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Literatur - Jürgen Hermann

Der Traum vom sozialen Aufstieg

Ankunftsstädte – „Arrival Cities“ –, so Doug Saunders, bergen enorme Risiken für die große Zahl von Neuankömmlingen und bieten zugleich beachtliche Chancen.


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Die mehrere hundert Seiten starke Studie des britisch-kanadischen Journalisten trägt im englischen Original einen weniger sperrigen Untertitel als in der deutschen Ausgabe. Dort heißt es auf den Punkt gebracht: „The Final Migration and Our Next World.“ Allerdings ist diese „nächste Welt“ bereits die Unsrige, die heutige Welt, wie ein Blick nach Duisburg oder Paris-Evry, nach London oder Los Angeles zeigt.

Saunders beschreibt die Problematik von verschiedenen Seiten und verweist gleich zu Anfang darauf, dass erstmals in der Geschichte mehr Menschen in den Städten leben als auf dem Land. Etliche seiner sozioökonomischen Beobachtungen sind nicht wirklich neu und längst in vielen deutschen Vorstädten augenscheinlich, und seine Schlussfolgerungen hat man schon an anderer Stelle gelesen. Aber so umfassend hat wohl noch kein Autor die Hintergründe der heutigen Migrationswellen beleuchtet und Chancen sowie Risiken einander gegenübergestellt.

„Die Menschen werden sich in einer großen, endgültigen Verschiebung vom Landleben und der Landwirtschaft wegbewegen und in die großen Städte gehen. Das ist die Entwicklung, die vom 21. Jahrhundert am deutlichsten in Erinnerung bleiben wird – wenn man vom Klimawandel einmal absieht. Wir werden gegen Ende dieses Jahrhunderts eine ganz und gar urbane Spezies sein.“ Mit diesem Statement eröffnet Saunders sein Vorwort.


Der Blick in die Geschichte der Migration

Dabei sind Migrationswellen keineswegs etwas Neues. Im 18. und 19. Jahrhundert führten sie in Europa und Nordamerika zu gravierenden politischen Umwälzungen, bahnbrechenden technischen Neuerungen und zum ökonomischen Aufstieg vieler Menschen, d.h. zur Herausbildung einer sozialen Mittelschicht. Es entstanden neue Ideologien und innovative Staatswesen. Berlin, London, Barcelona, Boston und viele andere urbane Zentren wurden zu klassischen Ankunftsstädten, in denen oftmals üble Lebensbedingungen herrschten. Stücke der Weltliteratur wie „Oliver Twist“ dokumentieren die soziale Not in der Zeit des Frühkapitalismus. Hunger sowie die Kartoffelfäule zwangen in den 1840er-Jahren mindestens eine Million Menschen, ihre Heimat Irland zu verlassen. In der Neuen Welt war der soziale Aufstieg damals praktisch sicher.

Doug Saunders analysiert zu Recht, dass Dörfer für ihre Bewohner weltweit für Rückständigkeit, Hunger, Armut und Tod stehen. Den Kontrast bildet immer und überall die glitzernde Stadt mit ihren scheinbar grenzenlosen Chancen und Möglichkeiten. Dies ist die Meinung vieler Landbewohner – seit langer Zeit und fast nicht korrigierbar. Folglich verlassen die Menschen ihre Herkunftsdörfer; sie ziehen mit großen Erwartungen in Ankunftsstädte und arbeiten dort an ihrem sozialen Aufstieg.

Diese Migration ist im Grunde nicht aufzuhalten, denn die Hoffnung auf ein besseres Leben, zumindest für die Kinder, hat eine sehr starke Anziehungskraft. Dafür leben die Eltern oft für lange Zeit in primitiven Behausungen, etwa in einfachsten Schlafkammern im südchinesischen Shenzhen oder im indischen Mumbai. Viele Ehen scheitern, und neue Beziehungen können nur selten aufgebaut werden. Anders ausgedrückt: Das Leben in der Ankunftsstadt ist auch und vor allem eine Wette auf die Zukunft der nächsten Generation.


Hoffnung für sich selbst und die Kinder

Die vertikale Mobilität gelingt laut Saunders allerdings viel mehr Menschen, als man denkt. Ankunftsstädte dienen als Sprungbretter für den Aufstieg und zugleich der finanziellen Unterstützung der nächsten Zuwandererwelle. Einen wichtigen Grund bilden die Netzwerke in den Vorstädten, wo sich ethnische Viertel herausbilden und sich nicht selten, nach und nach, ganze Familienclans, ja ganze Dörfer niederlassen. Es kommt zur Kettenmigration.

Man hilft sich gegenseitig und entwickelt ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Gerade unter Asiaten ist das Bestreben spürbar, durch Integration, das Erlernen der neuen Sprache und einen gehobenen Bildungsabschluss den Weg aus der Vorstadt zu finden. Die Auswanderer sind auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Herkunftsländer. So fließen ins ländliche Bangladesch Jahr für Jahr fast elf Milliarden Dollar von Migranten und ihren Nachkommen. Das ist mehr als der jährliche Exporterlös des südasiatischen Landes und weit mehr als die addierte Entwicklungshilfe aus den Industriestaaten.

Das Buch lebt zum großen Teil von den geschilderten Fallbeispielen und Einzelbiographien. Es nimmt seine Leser mit auf eine Reise nach China, wo die Megacity Chongqing Dörfer und Kleinstädte „aufsaugt“ und wo zuströmende Wanderarbeiter, eingebunden in ihre neue städtische Umgebung und in die entstehende Infrastruktur, Geld ins Dorf schicken, aber keinesfalls zurückkehren wollen. Beschrieben werden Menschen aus Bangladesch mit ihrem neuen Leben in Londons Vorstadt Tower Hamlets, Bewohner von venezolanischen und brasilianischen Favelas, Latinos in Los Angeles (die sich immer häufiger in den „feinen“ Vorstädten niederlassen) und Menschen in Teheran, Paris, Indien, Kenia und Berlin-Kreuzberg.


Revolutionäres Potenzial

Ein wichtiges Kapitel des Buches widmet sich der Landflucht im Iran als Folge der „Weißen Revolution“ des Schah und seines Wunsches nach der übereilten Modernisierung von Staat und Gesellschaft. Zahllose Bauern ließen sich ab den 1960er-Jahren in neuen, planlos entstandenen Vorstädten Teherans nieder, wo die soziale Unzufriedenheit anwuchs und die Islamische Revolution von 1979 „ihren Rückhalt und ihre Ursache fand“. Dabei wollten viele Menschen sicher bloß eine „iranische Revolution“ und die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen und hatten die Islamisierung nicht im Sinn. Heute, so Saunders, höre man in Teherans Vorstädten wieder wütende Kritik an der iranischen Regierung. Die Lage sei erneut explosiv.

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