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Kino - Michael Hermann
Die Welt von Rimbaud bis Rambo
„Amélie“- und „Delicatessen“-Regisseur Jean-Pierre Jeunet hat nach fünf Jahren Pause einen neuen Film gedreht. In „Micmacs – uns gehört Paris“ präsentiert er mit erfreulich schrägem Humor einen Haufen schräger Typen.
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Ein Mann will Rache. Bazil (Dany Boon) hat als Kind seinen Vater, der als Minenräumer in Kriegsgebieten tätig war, durch eine Landmine verloren. Dreißig Jahre später trifft ihn, den völlig Unbeteiligten, bei einer Auseinandersetzung rivalisierender Gangster ein Querschläger aus einer Pistole. Bazil überlebt den Kopfschuss mit knapper Not. Nachdem er herausgefunden hat, dass die Hersteller der tödlichen Gerätschaften zwei in Paris ansässige, miteinander verfeindete Waffenhändler sind, will er sie zur Rede stellen, wird aber hinausgeworfen. Also ersinnt der inzwischen zum Clochard gewordene Bazil einen Plan, um die beiden marchands de mort zur Strecke zu bringen. Dabei kommen ihm ein paar Straßen- beziehungsweise Untergrundkämpfer von ganz spezieller Art zu Hilfe.
Nein, es handelt sich hier nicht um einen recycelten Bronson- oder Belmondo-Stoff aus den 1970ern oder 1980ern. Jean-Pierre Jeunet benutzt das vor allem aus Gangster-, Western- oder Action-Filmen bekannte klassische Motiv der Rache in Micmacs – uns gehört Paris (Micmacs à tire-larigot) vielmehr als Folie und Initialzündung für einen wendungs- und fintenreichen Plot, der einem Haufen schräger Vögel hinreichend Gelegenheit gibt, in der vom Regisseur und seinen Ausstattern erschaffenen schrägen, ebenso comic- wie märchenhaften Bilderwelt bizarren Beschäftigungen nachzugehen und ausgefallene Ideen in die Tat umzusetzen. Es hat, wie immer bei Jeunet, etwas von Zirkus, Freakshow, Slapstick und Stummfilm, wenn er sein Arsenal von Gauklern, Akrobaten und Witzbolden auf das Publikum loslässt.
Exzentriker im Müll
Und so bietet der Delicatessen-Regisseur auch in Micmacs wieder eine Reihe exzentrischer Figuren auf, die eine Art subversive Untergrund-Gemeinschaft im Müll bilden (und sozusagen das Pendant zu den subversiven „Olchis“ darstellen, die in den schönen Kinderbüchern von Erhard Dietl auf dem – beziehungsweise vom – Müll leben und die lieben Kleinen hierzulande frühzeitig mit dem Gedanken an Recycling und Kreislaufwirtschaft vertraut machen). Jeder Figur dieser Müllmänner-Armee verpasste das Drehbuch einen sprechenden Namen, der auf die ihm/ihr eigene, herausragende Fähigkeit verweist. Die Superhelden aus den Marvel-Comics lassen grüßen.
So ist „Calculette“ (Marie-Julie Baup) ein wandelndes Lexikon und Rechenprogramm für jede Art von Zahlen, Maßen, Gewichten et cetera, während „La Môme Caoutchouc“ (Julie Ferrier) den unbegrenzt biegsamen Gummimenschen gibt und „Remington“ (Omar Sy) wie eine ratternde Schreibmaschine daherkommt und nur in literarisch gedrechselten Sätzen und Parodien spricht. Zu seinem Repertoire gehört auch eine Eddie-Murphy-Nummer: Als bunt kostümierter Souvenir-Händler quasselt Remington auf dem Flughafen drei finstere Gestalten voll, damit ihnen währenddessen einer seiner Kampfgefährten unbemerkt Drogen unterschieben kann. Und natürlich sorgt Jeunets Stammschauspieler Dominique Pinon (in der Rolle des „Fracasse“) mit seinem Knautschgesicht wieder für eine hohe Grimassen-Dichte.
Der Regisseur (und Drehbuch-Koautor) verlässt sich hier nicht nur auf seinen bekanntermaßen beträchtlichen visuellen Einfallsreichtum, sondern bedient mit Sprachspielen, Reimen und Stilparodien die gesamte Bandbreite des Humors, von verbal bis non-verbal. Allerdings dürften die sprachlichen Feinheiten in Micmacs nur begrenzt ins Deutsche übertragbar sein. Wer regelmäßige französische Sprech- und vor allem Hörpraxis hat, sollte daher die Originalversion vorziehen. Und für alle, die wie der Verfasser dieser Rezension schon etwas aus der Übung sind, gibt’s ja noch die Untertitel.
Der dichtende Waffenhändler
Die braucht man allerdings nicht, um über den dichtenden Waffenhändler Marconi lachen zu können. Der vergleicht sich gerne mit Rimbaud, welcher das Schreiben aufgab und später zum Waffenhändler wurde – bei ihm dagegen sei es genau anders herum gelaufen. Nun soll man ja gleichwohl von Dingen schreiben, von denen man etwas versteht, also reimt sich beim spätberufenen Rimbaud-Epigonen „réussite“ auf „dynamite“ und „ambition“ auf „munition“.
Seinem Filius kann Marconi damit nicht imponieren. Als er ihm stolz verkündet „Ich habe mich heute mit Rimbaud verglichen!“, entgegnet der Sohnemann trocken, dass er dafür zu wenig Muskeln habe, was der Alte mit verdrehten Augen und einem gequälten „Rimbaud, nicht Rambo!“ quittiert. Wo andere Eltern bei Tisch die Vokabelkenntnisse ihrer Sprösslinge prüfen, fragt Marconi seinen Sohn die Sprengkraft von Bomben ab (und erinnert bisweilen frappant an die Art und Weise, wie Georg Schramms Bühnenfigur „Oberstleutnant Sanftleben“ mit Entsetzen kleine Scherze am Rande treibt. Aber das nur am Rande).
Indes ist sein Gegenspieler de Fenouillet kein bisschen weniger absonderlich. Dessen Leidenschaft ist das Sammeln von Überbleibseln berühmter und berüchtigter Personen. Zu den Prunkstücken seiner Kollektion gehören ein paar abgekaute Fingernägel Winston Churchills, sein neuester Coup soll der Erwerb eines Auges von Benito Mussolini werden …
Das große Fressen
Dass die beiden Konkurrenten ziemlich kranke (Waffen-)Brüder im Geiste sind, führt Jeunet überdies in einer hübschen Parallelmontage vor, die allen Klischees von Tischmanieren und französischer Esskultur Hohn spottet. Bei beiden gibt es zum Abendessen jeweils Meeresfrüchte. Während Marconi den Garnelen achtlos die Köpfe abreißt und sie nacheinander gierig und mechanisch wie ein Scheunendrescher futtert, scheint de Fenouillet die Sache etwas distinguierter anzugehen. Er bricht sorgsam die Köpfe ab und ordnet die Garnelen in einem Kreis auf seinem Teller an – nur um sie dann mit der Gabel der Reihe nach aufzuspießen und auf einmal in den Mund zu stopfen.
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