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Kino - Michael Hermann
Die Übel an der Wurzel packen
Die junge Bahia will die Welt verbessern – und setzt auf Sex zum Zweck der politischen Aufklärung. Zu sehen in der beschwingten französischen Komödie „Der Name der Leute“.
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Es fällt auch dem ausgewiesenen Skeptiker schwer, sich dem ausgelassenen Charme dieses Films und seiner Figuren zu entziehen. Im Zentrum des turbulenten Geschehens steht die junge Bahia Benmahmoud (Sara Forestier), Tochter einer kämpferischen linken, französischen Mutter und eines algerischen Einwanderers.
Ihr Weltverbesserungsprogramm lautet: Mit Rechten und Rassisten schlafen, um diese zu bekehren. Kurz vor dem Höhepunkt, so verrät Bahia, sei genau der richtige Moment, um den „Faschos“ Sätze wie „Nicht alle Araber sind Diebe“ oder „Nicht alle Juden sind reich“ gleichsam einzuhämmern. Danach können die Delinquenten respektive Liebhaber als geheilt entlassen werden. Bahia führt sogar ein Vorher-Nachher-Fotoalbum von ihren Bekehrten.
Eine folgenreiche Begegnung am Tag der toten Ente
Bei Arthur Martin (Jacques Gamblin) gerät sie jedoch an den falschen (und am Ende natürlich richtigen). Der schon etwas ältere Veterinär und Vogelgrippe-Experte kommt auf den ersten Blick zwar höchst steif und korrekt daher und empfiehlt im Umgang mit der Seuche umfassende „Vorsichtsmaßnahmen“ – ein Begriff, der auch die Art und Weise charakterisieren würde, wie er sein Privatleben gestaltet. Andererseits entpuppt Arthur sich als Anhänger der französischen Sozialisten und ihres 2002er-Präsidentschaftskandidaten Lionel Jospin, der in einer Gastrolle als er selbst auftritt.
Die für Bahia klar verteilten Fronten zwischen Links und Rechts und Gut und Böse werden noch einige Male in Frage gestellt. Auch ist die familiäre Konstellation so eindeutig nicht: Bahias Mutter, die selbst aus „gutem Hause“ stammt, aber Wohlhabenden-Dünkel und als typisch französisch geltende Manieriertheiten herzlich verachtet, hat bei der Hochzeit mit Mohamed Benmahmoud auch gleich die Gelegenheit genutzt, ihren verhassten französischen Familiennamen loszuwerden.
Ihr immer freundlicher und hilfsbereiter Ehemann hingegen hat trotz der als Kind im Algerienkrieg erlebten Gräuel eine positive Einstellung zu Frankreich und ist glücklich, nach fast zehn Jahren sans papiers die französische Staatsbürgerschaft erhalten zu haben – und das auch noch zur Amtszeit des rechten Präsidenten Giscard d’Estaing.
Sprachlosigkeit überwinden
Im Gegensatz zur vitalen Benmahmoud-Familie wirken die Eltern Arthurs – abgesehen von ihrem Technik-Spleen – anfangs geradezu leblos. Doch hat die starre Fassade auch mit der Geschichte von Arthurs jüdischen Großeltern mütterlicherseits zu tun, die von den Nazis verschleppt und ermordet wurden. Für Arthurs Mutter ist dieses Thema tabu, sei möchte nicht an ihre Wurzeln erinnert werden. Traumatische Kindheitserfahrungen anderer Art haben indes auch Bahia und ihr exzentrisches Verhalten geprägt.
Die menschlichen Wurzeln, die mit ihnen verbundenen Vorurteile und Rollenzuschreibungen und ihre schlussendliche Überwindung sind ein beherrschendes Thema dieser beschwingten, über weite Strecken sehr unterhaltsamen und dabei erstaunlich unzynischen, geradezu menschenfreundlichen Komödie. Als Bahia schließlich von Arthurs jüdischer Abstammung erfährt, ist sie entzückt und schlägt Arthur sofort vor, sich zu vermischen und so gemeinsam die Welt zu retten.
Damit aber nicht durchweg eitel Sonnenschein in Der Name der Leute herrscht und kein allzu klebriger Alle-Menschen-werden-Brüder-Zuckerguss entsteht, bauten Regisseur/Drehbuchautor Michel Leclerc und seine Koautorin Baya Kasmi noch einige dramaturgische Klippen ein, die Bahia und Arthur überwinden müssen. So gehört in Filmen dieser Art zum Sich-Finden unbedingt ein vorübergehendes Sich-Verlieren.
Widersprüche und Spannungen gilt es also auszuhalten, zwischen einzelnen Menschen ebenso wie zwischen Gruppen und Völkern. Die gute und richtige Absicht kommt manchmal etwas aufgesetzt didaktisch daher, etwa wenn wenn Bahia und Arthur im Chor ausrufen „Wir scheißen auf unsere Wurzeln!“. (Wobei der Satz im französischen Original aufgrund der Nähe von „racine“ = Wurzel zu „race“ = Rasse weniger plakativ als vielmehr doppeldeutig wirken dürfte.)
Nichtsdestoweniger sei hierzulande auch und gerade eingefleischten Sarrazinisten – und natürlich dem Sektenchef selbst – der Besuch dieses Films empfohlen.
Der Name der Leute (Le Nom des gens), Frankreich 2010, Regie: Michel Leclerc. Filmstart: 14.04.2011, Rex, Off-Broadway Köln
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