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Theater - Christiane Wiegand

Die Jungfrau vom Hindukusch

Lothar Kittsteins neues Stück „Haus des Friedens“ feiert in der Werkstatt seine Uraufführung. Stefan Heiseke inszeniert das Werk als packendes psychologisches Kammerspiel.


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Konstantin Lindhorst (Lorenz)...

Bernd Braun (Jost) und Maria Munkert (Marie)...

in Lothar Kittsteins "Haus des Friedens".

Fotos: Thilo Beu

Ein karger, dunkler Raum, zwei Männer, eine Frau - und die Stille. Das ist die Versuchsanordnung, die dem Zuschauer am vergangenen Mittwoch bei der Uraufführung von Lothar Kittsteins „Haus des Friedens“ in der Werkstatt präsentiert wurde. An sich kein ungewöhnliches Szenario im zeitgenössischen Theater. Doch dies ist keine 0815-Beziehungskiste, wie man sie derzeit tausendfach landauf landab auf den Bühnen erlebt. Die drei Protagonisten sind Soldaten der Bundeswehr, im Einsatz in einem Krisengebiet, weit weg von daheim. Und sie sitzen fest, in einer verlassenen ehemaligen Impfstation hoch in den Bergen, weitab von jeglicher Zivilisation.

Ein Eintrag im Programmheft beharrt auf der Unbestimmtheit des Ortes und der Zeit und widerspricht sich im selben Atemzug mit dem Abdruck von Zitaten aus Briefen, E-Mails und SMS deutscher Soldaten im Einsatz am Hindukusch. Keiner der Akteure nennt jemals einen konkreten Ort des Geschehens und doch schreit alles Afghanistan – von den Dialogen über Öl, den Islam, verschleierte, unterdrückte Frauen und Selbstmordattentäter bis hin zu den Videoaufnahmen von Soldaten im Einsatz, die im Hintergrund über die Bildschirme flimmern.

Und doch ist „Haus des Friedens“ weniger ein Stück über deutsche Soldaten in Afghanistan als eine präzise psychologische Studie dreier Individuen wie sie verschiedener kaum sein könnten. Menschen mit Sehnsüchten und Ängsten, auf einer unaufhörlichen Suche nach dem Sinn ihrer Existenz und ihres Handelns. Der Handlungsort, die Abgeschiedenheit und der Krieg dienen als emotionaler Katalysator ohne die existenziellen Fragen zu überdecken, mit denen sich Lothar Kittsteins Text beschäftigt und die er an seinen drei Protagonisten auf exemplarische Art und Weise vorführt. Afghanistan ist nicht Afghanistan ist nicht Afghanistan. „Haus des Friedens“ spielt überall – und nirgends.

Marie (Maria Munkert) ist auf der Suche nach Extremen. Extremen, die sie zu Hause in Deutschland nicht mehr findet. Extremen, die ihr in einer zunehmend abstumpfenden Welt ein Gefühl von Sinn geben. Also geht sie zur Bundeswehr und meldet sich für den Einsatz im Krisengebiet. Doch auch das Leben im Lager ist ihr noch nicht extrem genug. Marie will raus. Raus in das unwirtliche, fremde Land, raus in die Gefahr, richtig im Einsatz sein. Sie ist eine Missionarin, die glaubt, die Welt retten zu können, unbeirrbar idealistisch, faszinierend verblendet in ihrem Glauben an die Richtigkeit ihres Tuns. Maria Munkert begeistert mit einem präzisen Porträt einer Frau, die durch und durch Soldat ist, ohne jedoch vermännlicht zu sein, eine moderne Jeanne d'Arc, die in ihrem Fanatismus ihrem Feind ähnlicher ist als sie glaubt.

Lorenz (Konstantin Lindhorst) hingegen ist viel Fassade und wenig Substanz. Abgeschnitten von der Sicherheit des Lagers beginnt die Fassade des durchtrainierten, topfitten Mustersoldaten zu bröckeln. Zum Vorschein kommt ein Mann, der sich hauptsächlich über seine Frauen definiert und seine Angst und Nervosität in einem unaufhörlichen Redeschwall von second-hand Weisheiten zu ertränken versucht. Er ist der Inbegriff des Selbstbetrugs, der sich in Allgemeinplätzen und aufgeschnappten Halbwahrheiten erschöpft, bevor er sich schlussendlich eingestehen kann, was sein wirkliches Problem ist: dass er fehl am Platz ist und Maries Überzeugung, ihre Begeisterung für die Mission, nicht teilen kann.

Und dann ist da noch Jost (Bernd Braun), der „Chef“. Zunächst ganz souveräner Anführer, wird eines schnell und unübersehbar klar: bei ihm hat der Krieg die tiefsten Wunden hinterlassen. Der Mensch hinter der Uniform ist ein emotionaler Invalide. Es ist die Stille, die Totenstille der Berge, die das Ungesagte zu Tage fördert: die Zweifel und die Schuldgefühle, die ihn seit dem Tod eines ihm unterstellten jungen Soldaten quälen. Beängstigend eindringlich gestaltet Bernd Braun den rapiden Verfall einer scheinbar intakten Persönlichkeit durch das Trauma des Krieges. Am Ende steht der Wahnsinn.

Kittstein lässt seine drei Charaktere in kurzen, fragmentartigen Szenen aufeinanderprallen, die sich wie Explosionen entladen und nicht selten in gewaltsamen Ausbrüchen enden. Stefan Heisekes Inszenierung verzichtet weitestgehend auf Effekte und aufwendige Ausstattung und verlässt sich ganz auf die Schauspieler. Eine kluge Entscheidung. Wie leicht hätte man den Text auf ein eindimensionales Antikriegsdrama reduzieren können. Heiseke und seine hervorragenden Darsteller schaffen stattdessen ein packend facettenreiches psychologisches Kammerspiel, dass den Zuschauer auch lange nach Verlassen des Theaters nicht loslässt.

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