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Kabarett - Michael Hermann

Die Aufräumer vom Dienst

„Schlachtplatte“ im Pantheon: Robert Griess, Jens Neutag und Achim Konejung entsorgten einen Haufen Müll, den die Politik im ersten Halbjahr 2011 hinterlassen hat.


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Aufrämer vom Dienst: die von
der Schlachtplatte. (Foto: Promo)

Der Kalauer zum Einstieg in diesen Text ist dem krankheitsbedingten Ausfall von Wolfgang Nitschke geschuldet: Die Schlachtplatte im Pantheon fand ausgerechnet ohne ihren „Bestsellerfresser“ statt, der wegen einer Schleimbeutelentzündung passen musste. Da es sich bei Robert Griess, Jens Neutag und Achim Konejung um geschultes kabarettistisches Fachpersonal handelt, fingen sie das Fehlen des Kollegen routiniert auf und verteilten die satirische Halbjahresabrechnung auf drei.

Wie schnelllebig die Politik inzwischen geworden ist, zeigte gleich der Rückblick auf zwei Hauptfiguren ihrer letzten Schlachtplatte im Dezember 2010: Guido Westerwelle und KT Guttenberg. Der eine nicht mehr Parteivorsitzender, der andere ganz ohne Amt und Würden – „Wenn wir Ihnen das vor einem halben Jahr erzählt hätten, welche Klinik hätten Sie uns empfohlen?“. Immerhin, solange Westerwelle noch im Geschäft ist, braucht das Kabarett nicht auf Steilvorlagen wie seinen Ausspruch „Ich stehe zu meinen Fehlern“ zu verzichten, der Achim Konejungs Replik „Wann will er sich dann wieder setzen?“ geradezu provoziert.

Solo-Stand-Up-Nummern wechselten mit Ensemble-Sketchen, begleitet oder abgelöst von Musikeinlagen und Liedern am Klavier. Im Anschluss an Konejungs Eröffnungs-Song zur allgemeinen Panik „Alles wird gut“ demonstrierte Jens Neutag, wie man Muslimen im Sendung-mit-der-Maus-Stil die christliche Kultur und deren Riten wie das Abendmahl erklärt („Die haben den so lieb, die essen den Jesus auf!“) und gleichzeitig den Klerus vom Kannibalen zu Rotenburg abgrenzt. 


Gabriel beim Bund, die Grünen bei den „Siegern“

Robert Griess griff bei seinem ersten Solopart in die Vollen und nahm sich die derzeit erfolgreichste deutsche Partei vor. Dazu schlüpfte er in die Gestalt eines verbeamteten Lehrers und Grünen-Parteitagsdelegierten von Mitte Vierzig, Sinnbild für eine Partei, die „Pro und Contra in einem“ verkörpere: „Opportunismus, das können wir besser als die FDP!“ Der grüne Lehrer wirft einen nostalgischen Rückblick auf die Studienzeit, als er höchstselbst eine Fahrrad-Demo organisierte – mit 7 Teilnehmern und „80 Motorradpolizisten in Rautenformation“. Heute dagegen wollten die Grünen nicht mehr nur dagegen sein, sondern „zu den Siegern gehören“, wo sie doch über Personal mit so „tollen Bios“ (Biografien) verfüge wie die Claudia, den Cem, die Renate und den Jürgen, von denen er auch alle ganz lieb grüßen solle. Nur der eigene Nachwuchs macht Sorgen: Sohn Aurelio-Julius ist bei den Jungliberalen.

Sehr vergnüglich auch die anschließend im Ensemble vorgetragenen und kommentierten Kurzmeldungen. Demnach hat SPD-Chef Gabriel seinen Dienst bei der Bundeswehr in der „Bild“-Zeitung tatsächlich als die „24 lustigsten Monate“ seines Lebens bezeichnet [Hab’s nachgeprüft, es ist im Wortlaut so bei bild.de abrufbar. Da besteht also keine Gefahr, dass die SPD zur Spaßpartei werden könnte, d. Verf.] Die christdemokratische Konkurrenz hingegen treibt das Verhältnis zu den hier lebenden Muslimen um, für die einen (Wulff, Schäuble, Lammert) gehören sie dazu, für die anderen (Merkle, Friedrich) nicht. Und so titelte dpa treffsicher: „Islam spaltet CDU“. Tja, überall bröckeln die Fundamente und die Allianzen, in Italien distanzierte sich gar der Vatikan von Berlusconi nach dessen Sex-Skandalen. Daraufhin habe sich dann die italienische Regierung vom Vatikan distanziert – vermutlich aus ganz ähnlichen Gründen …


Perückenträger und „Lichtmensch“

Auch hierzulande stehen dem Kabarett genügend weitere Zielscheiben zur Verfügung, wie etwa der hessische Ministerpräsident Bouffier. Der trage, spottete Jens Neutag, „alte Perücken von Gesine Schwan“ auf, wirke aber trotzdem immer noch unseriöser als ein Gebrauchtwagenhändler. Ganz großes (Melo-)Drama dann, als Neutag den Text vorlas, den F.J. „Post von“ Wagner zu Guttenbergs Rückzug schrieb. Da bedauert der „Bild“-Poet, dass der Freiherr sich nun in die „fränkischen Wälder“ wie eine „Eule im Dunkeln“ zurückziehe, wo er doch ein „Lichtmensch“ sei. Kommentar des Schlachtplattlers: „Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.“

Zeit für eine weitere Musikeinlage, nun zum Euro-Zirkus mit seinen Krisenländern. Achim Konejung verulkte am Klavier rhythmisch und melodisch das berühmte Alexis Sorbas-Thema, aus dem irischen Folk-Standard Dirty Old Town wurde „Geh’n wir halt klau’n“. Außerdem gab es ein paar Wortspiele aus der Abteilung naheliegend und bekannt, die auf der Bühne nur noch mit einem nachgeschobenen „höhöhö“ – näh, wat’n Kalauer – präsentiert werden können, aber angesichts der aktuellen Entwicklungen durchaus zulässig sind: So wurde aus Griechenland „Siechenland“, und zum Sommerurlaub im Bunga-Bunga-Land der fröhliche Gesang „Wir fahren gen Italien“ angestimmt.


Die Rechnung, bitte!

Die zweite Hälfte des Abends begann mit Nummern, die das Motto Schlachtplatte wörtlich nahmen. Zur Eröffnung gab Konejung ein Lied über „Salmonellen, die aus Hähnchen quellen“ zum Besten. Jens Neutag griff das Thema in einem Solopart über Lebensmittelskandale auf und rechnete anhand von aktuellen Reklamezetteln überzeugend vor, dass es mit der Qualität von Supermarkt-Hähnchenfleisch nicht weit her sein kann: „100 Gramm Hähnchenfleisch kosten umgerechnet 19 Cent, 100 Gramm Klopapier 20 Cent. Wenn Essen weniger als Klopapier kostet, dann war es schon vorher scheiße.“ Ähnlich zwingend auch die Schlussfolgerung, die er aus dem Vergleich zwischen den Kosten für die Beseitigung einer überfahrenen Katze durch die Feuerwehr und dem Preis für gemischtes Hackfleisch zog ... Mahlzeit!

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