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Literatur - Jürgen Hermann

Deutschlands grünes Band

Der Tier- und Dokumentarfilmer Andreas Kieling wandert durch den einstigen Todesstreifen, das Gebiet der innerdeutschen Grenze, und entdeckt die pralle Natur.


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Nicht weniger als 1400 Kilometer bringt Kieling hinter sich, als er – auf Schusters Rappen und begleitet von seiner treuen Hündin Cleo – das „Grüne Band“ kennenlernt. Jahrzehntelang war der Todesstreifen zwischen den beiden deutschen Staaten eine Sperrzone, die „heißeste Grenze des Kalten Krieges“.

Der erfreuliche Nebeneffekt ist, dass Flora und Fauna in diesem Streifen weitgehend naturbelassen blieben und sich recht frei entfalten konnten. Die Landwirtschaft wurde extensiv betrieben, Dünge- und Pflanzenschutzmittel setzte man kaum ein. Heute bildet das Grüne Band Deutschlands größtes Naturschutzgebiet, ein ausgedehntes Biotop mit einer bemerkenswerten Artenvielfalt.

Das Buch lebt zuallererst von seinem Autor, dem inzwischen auch im Ausland bekannten Andreas Kieling. Der gelernte Förster und Berufsjäger im Revierdienst hat sich mit Büchern und Filmen über die Natur und die Tierwelt einen Namen gemacht und verkörpert ein bisschen den Typ des Abenteurers.

Wenn er sich jetzt mit einem Aspekt des jüngeren deutschen Geschichte befasst (und historische Fakten begleiten das Buch durchgehend), so steht dies in Verbindung mit seiner persönlichen Vita: 1959 in Gotha geboren, gelang ihm mit 16 Jahren die abenteuerliche Flucht in den Westen. Er reiste nach Bratislava, durchschwamm die Donau und erreichte unter dem Beschuss der Grenzsoldaten das österreichische Ufer.

Kieling startet seine Tour im Dreiländereck Bayern/Sachsen/Tschechien und wandert zuerst westwärts, später direkt in nördlicher Richtung auf die Ostsee zu. Stationen sind die deutschen Mittelgebirge wie der Thüringer Wald, die Rhön und der Harz.

Der Autor beobachtet die Natur, die Tiere und die Menschen, reflektiert seine Kindheit in Ostdeutschland und nimmt Details der heutigen Realität in der Grenzregion wahr. Auch über die Landflucht macht er sich Gedanken, die man allerdings in vielen Teilen Deutschlands beobachten kann, nicht zuletzt in Kielings heutiger Heimat, der Eifel.


Ein Führer durch Flora und Fauna

Der Leser erfährt in dem flüssig geschriebenen Buch zahllose Details über die Tier- und Pflanzenwelt und lernt viel über Luchse und Biber, Greifvögel und Wildschweine. Mit erkennbarem Fachwissen wird etwa das sensible Ökosystem eines Gebirgsbaches und eines Schwarzen Moores beschrieben. Wer weiß schon, dass nahe beim Ratzeburger See wilde Nandus leben, die man aus Südamerika kennt. Und wer denkt, die Zahl der Enden eines Hirschgeweihs belege das Lebensalter des Tieres, der wird in einem längeren Exkurs zu diesem Thema eines Besseren belehrt.

Viele interessante Personen kreuzen Kielings Weg – ein staatlicher bayerischer Flussperlmuschelsucher etwa, eine Familie, die ein voll ausgewachsenes Wildschwein namens Einstein als Haustier hält, oder ein Thüringer, der indische Wasserbüffel züchtet und über die Tiere nur Gutes berichten kann. Wissenschaftler mit nischenartigen Tätigkeitsfeldern tauchen ebenso auf wie Hobbyforscher und zahlreiche „einfache Menschen“ aus den durchwanderten Regionen.

Cleo, die Hündin, ist der zweite Hauptakteur des Buches; sie wird nach der Tour „reifer geworden sein“. Das junge Tier schnuffelt mal hier, mal da, zickt manchmal ein bisschen und stibitzt am Imbissstand einem Wildfremden die Thüringer Bratwurst. Sie verspeist zwischendurch die griechische Landschildkröte der Pensionswirte, stürzt sich trotz ihrer Wasserscheu in den Bach, um die Forelle fürs Lagerfeuer zu fangen, und verursacht in einem Süßwarenladen an der Strecke ein heilloses Durcheinander. Tiere sind halt immer großartige Darsteller.

Ein Manko kann das Buch verständlicherweise nicht überwinden: Der visuelle Eindruck des bewegten Bildes – der 2009 zu dieser Tour entstandenen mehrteiligen Dokumentation im Fernsehen – ist von dem Text und dem ansprechenden Bildteil unmöglich zu erreichen. Auch einen Reiseführer legt Kieling nicht vor. Nein, es ist die eher szenenartig geschriebene Schilderung einer großartigen Wanderung durch Deutschland. Ein Führer durch die vielfältige Natur und die charmante Beschreibung der kleinen Abenteuer und Wunder, die man auch hierzulande erleben kann.

Wie eine Reminiszenz an die deutschen Romantiker liest es sich, wenn Kieling einen Sonnenuntergang am Ufer der gemächlich dahinziehenden Elbe schildert, mit duftenden Wiesen, schnatternden Gänsen und einem über ihm kreisenden Seeadler. Freundliche Menschen winken aus vorbeifahrenden Booten zu, und der Autor sinniert mit Cleo neben sich über die landschaftliche Schönheit Deutschlands. Da fehlt eigentlich nur noch der röhrende Hirsch.

Andreas Kieling (mit Sabine Wünsch): Ein deutscher Wandersommer. 1400 Kilometer durch unsere wilde Heimat. 304 Seiten. Malik Verlag, München 2011. 22,95 Euro.


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