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Literatur - Jürgen Hermann
Du musst unsichtbar bleiben!
Ein Mädchen wehrt sich gegen einen Angreifer, muss aus der Heimat fliehen und versteckt sich in Norditalien. Was ihr fehlt, sind Freiheit, die Familie und „Der Duft von Erde und Zitronen“.
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„Ich stehe hinter den geschlossenen Gardinen am Fenster und sehe alles, während die anderen, aus den Häusern gegenüber und von der Straße, mich nicht sehen können. Das ist gut, ich muss unsichtbar bleiben. Ich schaue hinunter und denke nach. Wer unglücklich ist, denkt viel nach.“
Immacolata, der Teenager aus Süditalien, hat seinen Heimatort verlassen und lebt bei Rosaria, einer entfernten, als Extante bezeichneten Verwandten im Norden des Landes. Das Mädchen – genannt Imma – hält sich versteckt. Überstürzt, bei Nacht und Nebel, wurde es von seiner Familie mit dem Auto weggebracht und soll die Wohnung der Extante nicht verlassen.
Vorausgegangen ist ein traumatisches Erlebnis. Als der junge Enzino die Dreizehnjährige vergewaltigen will, schlägt Imma mit einem Stein zu und tötet den Angreifer. Fatal ist, dass es sich bei ihm um den Sohn Don Raffaeles handelt, des lokalen Paten der Camorra. In dieser archaischen, von Clanfeindschaften und Blutrache geprägten Welt ist ihr der Zorn des Alten sicher.
Einblicke in die Realität im Süden Italiens: Der Krieg der Clans und ihre kriminellen Machenschaften fordern immer neue Tote; die Leichen findet man im Straßengraben. Es gibt Menschen wie „den Drei-, höchstens Vierhundert-Euro-Killer, einen einsamen Wolf, der jedem dient, der ihn bezahlt, und der hinterher nach Hause geht und eine Portion Spaghetti mit Tomatensoße isst oder sich an der Fernstraße die erstbeste Nutte nimmt.“
Im Lauf der Handlung kommen zahlreiche Familiendetails ans Licht. Es wird auch klar, dass Imma nicht das erste Mädchen ist, dass seinen Heimatort fluchtartig verlassen muss, dass ähnliche Vorkommnisse sich schon früher ereignet haben. Und schließlich, dass Rosaria, die Imma nur unwillig aufnimmt, selbst eine Gewalttat beging und mit der Hilfe für die Heranwachsende eine Schuld gegenüber ihrer Familie abträgt.
Als Don Raffaele stirbt, findet sich in der Trauergemeinde der tot geglaubte Enzino. Dass er überlebt hat, bedeutet nicht, dass der Rachedurst des Clans gestillt ist. Imma muss ständig fürchten, in ihrem Versteck von seinen Häschern aufgespürt zu werden. Dennoch wagt sie sich, nachdem sie den versteckten Wohnungsschlüssel gefunden hat, mehrfach heimlich hinaus. Sie lernt den jungen Buchhändler Paolo kennen, liest die von ihm empfohlenen Bücher und findet ihren Weg in die Welt der Literatur.
Dennoch: Trist und leer ist die Wohnung, wenn die Verwandte tagsüber ihrem Beruf nachgeht. „Du musst unsichtbar bleiben“, schärft die Extante mir immer wieder ein. – „Für wie lange?“, frage ich. – „Weiß nicht.“ – „Das ist ja wie im Gefängnis“, beklage ich mich. – „Lieber im Gefängnis als tot“, erwidert sie schroff.
Strukturen außerhalb von Recht und Gesetz
Margherita Oggero, eine pensionierte Lehrerin, stammt aus Turin und ist in ihrer Heimat als Autorin von Kriminalromanen bekannt geworden. Nun legt sie ein Buch vor, mit dem sie tief in die (süd-)italienische Mentalität und in die gesellschaftliche Realität vordringt. Wir lernen Strukturen kennen, in denen Recht und Gesetz missachtet und die Regeln auch heute noch von Clanchefs festgelegt werden.
Eine Vielzahl von Namen, ständig wechselnde Erzählperspektiven sowie die Beschreibung der verwandtschaftlichen Verhältnisse machen es dem Leser vor allem zu Beginn des Romans keinesfalls leicht. Geschildert werden sowohl das Leben von Immas Eltern – ihr Vater, ein Gigolo und notorischer Ehebrecher, zieht nach dem Tod seiner Ehefrau nach Deutschland – als auch Rosarias tragischer Lebensverlauf und begleitende Gegebenheiten im Ort. Erst gegen Ende des Buches fügen sich die Handlungsstränge zusammen.
Einfühlsam erzählt, prägen den Roman mit seinem poetischen Titel die Sehnsucht eines jungen Menschen nach Unabhängigkeit und Freiheit, der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben und die Entdeckung der Kraft der Literatur. Es wird Imma nicht gelingen, sich auf Dauer vor den Schergen der Camorra zu verstecken. Aber sie findet einen Ausweg.
Margherita Oggero: Der Duft von Erde und Zitronen. Roman. Aus dem Italienischen von Peter Klöss. 314 Seiten. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012. 19,99 Euro.
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