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Literatur - Jürgen Hermann
Der letzte Sowjetführer
Michail Gorbatschow wird 80 Jahre alt. György Dalos zeichnet das Leben des letzten Staats- und Parteichefs der Sowjetunion nach.
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Der in Deutschland lebende ungarische Autor stellt in seinem Buch die Ereignisse in den Mittelpunkt, die zu Gorbatschows Aufstieg in den Kreml führten und seine Amtszeit an der Spitze der KPdSU prägten. Er analysiert dessen Politik, die unter den Schlagworten Glasnost und Perestroika stand und letztlich das Ende der Sowjetunion nach sich zog. Dabei greift der Autor auf bemerkenswerte interne Dokumente und Sitzungsprotokolle aus Sowjetzeiten zurück, gewährt Einblicke in Besprechungen des Politbüros und wählt – wenngleich manchmal von Ironie begleitet – einen sachlichen Ton.
Beschrieben wird zunächst Gorbatschows Karriere in der sowjetischen Nomenklatura. So kommt der Bauernsohn aus dem Nordkaukasus, das „Landei Mischa“, 1950 zum Jurastudium nach Moskau; er wird Mitglied der KPdSU und nimmt 1953 Raissa Titarenko zur Ehefrau. Zur gleichen Zeit absolviert der ebenfalls 1931 in eine bäuerliche Familie geborene Boris Jelzin sein Ingenieurstudium in Swerdlowsk. Noch können beide nicht ahnen, in welch historischer Dimension sich ihre Wege später kreuzen werden.
Während seiner Tätigkeit als Erster KP-Sekretär der Region Stawropol (ab 1970) macht sich Gorbatschow wichtige Männer in der Sowjetführung zu Freunden. Er nutzt den Umstand, dass die meisten Politbüromitglieder irgendwann zur Kur nach Mineralnyje Wody kommen, und arbeitet mit Erfolg am Aufbau seines privaten Netzwerks. Michail Suslow, der mächtige „Chefideologe“ im Kreml und einst ebenfalls erster Mann in Stawropol, wird zu Gorbatschows Mentor.
In den frühen 1980er-Jahren fordert die gerontokratische Struktur der Sowjetführung ihren Tribut: Ein Spitzenfunktionär nach dem anderen segnet das Zeitliche. An der Parteispitze folgt auf den Tod Leonid Breschnews die kurze Amtszeit von Juri Andropow, der bereits nach 15 Monaten stirbt und durch den siechen Konstantin Tschernenko ersetzt wird, den man, im März 1985 und nach 13 Monaten im Amt, zu Grabe trägt.
Der Hoffnungsträger
Nun ist endgültig die Stunde Gorbatschows gekommen und der Generationenwechsel im Kreml nicht länger aufschiebbar. „Gorbi“, der bei seiner Ernennung zum ZK-Sekretär 1978 erstmals in westlichen Medien Beachtung gefunden hatte, von dem reformbereiten Juri Andropow gefördert wurde und unter Tschernenko bereits einen Großteil der Tagesgeschäfte erledigte, wird im Alter von 54 Jahren Staats- und Parteichef der Sowjetunion.
Drei Monate zuvor war er mit seiner attraktiven Ehefrau Raissa in London von Margaret Thatcher empfangen und als „Hoffnungsträger der nächsten [sowjetischen] Führungsgeneration“ sowie als „Pragmatiker von der freundlichen Art“ bezeichnet worden, aber auch als „Verteidiger des ,unerschütterlichen bolschewistischen Prinzips’, zu dem er sich wenige Tage zuvor bekannt hatte“ (Der Spiegel). Kurz gesagt: Man weiß Anfang 1985 im Westen nicht so recht, mit wem man es künftig im Kreml zu tun hat.
In den Jahren nach seiner Ernennung bemüht sich Gorbatschow um Reformen, um die Umgestaltung (Perestroika) der UdSSR und um Transparenz (Glasnost). Innenpolitisch wendet er sich unter anderem gegen Korruption und Alkoholmissbrauch und rehabilitiert den führenden Dissidenten Andrej Sacharow. In Verhandlungen mit Ronald Reagan erreicht er wichtige Fortschritte bei der globalen Abrüstung, und mit dem Rückzug der Sowjetarmee endet das glanzlose militärische Abenteuer der Weltmacht in Afghanistan.
Im osteuropäischen Lager, bei den Verbündeten von Honecker bis Schiwkow, werden die Reformschritte im „Mutterland des Sozialismus“ indes mit großem Argwohn beobachtet. In dem vielleicht interessantesten Teil des Buches beschreibt György Dalos die Reaktionen der Ostblockführer angesichts ihres drohenden Machtverlusts.
Zwischen Bruderkuss und Nichteinmischung
Wir erleben in diesem Kapitel den zaudernden Ostdeutschen Erich Honecker (der zudem um keinen Preis auf den sozialistischen Bruderkuss verzichten mag) sowie den wuttobenden Rumänen Nicolae Ceauşescu, der Gorbatschow im Kreml anbrüllt. Bulgariens Langzeitherrscher Todor Schiwkow, „dieser kleinkarierte und primitive Bürokrat“, lässt sich nach 35 Jahren widerstandslos die Macht nehmen und bittet seine Kollegen im Politbüro anschließend höflich zu einem letzten Umtrunk.
Tiefgreifende Umwälzungen vollziehen sich im sterbenden „Ostblock“ weitgehend gewaltfrei, nur in Rumänien verlaufen die Ereignisse blutiger. „Als einzigen maßgeblichen Partner in der ,deutschen Frage’ betrachtete Moskau die Bundesrepublik“, schreibt Dalos. Egon Krenz wurde glatt übergangen. „Wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt das Prinzip der Nichteinmischung in die Politik der Bruderländer hundertprozentig funktionierte, dann war das am Abend des Mauerfalls.“
In der Spätphase seiner Amtszeit ist „Gorbi“ im Westen – und besonders in Deutschland – angesehen, und 1990 erhält er den Friedensnobelpreis. Doch prägen chronische Nahrungsmittelknappheit, große Unzufriedenheit bei den Bürgern und Unruhen im Kaukasus sowie im Baltikum die sowjetische Realität. Es kommt zu einer Art Doppelherrschaft, als Boris Jelzin das Präsidentenamt der Russischen Teilrepublik innerhalb der UdSSR übernimmt und ab Juni 1991 mit selbstbewusster Machtattitüde auftritt.
Als konservative Kreise um KGB-Chef Krjutschkow und Verteidigungsminister Jasow im August 1991 putschen, Gorbatschow in seiner Feriendatscha auf der Krim festsetzen und der Coup nicht zuletzt durch Jelzins mutiges Agieren scheitert, ist Gorbatschows Machtbasis dahin. Sein Versuch, das sowjetische System durch eine grundlegende Reform zu retten, scheitert endgültig. Er hat Jelzin unterschätzt und den falschen Menschen vertraut – und steht am Ende ziemlich allein da. Mit der Gründung der „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“ (GUS) verschwindet die Sowjetunion im Dezember 1991 in die Geschichtsbücher.
Es waren wahrhaft historische Ereignisse, die nun 20 Jahre zurückliegen, einen vergleichsweise geringen Blutzoll forderten und in atemberaubendem Tempo das Ende einer Weltmacht besiegelten. Bis heute ist Michail Gorbatschow im Ausland weitaus populärer als in Russland. Dalos’ Biografie ist informativ und lesenswert, wenngleich passagenweise die politischen Ereignisse im Vordergrund stehen und man „Gorbis“ Aktivitäten nach 1991 mehr Raum als nur einen zweiseitigen Epilog hätte widmen sollen.
György Dalos: Gorbatschow. Mensch und Macht. Eine Biografie. 288 Seiten. Verlag C.H. Beck, München 2011. 19,95 Euro.
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