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Literatur - Michael Hermann

Ein Auftritt mit Rasse und Klasse

Thomas Gsella, Ex-Chefredakteur der Titanic, las in der Aula II der Kölner Universität anlässlich des „festival contre le racisme“ aus seinen Werken. Antirassimus muss eben auch Spaß machen.


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Wer wäre besser geeignet, im Rahmen eines „festival contre le racisme“ Texte vorzulesen, als der Verfasser des Gedichtzyklus „Völker der Welt“ und ehemalige Titanic-Chefredakteur Thomas Gsella? Der Mann kennt sich schließlich bestens aus, „drei Stunden Recherche“ reichten nach Gsellas Bekunden, um den Wesenskern diverser Völkerschaften in jeweils drei Strophen à vier Zeilen zusammenzufassen. Kostprobe aus „Der Pole“: Er nimmt es sich im Herbst, im Lenz, / im Sommer wie im Winter. / Vermißt du also Geld und Benz: / Der Pole steckt dahinter!


„Soweit der erste Beitrag gegen Rassismus“, sprach der Dichter in der Kölner Aula II und legte gleich nach, gegen den Österreicher, den Italiener, und, vom überwiegend studentischen Publikum mit besonders starkem Gelächter honoriert, den Finnen: Der Finne ist für nichts gemacht  / als fürs In-Finnland-Wohnen. /  Er fläzt in der Mittsommernacht  / und  futtert Dosenbohnen. / Tagsüber guckt er Elchen zu. / Der Elch ist Finnlands Fauna. / Nachts krabbelt er mit seiner Fru / zum Lieben in die Sauna. / Dort lagert Schnaps, drum klappt es nie. / Nichts tut dem Finnen glücken. / Er ist so unglücklich als wie / sein contrepart, die Mücken.

Weiter ging es mit dem Koreaner, der im Gegensatz zum Deutschen weiterhin in einem „glücklich zweigeteilten“ Land lebt, während der Holländer im „schlimmsten aller Staaten“ zuhause ist und der Schweizer einen „fehlerhaften Kehlkopf“ aufweist, was ihn „unverständlich“ macht: Der Schweizer kröächzt als wie ein Aar. Gerade beim Schweizer zeigte sich der Vorzug einer Lesung gegenüber der stillen häuslichen Lektüre: Versteht sich der Dichter auch auf das Rezitieren seiner Werke, gewinnt eine Wortschöpfung wie „kröächzen“ noch einiges an komischer Wirkung hinzu. Und Thomas Gsella kann tatsächlich gut vorlesen. Antirassismus muss eben auch Spaß machen.


Der göttergleiche Dichterfürst

So könnte man immer weiter aus Gsellas trefflich verreimter Auswahl von nationalen Klischees, Stereotypen und Vorurteilen zitieren. Doch muss der Dichter ja auch von etwas leben, zum Beispiel vom Verkauf der Bücher, in denen all die schönen Texte zu finden sind. Allerdings versteht sich der Ex-Chef der Titanic bestens darauf, Werbung in eigener Sache zu machen. Wenn etwa neue Gedichte von ihm auf der Titanic-Webseite veröffentlicht werden, verlinkt er gerne innerhalb des Gedicht-Textes zu der Amazon-Webseite, auf der sein gerade neuestes Buch feilgeboten wird.

Nun gut, einem, der sich zum Göttergleichen erklärt (vgl. Thomas Gsella: „Nennt mich Gott“, Fischer Taschenbuch 2008, Amazon-Verkaufsrang (Stand 10.6.2010 mittags) Nr. 62.574, hier natürlich o h n e Direktlink zum Versand) und von Kollegen und Kritikern schon zum „unehelichen Sohn Robert Gernhardts“ geadelt wurde, muss man gewisse Extravaganzen zubilligen. Und ihm nachsehen, dass er vergaß, vor der Lesung sein Mobiltelefon abzustellen (Hinweis für Fans, die ihrem Idol alles nachmachen wollen: Gsellas Klingelton ist das klassische alte Telefonläuten). Sein Kommentar nach dem Blick auf die Anzeige: „Das war wohl Mutti. Die will wissen, ob’s voll ist.“ Wenn das ein einstudierter Gag gewesen sein sollte, auch gut.

Und Gsella darf bei einer Lesung im Rahmen einer Veranstaltungsreihe gegen Rassimus auch aus selbigem fallen und Gedichte zum Besten geben, die mit dem Gegenstand direkt nichts zu tun haben, aber genau wie „Völker der Welt“ alle gängigen Klischees zu einem Thema verbraten, und nach demselben Bauprinzip funktionieren (drei mal vier Zeilen im Kreuzreim): „Der kleine Berufsberater“. Seinem Grundsatz der Minimalrecherche blieb der Dichter dabei treu. Er habe, so Gsella in Köln, zwar selten gearbeitet, aber er kenne immerhin ein paar Leute, die es täten.

So entstanden Miniaturen unter anderem zu Lehrer, Hausfrau, Maurer, Pilot, Islamist – und Zahnarzt:  Der Zahnarzt ist nicht arm wie du. / Er ist ein reicher Räuber. / Drum wählt er gern die CDU / und wo’s noch geht den Stoiber. / Er ähnelt nicht dem zarten Reh, / er ähnelt der Hyäne. / Mit Freuden tut er Kindern weh / und zieht gesunde Zähne. / Er bohrt hinein mit solcher Wut, / da bleibt uns nur das Beten. / Der Zahnarzt ist ein Tunichtgut / mit viel zuviel Moneten. Schallendes Gelächter in der Aula II, das sich noch steigerte, als Gsella Briefe und „Gegengedichte“ vorlas, die ihm empörte Vertreter der verhohnepipelten Berufsgruppen zugeschickt hatten. Der Schrieb eines beleidigten Zahnarztes, Gsella möge doch mal in seine Praxis kommen, da würde er schon lernen, was Schmerzen seien, gehörte da noch zu den harmloseren Reaktionen.


Alliterierende Angeber

Es folgten Auszüge aus der kürzlich veröffentlichten „Offenbacher Anthologie“, einem satirischen Gegenstück zu Marcel Reich-Ranickis „Frankfurter Anthologie“. In ihr versammelt Gsella extra schlecht gedichtetes Zeugs von fiktiven Weltlyrikern aus der kanadischen Arktis, den afghanischen Gebirgen und anderen entlegenen Gebieten, wobei die an die Aula-Wand projizierten Porträts der vorgeblichen Dichterinnen und Dichter den komischen Effekt noch verstärkten. Verdoppelt wird die literarische Parodie dadurch, dass Gsella jedes einzelne Gedicht unter dem Namen von bekannten Autoren und Kritikern wie Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger und Iris Radisch in deren jeweiligem Stil „bespricht“.

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