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Kino - Michael Hermann
Die Performance entscheidet
Lehrjahre sind nicht nur keine Herrenjahre, sondern auch die erste Stufe zur berüchtigten „déformation professionnelle“. Das zeigt der Spielfilm „Die Ausbildung“ mit karger Ästhetik und kühlem Blick.
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Stefan Westheim (Frank Voß) mit Sohn Jan (Joseph K. Bundschuh), Ehefrau Marianne (Anja Beatrice Kaul) und elektronischem Bilderrahmen. (Bild: Basis-Film Verleih)
Alles einpacken und aufräumen nach der Arbeit, denn es gilt eine „clean-desk-policy“. (Bild: Basis-Film Verleih)
Einer von ihnen ist der 20-jährige Jan Westheim (Joseph K. Bundschuh), Azubi im dritten Lehrjahr und an Telefon und Laptop im Kundenservice tätig. Dem Wunsch, das Aussiebungssystem Ausbildung mit seinen alles entscheidenden performance indicators zu überstehen und übernommen zu werden, passt der eher zurückhaltende Jan sein Verhalten an. Im Bemühen alles richtig zu machen und vermeintlichen Erwartungshaltungen zu entsprechen, lässt er sich für Dinge einspannen, deren Auswirkungen ihm erst nach und nach klar werden.
Trau, schau, wem
Als die junge Zeitarbeiterin Jenny Sikorski (Anke Retzlaff) eingestellt wird, ist das ein Lichtblick für Jan, dessen Alltag außerhalb des Büros von Zerstreuungen wie Internet, Shopping im Einkaufscenter und zu schnellem Autofahren geprägt ist. Zwischen beiden spinnt sich eine Liebesbeziehung an, deren Haltbarkeitsdatum allerdings von vornherein durch Jennys Status bestimmt zu sein scheint: „Ich bin Jenny Mustermann, mit einem Zeitarbeitsvertrag und einer 24-Stunden-Kündigungsfrist“ (einer der wenigen Dialogsätze mit einem Anflug von bildlich-literarischer Ausdrucksweise).
Jans Mutter Marianne (Anja Beatrice Kaul) ist als Betriebsrätin in derselben Firma wie ihr Sohn tätig und spricht nach der Arbeit in einem Gewerkschaftsvortrag ganz offen die Dreiklassengesellschaft unter den Beschäftigten – Unbefristete, Befristete und Zeitarbeiter – an. Ungefähr entlang dieser Einstufung verläuft auch die Druckpyramide von oben nach unten. Inwieweit kann Jan da dem immer gleich freundlich auftretenden Personalchef Tobias Hoffmann (Stefan Rudolf) trauen, der ihn immer mal wieder fragt, wie es denn so laufe, und ob seine Teamleiterin Susanne Ostermeier (Dagmar Sachse) eventuell Hilfe benötige? Die Ergebnisse ihrer Abteilung sähen nämlich im Vergleich zu anderen im Betrieb nicht so toll aus. Das lässt sich heutzutage alles in Zahlen ausdrücken und vorrechnen, dafür vor allem gibt es ja performance indicators und benchmarking.
Wenig Dialog, keine Gefühlsausbrüche
Es dominieren lange, teilweise statische Einstellungen, in denen wenig gesprochen wird und scheinbar wenig passiert, wofür Regisseur Lütter allerdings in einem Interview eine entwaffnende Erklärung formuliert hat: „Dialoglastige Filme finde ich nicht so interessant, weil sie dem Zuschauer meistens keinen Raum zum Nachdenken lassen. Da wird der Zuschauer häufig mit Gefühlsbehauptungen oder Gefühlssimulationen bombardiert. Mir sind die Pausen zwischen den Sätzen wichtig. (…) In 99 Prozent der Filme haben die Zuschauer inmitten von Text, Musik, Bildern und Schnitt gar keine Zeit für eigene Gedanken. Das finde ich furchtbar. Es ist auch mal gut, wenn sich der Zuschauer zwischendurch langweilt. Dann geht das Denken los, bei mir zumindest ist das so. (lacht)“
Dementsprechend finden sich in Die Ausbildung keine großen Emotionen. Soweit vorhanden, werden sie eher mit (leeren) Blicken angedeutet, oder ohne Ton durch die Scheibe des Wohnzimmerfensters gefilmt, wo im Garten von Jans Elternhaus die offensichtlich unter großem Druck stehende Teamleiterin Susanne der Betriebsrätin Marianne gerade ihr Herz ausschüttet. Die Figuren wirken bisweilen wie Marionetten, doch steht dies ganz im Dienste des Konzepts und der Wirkabsicht: Selbstdisziplin am Arbeitsplatz ist alles, und irgendwann überträgt sich der Zwang zum kontrollierten Sprechen, zum (vermeintlichen) Erwartungen-entsprechen-Wollen, auch auf das Privatleben. Spätestens dann ist sie da, die berüchtigte „déformation professionnelle“.
Der Film bedient sich in der Wahl seiner Stilmittel ausgiebig bei den ziemlich aus der Mode gekommenen Verfremdungseffekten. Dazu gehört auch ein Chor, der an drei Stellen die Handlung unterbricht und jeweils ein Lied vorträgt, das das Geschehen kommentiert, ohne dabei direkten Bezug auf Handlung und Figuren zu nehmen, wie es etwa bei Moritatengesängen häufig der Fall ist. Die konsequent durchgehaltene formale Stilisierung und karge Ästhetik ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, macht aber nicht zuletzt den Reiz dieser interessanten filmischen Versuchsanordnung zur Arbeitswelt aus.
Die Ausbildung - Regie: Dirk Lütter, mit: Joseph Konrad Bundschuh, Anke Retzlaff, Anja Beatrice Kaul u. a., Deutschland, 2010, 90 Min. FSK ab 12 Jahren, Kinostart: 12. Januar 2012.
„Die Ausbildung“ läuft ab 12. Januar im Kino. Die NRW-Premiere in Anwesenheit des Regisseurs Dirk Lütter am Donnerstag, 12. Januar, um 20 Uhr in der Kölner Filmpalette ist laut Filmpalette-Homepage bereits ausverkauft. Eine Zusatzveranstaltung findet am gleichen Tag um 22 Uhr statt.
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