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Theater - Christiane Wiegand

Der Wunderquell versiegt

Jens Kerbel inszeniert in der Werkstatt einen kurzweiligen humoristischen Abgesang auf den Versandriesen Quelle.


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Susanne Bredehöft, Anke Zillich und Günter Alt (Fotos: Thilo Beu)

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Schon beim Betreten des Foyers lächelten dem Besucher die Models von bunten Plakaten entgegen.  An der Garderobe lehrte eine großformatige Tabelle mit dazugehöriger ausführlicher Anleitung den geneigten Leser, beim Herrn oder bei der Dame auf den Zentimeter genau die richtige Kleider- oder Schuhgröße zu bestimmen. Wer einen konventionellen Theaterabend erwartet hatte, war am Samstagabend in der Werkstatt an der falschen Adresse.

Und so schaute manch ein gestandener Theatergänger ein wenig verdutzt aus der Wäsche, als auf der Bühne statt gehobener Verse Auszüge aus einem Versandhauskatalog rezitiert wurden. Natürlich handelte es sich hier nicht um irgendeinen x-beliebigen Katalog, sondern um das „konsumistische Manifest“ schlechthin, das Werk, in dem die Wunschträume einer ganzen Generation Form und Farbe angenommen hatten: den Katalog des Versandhauses Quelle. Als das Unternehmen Ende des vergangenen Jahres nach mehreren erfolglosen Rettungsversuchen aus Politik und Wirtschaft Insolvenz anmelden musste, ging eine Ära zu Ende. Diese Ära lässt die neue Produktion des Theaters Bonn unter dem Titel „Tausend Wünsche – eine Quelle oder: Der Pfennig ist die Seele der Milliarde“ Revue passieren.

Die Idee stammt von Generalintendant Klaus Weise, umgesetzt haben sie Regisseur Jens Kerbel und Michael Barfuß, der für die musikalische Leitung des Abends verantwortlich zeichnete. Zusammen mit drei Schauspielern des Ensembles und einem Musiker präsentierten sie dem Premierenpublikum in einer rund einstündigen humorvollen musikalischen Nummernrevue die Geschichte des Quelle-Versandhauses von seiner Blütezeit bis zu seinem Niedergang. Die Musikauswahl reichte dabei von Evergreens wie „Bei mir bist du schoen“ über Schlager und Hip-Hop bis hin zu einem Punkrocksong mit der bezeichnenden Textzeile „mit dem Quelle-Katalog schlug er sie tot“. Als verbindendes Element zwischen den musikalischen Nummern dienten Videoeinspielungen von Quelle-Werbespots und Katalogausschnitten verschiedenster Jahrgänge sowie O-Töne von Politikern wie Horst Seehofer zur fehlgeschlagenen Rettung und schließlichen Insolvenz des Unternehmens.

In einer Kulisse aus gestapelten Kisten und allerlei weiterem Verpackungsmaterial (Bühnenbild: Ansgar Baradoy) sangen, tanzten und spielten Susanne Bredehöft, Anke Zillich und Günter Alt, unterstützt durch Marcus Schinkel am Keyboard. Ihre schwungvolle und energiegeladene Darbietung erntete immer wieder Szenenapplaus. Bemerkenswert, wie vor allem Zillich und Alt eine leicht antiquiert anmutende Produktbeschreibungen in ein beinahe erotisches Versprechen zu verwandeln vermochten. Eben noch staunende Konsumenten, schlüpften sie in Sekundenschnelle in die Rolle des schmierigen Verkäufers, der die Vorzüge des Produkts wie ein religiöses Mantra wiederholt. Szenen wie diese entfalteten ihre komische Wirkung vor allem durch ihren Wiedererkennungswert. Denn wer kennt sie nicht, die durch ständige Wiederholung fast hypnotisch anmutenden Heilsversprechen der Werbung?

Susanne Bredehöft, in ihrem hellen Hosenanzug (Kostüme: Mathilde Grebot) weit weniger flippig und grell als ihre Schauspielerkollegen, konnte auch in ihrer Darbietung nicht ganz mit dem Schwung und der Energie Anke Zillichs und Günter Alts mithalten, obwohl das Programm ihr die Szenen mit der größten Publikumsnähe zugestand. In den Ensembleszenen schien sie sich sichtlich wohler zu fühlen, als auf der Suche nach „dem richtigen Boy“ in den Reihen des Publikums. Dennoch gelang ihr gegen Ende des Abends mit ihrer tragikomischen Liebeserklärung an den Katalog und seine Traumwelt ein eigentümlich anrührender Moment.

Und als die Darsteller ein letztes schwermütiges Lied vom Abschied sangen, liefen die wichtigsten Stationen der Geschichte des Quelle Versandhauses wie ein Nachruf über die Leinwand aus Pappkartons. Ein treffenderes Bild hätte man zum Abschluss kaum finden können. Es ist das Ende einer Ära: der Wunderquell ist versiegt.

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