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Kino - Michael Hermann

Die Hoheit über dem Küchentisch

Der mit mehreren Filmpreisen ausgezeichnete und in diesem Jahr für den Golden Globe nominierte chilenische Spielfilm "La Nana – Die Perle" kommt in die hiesigen Kinos.


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Blick in den Spiegel: Catalina Saavedra als la nana. (Still:
Elephant Eye Films)

Eine Perle kann ein ziemlicher Drachen sein. Eine wie Raquel jedenfalls. Die ist Haushälterin und nebenbei quasi auch Kindererzieherin im Haus des großbürgerlich-liberalen Professorenehepaares Valdez, gerade 41 geworden und schon recht verhärmt. Das große Anwesen mit Garten, Swimming-Pool und vier Kindern geht langsam, aber sicher über ihre Kräfte, dennoch sperrt sie sich gegen die Einstellung eines zweiten Dienstmädchens. Raquel fürchtet offensichtlich um ihren Herrschaftsbereich, denn er ist der einzige, den sie hat: Ihr ganzes Arbeitsleben lang war sie im Hause der Valdez'.

Konsequenterweise macht sie den ersten beiden zur Entlastung eingestellten Frauen das Leben zur Hölle und erreicht bald ihr Ziel: Die junge Mercedes geht freiwillig, weil sie's nicht mehr erträgt, die alte Sonia wird entlassen, nachdem bei einer handfesten Keilerei zwischen ihr und Raquel Professor Valdez' Segelschiffmodell zu Bruch gegangen ist, an dem er ein Jahr lang gebastelt hatte – wenn er gerade mal nicht Golf spielen war.

Aber es hilft alles nichts: Nachdem Raquel ihren zweiten Schwächeanfall mit anschließendem Krankenhausaufenthalt erleidet, ist der Hilfsbedarf zwingend geworden. So kommt Lucy, Kandidatin Nummer drei, zur Familie Valdez. Raquel gibt sich wieder schroff und unnahbar und versucht bei Lucy die gleichen Tricks wie bei ihren beiden Vorgängerinnen. Besonders beliebt: Die ungeliebte Kollegin aus dem Haus aussperren, drinnen den Staubsauger anstellen und so tun, als ob man die abwechselnd laut gegen die Tür klopfende und ratlos im Garten umherirrende „Rivalin“ nicht bemerkt.

Doch bei Lucy beißt sie damit auf Granit. Die lacht nur, entledigt sich ihres Oberteils und nutzt die Gelegenheit des Ausgesperrtseins für ein Sonnenbad – was bei der emotional verkümmerten Raquel einige Verlegenheit auslöst, aber auch dazu beiträgt, ihre Blockaden allmählich zu lösen und sich mit der Neuen anzufreunden. Bis sie gar die Weihnachtstage bei Lucys Familie verbringt und dort auch Lucys Verwandten Eric kennenlernt. Nein, damit ist nicht zu viel verraten, die Geschichte geht noch ein bisschen weiter.


Allmähliche Menschwerdung

La Nana könnte man als Protokoll einer langsamen Menschwerdung bezeichnen. Ein eher leises, unspektakuläres Kammerspiel im Wechsel zwischen Melancholie und Heiterkeit, das sich mit einer Ausnahme ausschließlich in Haus und Garten der Familie Valdez abspielt. Im Zentrum des Films stehen Details wie die kleinen Gesten und Blicke, mit denen Menschen ihre Gemütszustände offenbaren – bei Raquel sind das zunächst vor allem kleine (und größere) Gemeinheiten, die ihr helfen, ihre offensichtlich beträchtlichen Frustrationen zu ertragen.

Hauptdarstellerin Catalina Saavedra spielt die sich wandelnde Perle schon recht eindringlich und überzeugend. Häufige Großaufnahmen ihres Gesichts verstärken über weite Strecken des Films den Eindruck gelebter Bitterkeit und zeugen im letzten Drittel von Raquels Veränderung, wenn ihre Gesichtszüge sich allmählich entspannen und weicher wirken: Vom chronisch herabhängenden Mundwinkel zum vorsichtig freundlichen Lächeln. Dass sie für ihre Leistung gleich bei mehreren Filmfestivals als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, ist durchaus nachvollziehbar.

Allerdings verliert die recht absehbare Geschichte mit zunehmender Spieldauer deutlich an Reiz und Spannung. Das Ganze zieht sich, der einen oder anderen humorigen Auflockerung zum Trotz, doch ziemlich in die Länge. Warum es für La Nana beim Sundance-Festival, der wohl bedeutendsten Independent-Filmveranstaltung weltweit, im letzten Jahr für den Großen Preis der Jury reichte, erschließt sich nicht. Und es lässt keine allzu freundlichen Rückschlüsse auf die Qualität des restlichen 2009er-Sundance-Jahrgangs zu – auch wenn dazu das von nahezu allen Kritikern sehr wohlwollend aufgenommene und ebenfalls mehrfach ausgezeichnete Sozialdrama Precious gehört.

La Nana – Die Perle (Chile 2009), Regie: Sebastián Silva, Filmstart: 17.Juni, Rex, Filmpalette Köln, Odeon Köln.


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