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Literatur - Jürgen Hermann
Die Fallhöhe des Lebens
Ein Drama beim Bergsteigen verändert einen Menschen. Joe Simpson schreibt über Liebe, Verlust und das Weiterleben.
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Es fröstelt den Leser des Romans „Der Klang des freien Falls“ auf den ersten einhundert Seiten. Nicht nur, dass die Handlung auf einem sturmumtosten und vereisten Felsvorsprung im Hochgebirge spielt und die Kälte aus dem Buch zu kriechen scheint. Simpson schildert sehr spannend, wie sich zwei Bergsteiger genau dort zum Biwakieren niederlassen. Die Frau steht mitten in der Nacht auf, rutscht aus und fällt über die Kante. Ihr Begleiter kriegt sie noch zu fassen, kann den Sturz in die Tiefe aber letztlich nicht verhindern.
„Er hielt den Atem an, als sie starb. Sie verschwand so schnell, dass er kaum begriff, was geschah. Mit schonungsloser Abruptheit wurde er aus seinem Erschöpfungsschlaf gerissen … Ihr Mund war aufgerissen wie zu einem versteinerten, stimmlosen Schrei, und doch hörte er nur die Geräusche ihres Fallens. Auch sie verebbten rasch, als sie in die leblose Leere unterhalb des Biwakplatzes stürzte.“ Patrick McCarthy verliert seine Lebensgefährtin und seinen Lebensmut.
Direkt nach dem Unfall quält sich Patrick mit Schuldgefühlen. Er denkt daran, den Tod zu suchen, und stellt sich vor, wie beim Erfrieren der Blutkreislauf allmählich langsamer wird und schließlich stockt. Oder wie er sich über die Felskante gleiten lässt. Einen „Ort der eisigen Leere“ wünscht er sich. Doch dann dominiert sein Wille zum Überleben. Patrick kämpft gegen die mörderische Kälte an, verliert durch eine Lawine seine Ausrüstung und findet schließlich doch den Abstieg von dem alpinen „Adlerhorst“.
All dies beschreibt Simpson mit großer Dichte und enorm viel Spannung. Das „zielgerichtete, hinterhältige Eindringen“ der Kälte auf den biwakierenden Patrick überträgt sich auf subtile Weise auf den Leser – der gut daran tut, für die Lektüre einen gut geheizten Raum zu wählen und eine Tasse heißen Tees bereitzustellen. Etliche Formulierungen und Termini machen deutlich, dass es sich bei dem Journalisten und Buchautor um einen erfahrenen Bergsteiger handelt.
Das heißt aber nicht, dass der Roman für Leser ohne alpine Erfahrung und Affinität uninteressant wäre. Vielmehr gelingt es Simpson, die Eindrücke und Empfindungen beim Bergsteigen sehr plastisch in Worte zu fassen, das Abenteuer zu vermitteln und die Grenzerfahrung zu schildern, wenn man allein und hoch in den Bergen den Naturgewalten ausgesetzt ist.
Im zweiten Teil des Buches wird es dann geruhsamer. Viele Jahre nach dem Unfalltod seiner Partnerin lebt Patrick in einer Hütte am Fuß des besagten Massivs, die einst nicht mehr als ein Notbiwak war. Er widmet sein Leben der Rettung von in Lebensgefahr geratenen Alpinisten. Eines Tages findet die Bergsteigerin Cassie den Weg in die Hütte.
Während von neuem ein mörderischer Schneesturm aufkommt, finden Patrick und Cassie zueinander; es entwickelt sich ein „Gefühl der leisen Vertraulichkeit“ und später mehr. Patrick erzählt seine von Wechselfällen und Schicksalsschlägen geprägte Vita. Ehe er jedoch einen neuen Lebensabschnitt beginnen und innere Ruhe finden kann, muss er mit seiner Vergangenheit abschließen. So bricht er auf, um seine verunglückte Gefährtin zu bergen. All das liest sich nett und flüssig, es erreicht aber nicht mehr die Spannung, welche das Buch in seinem ersten Drittel prägt.
Joe Simpson: Der Klang des freien Falls. Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Frey und Edigna Hackelsberger. 332 Seiten. Malik Verlag, München 2011. 19,99 Euro.
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