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Literatur - Jürgen Hermann

Ein Mann für alle Ämter?

Anna von Bayern porträtiert den CSU-Minister und Polit-Aufsteiger Karl-Theodor zu Guttenberg.


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Er kam Ende 2008 fast aus dem Nichts, war plötzlich in den Medien präsent und stieg zum Generalsekretär der Christsozialen auf – um nach nur 99 Tagen mit der Ernennung zum Bundeswirtschaftsminister den nächsten Karriereschritt zu tun: Karl-Theodor zu Guttenberg, CSU-Hinterbänkler im Bundestag aus Oberfranken und gerade 37 Jahre alt, gewann während der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 an Profil und Popularität, als er sich gegen die Mehrheitsmeinung im Kabinett stellte und staatliche Subventionen für den angeschlagenen Automobilhersteller Opel ablehnte. Achteinhalb Monate leitete er das Wirtschaftsressort, dann wurde er in der christlich-liberalen Koalition von Kanzlerin Angela Merkel zum Bundesverteidigungsminister berufen.

Man mag zu ihm stehen, wie man will, aber Guttenbergs steiler politischer Aufstieg beeindruckt schon. In dem smarten Freiherrn mit gegeltem Haar und einem Musikgeschmack von Klassik bis Hardrock sehen viele einen Hoffnungsträger im Berliner Regierungsviertel oder gar einen „deutschen Barack Obama“. Die Gutsherren-Herkunft, das von einem hohen Maß an Selbstbewusstsein geprägte Auftreten des „reichen Barons“, die Kunduz-Affäre – nichts fügte diesem „Teflon-Politiker“ bislang wirklich Schaden zu. Vielmehr bescheinigen ihm auch seine Gegner Sachkenntnis und rhetorische Begabung. Damit nicht genug: Umfragen zufolge kann sich erstmals ein nennenswerter Anteil der Wähler einen Christsozialen im Kanzleramt vorstellen.

Anna von Bayern, Politikredakteurin bei „Bild am Sonntag“, schildert das Leben von „KT“ – wie ihn seine Freunde nennen – sowie seine bisherige Karriere. Die Autorin kennt den Biographierten sowie seine Ehefrau seit langem, was für die Porträtierung nicht von Vorteil sein kann, betont aber, dieses Buch sei praktisch gegen den Willen des Ministers zustande gekommen. So wird beschrieben, wie der 1971 geborene Guttenberg Schule und Studium bis zur Jura-Promotion durchlief, bei den Wählern und an der CSU-Basis mit viel Kärrnerarbeit seine Wahrnehmung erhöhte und schließlich, 2002, im heimatlichen Kulmbach das Direktmandat für den Bundestag errang.

Ausführlich zeichnet die Autorin die Vorgänge im „Fall Opel“ nach, als sich der damalige Bundeswirtschaftsminister Guttenberg dezidiert der Mehrheitsmeinung im Kabinett widersetzte, Subventionen für den angeschlagenen Autobauer ablehnte, hierbei sogar seinen Rücktritt anbot und in der Bevölkerung an Statur und Beliebtheit gewann. Der junge Ressortchef war mit der schwersten ökonomischen Krise seit Kriegsende konfrontiert – und meisterte diese Aufgabe nach Meinung seiner Anhänger kompetent und souverän. Aufgrund des Parteienproporzes in der 2009 gebildeten neuen Koalition ging die Führung seines Ressorts an die FDP, und „KT“ übernahm mit der Verantwortung für den Bereich Verteidigung eine wohl noch schwierigere Herausforderung.

Zu diesen Schilderungen kommen in Anna von Bayerns Buch zahlreiche Begebenheiten aus der Familiengeschichte, teils von Bedeutung, oftmals hingegen marginal und anekdotenhaft. So erfährt der Leser schon, dass Guttenbergs Urgroßonkel im Widerstand gegen Hitler aktiv war und sein Großvater dem Kanzler Kurt Georg Kiesinger als Parlamentarischer Staatssekretär diente.

Aber auch, dass „KT“ – standesgemäß verheiratet mit der Ururenkelin von Otto von Bismarck, die er anfangs als „Partygirl“ einstufte – den Oscar-prämierten Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck zum Cousin hat und im Haus Guttenberg daher schon mal Tom Cruise samt Gattin zum Abendessen vorbeikommen, Karl-Theodor der nette und die Kinder umsorgende Familienvater ist, er sein widerborstiges Haupthaar nur gegelt unter Kontrolle bringen kann und seine Schuhe selbst putzt. Zu den wenigen schlimmen Momenten in seinem Leben gehörte demnach der Verlust des Papageis, den der Junge geschenkt bekommen hatte – der Familienhund machte dem Vogel den Garaus.

Guttenberg – daran lässt die Biographie keinen Zweifel – ist ein „Alpha-Tier“ und wohl mehr oder weniger auch ein Workaholic, der in der Union inzwischen als „Allroundwaffe“ gesehen wird. Dabei lässt er in seinen Wahlreden oftmals konkrete Aussagen vermissen, doch mit seiner Ausstrahlung und seinem rhetorischen Geschick bringt er die Zuhörer meist schnell auf seine Seite. „Einen Hype wie den um ihn und seine Wahlkampfauftritte in diesem Sommer [2009] hat es um einen Politiker in der deutschen Nachkriegsgeschichte wohl noch nicht gegeben“, heißt es in dem Buch. Eine, sagen wir mal, sehr subjektive Einschätzung.

Die Autorin legt ein interessantes Porträt Guttenbergs vor und bringt ihn dem Leser durchaus näher. Distanz zu „KT“ sucht man indes vergebens. Anna von Bayern beschreibt mit viel zu viel Nähe seinen „Popstar-Status“ sowie an Heroisierung grenzende Szenen, wenn Einzelne in dem Politiker fast schon einen Heilsbringer sehen. Wurde da das „Buch zum Helden“ geschrieben? Wie auch immer – auf eine Publikation, welche Guttenberg in die Tiefe porträtiert, seiner Persönlichkeit gerecht wird und von einem kritisch-investigativen Ansatz ausgeht, wartet Deutschland noch.

Anna von Bayern: Karl-Theodor zu Guttenberg. Aristokrat, Politstar, Minister. 217 Seiten und 40 Abbildungen. Fackelträger Verlag, Köln 2010. 19,95 Euro.


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