechslungsreiche, spannende Mischung aus gut choreografierten, sprich nachvollziehbaren Action-Szenen und Effekten aus dem Rechner. Vermutlich kann der Film auch in der 2D-Version vor dem Auge des Betrachters bestehen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass man bei Ausstattung und Farbgebung Sorgfalt walten ließ. So haben die Bilder einen leicht sepiafarbenen, braunstichigen Look, der an alte Hollywoodstreifen aus jener Zeit erinnert, in der er spielt. In dem Mix aus zeitgenössischer, historischer Anmutung und Fantasy-Hightech-Equipment liegt schon ein gewisser Reiz.

Nicht zu vergessen die Schauspieler: Hugo Weaving in der Schurkenrolle ist wie immer wirkungsvoll böse – und sieht natürlich immer ein bisschen aus wie Agent Smith aus der Matrix. Das ändert sich, nachdem er die Maske fallen lässt und seine glutrote „Red Skull“-Visage präsentiert: Da erinnert er – abgesehen von der Farbe – im ersten Moment eher an Fantomas.

Im Übrigen sei der Besuch der Originalversion empfohlen. In der sprechen die anglophonen Darsteller der deutschen Figuren Englisch mit einem offensichtlich antrainierten deutschen Akzent, als hätte es das „th“ nie gegeben. Im Wettbewerb der Schauspieler, wer den grauenvollsten Akzent hinbekommt, trägt Stanley Tucci in der Rolle des in die USA emigrierten Wissenschaftlers Dr. Erskine eindeutig den Punktsieg davon.

Abgesehen davon ist ein Bonuspunkt fällig für Tommy Lee Jones’ ansonsten eher gelangweilt-routinierte Darstellung des skeptischen US-Armee-Colonels Phillips: TLJ, der sich in No Country for Old Men als schlimmster aller Südstaatennuschler entpuppt hatte, ist tatsächlich bis auf wenige Ausnahmen zu verstehen – auch ohne deutschen Fake-Akzent.


Captain America - The First Avenger, USA 2011, Regie: Joe Johnston, mit: Chris Evans, Hayley Atwell, Sebastian Stan u. a., 123 Min., FSK ab 12 Jahren, Kinostart: 18. August 2011.


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