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Literatur - Jürgen Hermann
Der kreative Innovator
Genialer Tüftler und perfektionistischer Visionär, despotischer Manager und detailverliebter Kontrollfreak: Steve Jobs hat die digitale Welt mitgeprägt und stieg als eigenwilliger Computerunternehmer zur IT-Ikone auf.
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Man erinnert sich noch bestens an die Betroffenheit, die vor wenigen Monaten um sich griff, als Steve Jobs im Alter von 56 Jahren seiner Krebserkrankung erlag. Weltweit trauerten Fans um ihr Idol wie um einen Popstar, und in zahllosen Nachrufen wurde die Innovationskraft des Mannes gewürdigt, der Apple aufbaute, das Unternehmen nach Jahren der Krise neu erfand und den modernen Menschen mit zahlreichen schicken und nützlichen IT-Produkten ausstattete. „Jobs war der Mann, der die Zukunft erfand, er hat die Bewegungen und das Denken des Menschen verändert“, schrieb Der Spiegel.
Dabei war Jobs bei aller Kreativität sowie seinem Gespür für erfolgreiches Design und zielgerichtetes Marketing alles andere als einfach und keinesfalls ein Teamplayer. Vielmehr muss man ihn als eine reichlich exzentrische Person mit vielen Facetten sehen, als einen autoritären Firmenchef und überheblichen Perfektionisten, der sich schwer tat bei der Kooperation mit anderen. Drogenexperimente beschränkte er auf seine jungen Jahre; eigenwillige Ernährungsgewohnheiten behielt er zeit Lebens bei.
Der Journalist und Autor Walter Isaacson wurde von Jobs bereits 2004 im Hinblick auf das Schreiben der offiziellen Biografie angesprochen. Erst 2009 ging man angesichts des sich verschlechternden Gesundheitszustands des Apple-Chefs daran, das Projekt zu verwirklichen. Erschienen ist das voluminöse Werk fast zeitgleich mit Jobs’ Tod – wodurch der Leser den Eindruck gewinnt, neben einer umfangreichen Lebensbeschreibung auch einen langen und im Kern durchaus anerkennenden Nachruf in der Hand zu halten.
Das chronologisch aufgebaute und flüssig geschriebene Buch ist – wie könnte es anders sein – die Geschichte von Apple Inc. ebenso wie die Vita des Biografierten. Mehr noch: Isaacson erzählt zu einem Teil die Geschichte der amerikanischen IT-Industrie, zeichnet den Marktdurchbruch des Personal Computers nach und schildert die ständige Suche nach neuen Ideen und Produkten in der Informationstechnologie, auf welche die Menschen „anspringen“ würden und in denen das Potenzial für den nächsten kommerziellen Megaerfolg schlummerte. Technisches Interesse sollte beim Leser daher vorhanden sein.
Schrauben im Wohnzimmer
Isaacson beschreibt Jobs, der 1955 geboren wurde und in einer Adoptivfamilie aufwuchs, als jungen, intelligenten Tüftler und Bastler, dem die Highschool ziemlich egal war und der das College abbrach, dafür aber für einige Zeit – zur Selbstfindung und zur Inspiration – nach Indien reiste. Als sich Anfang der 1970er-Jahre abzeichnete, dass der Computer sich zu einem Symbol für Individualität und Freiheit entwickeln würde, war er einer der Männer der Stunde.
Die Erfindung des Halbleiters, so wurde damals deutlich, veränderte die Welt. Im kalifornischen Silicon Valley, wo Steve Jobs aufgewachsen war, nahmen immer mehr zukunftsorientierte Start-up-Unternehmen ihre Tätigkeit auf, und 1976 gründete Jobs mit anderen die Firma Apple. Gemeinsam mit Familienmitgliedern schraubte er anfangs im Wohnzimmer die ersten Computer zusammen, doch dann kam rasch der große kommerzielle Erfolg.
Als Apple Inc. Ende 1980 an die Börse ging, betrug der Unternehmenswert bereits 1,8 Milliarden Dollar. Steve Jobs war 25 Jahre alt und besaß ein Privatvermögen von einer Viertelmilliarde Dollar. Der Apple Macintosh wurde auf dem PC-Markt gut angenommen und behauptete sich gegen Konkurrenzprodukte, vor allem von IBM. In der Apple-Führung kam es jedoch zu immer heftigeren Streitigkeiten, und am Ende positionierten sich die Kontrahenten laut Isaacson wie militärische Einheiten vor der Schlacht. 1985 wurde Jobs faktisch als Chef des Computerunternehmens gefeuert.
Während dieser sich neuen Projekten zuwandte und mit NeXT Computer und Pixar weitere Erfolge verzeichnete – u.a. erkannte er früh das Potenzial des Animationsfilms –, begann für Apple der Sinkflug. Mitte der 1990er-Jahre schrieben viele IT- und Börsenexperten die Firma bereits ab. In dieser existenzbedrohenden Situation holte Apple Inc. Steve Jobs 1997 zurück und berief ihn zum CEO. „Think Different“ hieß nun der Firmenslogan (wobei das zweite Wort substantivisch wahrgenommen werden sollte), und die neu entstandene Zusammenarbeit von Apple und Microsoft war wegweisend.
Poesie mit Ingenieurleistung
Was danach kam, ist bereits heute IT-Kult. Apple erfand sich neu. Der kugelige, farbige und durchsichtige iMac sowie Produkte wie iBook, iPod, iTunes, iPhone und iPad machten Geschichte und waren bahnbrechende Innovationen. Immer gelang es Jobs, vergleichsweise einfach zu bedienende Geräte zu präsentieren, die bei den Verbrauchern auf große Zustimmung stießen.
Der iPod, so Isaacson, „wurde zum Inbegriff dessen, wofür Apple stand – Poesie gepaart mit erstklassigen Ingenieurleistungen, Kunst und Kreativität im Einklang mit Technik, ein gewagtes und zugleich schlichtes Design.“ Für Steve Jobs musste der PC zum „Digital hub“ im Privathaushalt unserer Zeit werden. Zur gleichen Zeit entwickelten sich die Apple Stores zu Kathedralen für den modernen, globalisierten und auf die Informationstechnologie ausgerichteten Menschen.
Steve Jobs wurde zu einem superreichen Mann und blieb laut Isaacson doch bescheiden. Man sieht in ihm zurecht eine Ikone des Unternehmertums des ausgehenden 20. Jahrhunderts, einen Mann, der eine klassische amerikanische, wenngleich von Brüchen nicht freie „Success Story“ vorweist und früh das Potenzial neuer Technologien erkannte. Damit ist er in einer Reihe mit Bill Gates, Larry Ellison und John Chambers, mit Jeff Bezos, Mark Zuckerberg und Larry Page.
Ihre und viele andere Namen stehen für die Nutzung von Computer und Internet im Alltag, was für die Jüngeren selbstverständlich ist und woran sich die nicht mehr ganz Jungen längst gewöhnt haben. „Steve Jobs ist Apple, Apple ist Steve Jobs. Kein einziges Unternehmen ist so stark auf seinen Chef zugeschnitten“, formulierte die Süddeutsche Zeitung, als der Firmenchef im August 2011 – bereits vom Tode gezeichnet – seinen Rücktritt erklärte. „Apple ist kein bisschen behäbig. Auch nach 35 Jahren hat der Konzern noch die Phantasie und den Glamour eines Start-ups – und ganz ähnliche Wachstumsraten.“
Attitüde des Rebellen
Ein einfacher Mensch, so erkennt man nach der Lektüre des Buches, war Steve Jobs nicht. Ein erfolgreicher Entwickler, Designer, Vermarkter und Selbstdarsteller aber durchaus. Jedes neue Produkt präsentierte er persönlich und medienwirksam, gekleidet mit dem typischen schwarzen Rollkragenpullover und mit der Attitüde des Rebellen in der IT-Arena.
Walter Isaacson widmet sich dem Leben des „iGod“ mit seinen egomanischen Zügen umfassend und differenziert. Zugleich nimmt er teil an der Errichtung eines Denkmals des digitalen Zeitalters und erzählt von Jobs’ Visionen und Ängsten sowie über sein privates Leben und seine Liebe zur Musik von Bob Dylan.
Einen ausgewiesenen Philanthropen kann man in Steve Jobs nicht sehen. „Er war kein idealer Chef und auch kein Mensch, der sich als Vorbild eignete“, schreibt Isaacson. „Wenn er von Dämonen beherrscht wurde, konnte er seine Umgebung an den Rand des Wahnsinns und der Verzweiflung treiben. … Seine Geschichte ist ein Lehrstück und eine Warnung, gespickt mit Lektionen über Innovation, Charakter, Führungsstil und Werte.“ Der Sohn des Apple-Gründers tritt übrigens nicht in die Fußstapfen des Vaters: Reed Jobs absolviert derzeit eine Ausbildung zum Onkologen.
Walter Isaacson: Steve Jobs. Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers. Aus dem amerikanischen Englisch von Antoinette Gittinger u.a. 704 Seiten. C. Bertelsmann Verlag, München 2011. 24,99 Euro.
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