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Literatur - Jürgen Hermann

Die Faszination des Jenseitigen

Nighttalker Jürgen Domian begibt sich auf philosophisch-theologisches Terrain und führt in seinem jüngsten Buch ein Gespräch mit dem Tod.


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Man fragt sich, wie der 54-Jährige bei seiner Tätigkeit als allnächtlicher Talkshow-Moderator noch die Zeit und die Muße hat, Bücher zu schreiben. Wie auch immer: Zwei bemerkenswerte Romane sind vor dem jetzigen Buch entstanden. Er sei, so sagte er einmal, nachts, im Anschluss an die Sendungen, eher aufgewühlt als müde und finde im Schreiben seine Form der Beruhigung.

Seit 1995 gibt Domian in der gleichnamigen bimedialen Sendung Lebenshilfe, sozusagen als Therapeut ohne medizinische Ausbildung. Beeindruckende Einschaltquoten belegen die Popularität seiner Arbeit. Mit rund zwanzigtausend Menschen führte er seither Gespräche, und wer den Talk kennt, weiß, welche Bedeutung in ihm den Themen Krankheit, Sterben und Tod zukommt.

Nun führt Jürgen Domian ein fiktives Interview mit einem besonders illustren Wesen: dem Tod. Angesprochen werden Aspekte wie die Existenz Gottes, die Bedeutung der Religionen, die Dauer des Lebens sowie Liebe und Sexualität. Leicht verständlich sind viele Passagen indes nicht. „Für mich gibt es keine Zeit, aber ohne sie gäbe es mich nicht. Endet die Zeit, endet der Tod“, lässt Domian „Freund Hein“ erklären. Zur Dauer des Lebens: „Ich gehe immer zu denen, deren Aufgabe auf Erden erfüllt ist. Manche Menschen benötigen dafür achtzig oder neunzig Jahre, manche vielleicht nur ein paar Stunden.“ Über Gott: „Gott ist mit dem menschlichen Verstand nicht erfahrbar. Würdest du ihn begreifen, wäre es nicht Gott.“ Das interpretiere jeder Leser für sich.

Über die Religionen sagt der Tod: „Alle haben Recht – und alle lügen sie … Die großen Religionen haben sich allesamt immer zu wichtig genommen, ihre Institutionen üben Macht über Menschen aus, und ihre Dogmen sind Gefängnisse. Jedoch waren sie stets auch Sinnstifterinnen und haben so der Menschheit das Überleben erleichtert … Du brauchst keine Lehre, keine Gebete, keine Kirchen und keine Moscheen. Schon gar keine religiösen Institutionen. Du brauchst nur dich und die Stille.“

Doch Domians Buch fährt zweigleisig. Die Gesprächspassagen mit dem Tod ergänzt der Autor um autobiographische Schilderungen, um Rückblicke auf sein Leben, Selbstreflexionen und das Nachdenken über sein Verhältnis zur Religion. So erfährt der Leser, dass Domian als Jugendlicher ein geradezu fanatischer evangelischer Christ war, ehe er, mit derselben Heftigkeit, zum Atheisten mutierte. Später begann er, alles Religiöse von Grund auf anzuzweifeln, es als „absurd, lächerlich und vollkommen durchschaubar“ abzulehnen.


Der Tod – das Schlüsselthema in Domians Leben

Schrittweise legte er dann seine atheistische Überzeugung ab: „Diese Weltsicht war mir zu einfach, und irgendwann begriff ich endlich, dass der Atheismus eben auch nur eine Spielart des Glaubens darstellt.“ Seine Neugier über den Prozess des Sterbens und über den Tod stieg beständig – nicht zuletzt aufgrund des Schicksals der Großeltern, die kurz vor Kriegsende in Westpreußen ermordet wurden, des Suizids einer Bekannten im Alter von neunzehn Jahren und des Todes des krebskranken Vaters in einer palliativmedizinischen Einrichtung.

Seit der Kindheit fasziniert Domian der Tod: „Im Grunde ist der Tod das Thema meines Lebens. Nicht die Liebe, nicht der Erfolg, das Glück, die Schönheit oder die Gerechtigkeit. Nein, mein Lebensthema ist der Tod. Aber offensichtlich hatte ich bisher Scheu, mir dies so klar einzugestehen.“ Später befasste er sich mit anderen Religionen, spürte dem Phänomen der Nahtoderfahrungen nach und entschloss sich zu einem (enttäuschenden) Besuch bei einem Medium.

Mit großem Interesse las Domian „Das Tibetische Totenbuch“; ihm widmet er einen ganzen Abschnitt seines Buches. Mit Nachdruck plädiert er für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe in Deutschland und beklagt die Tabuisierung des Themas Tod in der westlichen Gesellschaft. Dies sei „ein Armutszeugnis für unsere moderne Zivilisation, in der Tod und Sterben wie ein Störfall behandelt werden und die alles daran setzt, die Vergänglichkeit vergessen zu machen.“

Das Buch liefert eine in die Tiefe gehende Betrachtung zum Thema Sterben und Tod, über den Glauben und den Sinn des Lebens, die Existenz der Seele und gesellschaftliche Normen. Hinzu kommt die Anregung, Angst und Hass zu überwinden und dem eigenen Leben eine gewisse Leichtigkeit zu geben. Und es liefert wichtige Denkanstöße, gerade zum brisanten Thema medizinische Lebensverlängerung und Sterbehilfe: „Ich möchte schlichtweg die letzte große Freiheit haben, als Schwerkranker aus dem Leben scheiden zu können, wann ich es für richtig halte.“

Man hüte sich indes vor übertriebenen Erwartungen – denn wer oder was der Tod ist, das kann auch Jürgen Domian nicht erklären. Offen bleibt zudem die Frage über das Danach. Nahtoderlebnisse definiert der Autor als extreme Lebenserfahrungen, aber nicht als Todeserfahrungen, da niemand berichten könne, der die Schwelle zum Tod überschritten habe und biologisch tot gewesen sei. „Das Sterben, auch das leidvolle Sterben, ist Teil eines für Menschen nie zu begreifenden komplexen Zusammenhangs, der weit über eure Welt hinausgeht“, lässt er den Tod sagen.

Nicht zuletzt – er wäre nicht er selbst – unterstreicht Domian den Wert des menschlichen Individualismus, wenn er den Tod sagen lässt: „Alle Menschen werden als Originale geboren, die meisten aber sterben als Kopien.“


Jürgen Domian: Interview mit dem Tod. 176 Seiten. Gütersloher Verlagshaus 2012. 16,99 Euro.


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