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Kino - Michael Hermann
Der Besessene
Wäre „positiv verrückt“ nicht eine durch inflationären Gebrauch im Sportsprech verbrannte Phrase, könnte man sie auf den Baseball-Manager und sportlichen Revolutionär anwenden, den Brad Pitt in „Moneyball – Die Kunst zu gewinnen“ spielt.
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Manager Billy Beane (Brad Pitt) will es mit den Oakland Athletics dieses Mal wissen. (Bild: Sony Pictures Releasing)
Statistik-Crack und Assistant Manager Peter Brand (Jonah Hill), im Hintergrund die eigentliche Hauptfigur (PC). (Bild: Sony Pictures Releasing)
Im Mittelpunkt von Moneyball steht ein scheinbar unmögliches Duo: Zum einen der blasse, übergewichtige und pausbäckige Peter Brand (Jonah Hill), der zwar nie Baseball gespielt, dafür aber ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Yale absolviert hat und sich mit mathematisch-statistischen Berechnungen auskennt. Zum anderen der braungebrannte, vor Gesundheit strotzende Billy Beane (Brad Pitt), einst selbst ein hoffnungsvoller Baseball-Junior, der zwischen Profivertrag und Stanford-Stipendium wählen konnte und sich letztlich für das falsche entschied, da er als Spieler nie den Durchbruch schaffte. Dafür hat er nun als General Manager das große Ziel, mit den finanziell bescheidenen Mitteln der Oakland Athletics den Großen in die Suppe zu spucken und ein Mal den „World Series“-Titel der „Major League“ zu holen.
Eine Mannschaft aus dem Rechner
Weil ihm immer die besten Spieler weggekauft werden, versucht es der General Manager der Oakland Athletics in der Saison 2002 mit ungewöhnlichen Methoden, die sein altgedientes Scout- und Trainerteam vor den Kopf stoßen. Mithilfe der statistischen Verfahren („Sabermetrics“) eines gewissen Bill James und dessen Jünger und Anwender Peter Brand stellt er ein Team aus Spielern zusammen, das zunächst einmal entsetztes Kopfschütteln auslöst.
Was heute im Sport selbstverständlich ist, die Arbeit mit Datenbanken und statistischen Auswertungen, war vor rund zehn Jahren im Baseball noch kaum bekannt. Und hier dienen die ominösen performance indicators der Statistiken einmal einem guten Zweck: Sie liefern ein Bild von den verborgenen Stärken und Einsatzmöglichkeiten bislang unterschätzter Spieler, die sich unter Wert verkauft haben und hinter ihren Möglichkeiten zurück geblieben sind.
Aus solchen Underdogs bilden Beane, Brand und Kollege Computer ihr Team, das die ersten Begegnungen erwartungsgemäß verliert. Doch dann geschieht das kaum Glaubliche: Nach einer Einschwingphase und ein paar personellen Feinjustierungen gewinnt die Mannschaft der Außenseiter jedes Spiel und übertrifft schließlich mit 20 Siegen am Stück den von Chicago White Sox und New York Yankees gehaltenen Uraltrekord.
Ein historischer Sportmoment
Das alles ist vor knapp zehn Jahren tatsächlich passiert, inklusive des völlig irren Spielverlaufs in jenem inzwischen in die Sportgeschichte eingegangenen 20. Match. Eingeschnitten in Moneyball sind einige Original-TV-Sequenzen aus der damaligen Baseball-Saison. Und wie immer, wenn etwas „faction“ ist, schaut man es mit anderen Augen.
Manager Beane, Trainer Howe und die ganzen Spieler gibt es tatsächlich, nur die Figur des Peter Brand musste erfunden werden, da der echte Statistik-Mann hinter den Kulissen laut Medienberichten seinen Namen im Film nicht verwendet sehen wollte – was den Drehbuchautoren Aaron Sorkin (The Social Network) und Steve Zaillian (Schindler’s List) die offensichtlich gern genutzte Gelegenheit gab, aus dem großen, sportlichen Harvard-Absolventen des wirklichen Lebens im Film einen kleinen, dicklichen Yale-Mann zu machen, um so mit Brad Pitt und Jonah Hill ein typisches Gegensatzpaar kreieren zu können.
Wer ohnehin Interesse an Sport mitbringt, muss nicht unbedingt viel von Baseball verstehen, um an Moneyball Gefallen zu finden. Gut, ein Crashkurs mit den wichtigsten Regeln und Begriffen vor dem Kinobesuch kann sicher nicht schaden, wozu gibt es schließlich Video-Tutorials bei youtube und „exzellente“ beziehungsweise „lesenswerte“ Artikel bei Wikipedia. Doch auch wer eher weniger für Sport übrig hat, könnte sich mit dem Film anfreunden. Denn dies ist keine ungebrochene Sporthelden-Biografie, bei der es nach einigen erfolgreich aus dem Weg geräumten Hindernissen nur noch steil nach oben gehen würde.
So ist Master Beane, Workaholic und geschiedener Vater einer 12-jährigen Tochter, auch nicht als rundum sympathischer Typ gezeichnet. Getrieben von einer besessenen Baseball-Leidenschaft und scheinbar permanent im Einsatz, kommt der General Manager offenbar nicht zur regelmäßigen Nahrungsaufnahme. Keine Schale mit Snacks ist vor ihm sicher, wo immer sie ihm auf seinen vielen dienstlichen Wegen und Reisen in Büros, Besprechungszimmern oder Wohnzimmern angeboten werden, macht er sich über sie her. Wie viele Sportler ist auch er abergläubisch und guckt sich nie die Spiele seines Teams an.
Seinen Statistik-Berater und „Assistant Manager“ Peter Brand weist er an, bei Trennungen von Spielern kurz und schmerzlos vorzugehen (was dieser auch tut), hält sich aber selbst keineswegs immer daran, so etwa als er einen als Nr. 26 im Team überzähligen Spieler entlassen muss und ihm doch ein paar persönliche Worte sagt.
Moderner Menschenhandel
Dieses Hire & Fire-System, dessen Tempo einem den Atem verschlagen kann, stellt der Film eindrücklich dar, aber nicht wirklich in Frage. Die Spieler werden während der laufenden Saison einfach weiterverkauft und getauscht wie Handelsware. Ist der Deal durch, erhält der Betroffene Telefonnummer und Namen des Managers, den er anrufen darf beziehungsweise muss, wenn er weiter im Geschäft bleiben will.
Die Transfergespräche laufen nach ganz bestimmten Ritualen mit ganz bestimmten Stichwörtern im Hauruckverfahren ab, wie in einer Szene in Billy Beanes Büro sehr schön deutlich wird. Bei der telefonischen Ankauf-Verkaufsaktion muss über Bande gespielt werden und alles Schlag auf Schlag gehen, da kann man im Eifer des Gefechts schon einmal den einen oder anderen Spielernamen durcheinander bringen und verwechseln.
Was heißt gewinnen?
Nach geltenden US-amerikanischen Erfolgskriterien sind Beane und seine Oakland Athletics keine Gewinner, denn sie stehen am Ende mit leeren Händen da. Auf seine sture, eigenwillige Art und mit seiner zielgerichteten Besessenheit ist aber auch Beane alles andere als ein Verlierer, selbst wenn es für Oakland mit dem Titel nichts wurde. Gemessen an den Kriterien, die für ihn relevant sind, hat er nahezu alles erreicht: „Any other team wins the World Series, good for them. (…) But if we win, on our budget, with this team … we’ll change the game. And that’s what I want. I want it to mean something.“
Oaklands Auftritt in dieser Saison bedeutete tatsächlich etwas, und er änderte das Spiel. Die von Beane eingeführten Methoden revolutionierten Baseball, und mit Hilfe der „Sabermetrics“ schafften es die Boston Red Sox zwei Jahre später, ihren jahrzehntelangen Titelfluch zu besiegen und Meister zu werden.
Moneyball ist ein für US-amerikanische Verhältnisse außergewöhnlich gut gelungener, vielschichtiger Sportfilm und lässt Oliver Stones vergleichbaren An jedem verdammten Sonntag (Any Given Sunday,1999) über die Football-League um einiges hinter sich. Brad Pitt, der den Film auch produziert hat, untermauert in der Beane-Rolle seinen Ruf als einer der besten und vielseitigsten Hollywood-Cracks, Jonah Hill und PSH bleiben nichts schuldig.
Ob allerdings Pitts Star-Appeal reicht, um hierzulande einen Film über eine doch recht unbekannte Sportart zum Erfolg zu machen, ist zweifelhaft. Das Wunder von Oakland dürfte ähnlich schwierig unter die Leute zu bringen sein wie ein Bollywood-Film über den indischen Volkssport Cricket. Aber immerhin wird in Moneyball nicht stundenlang gesungen und getanzt.
Die Kunst zu gewinnen - Moneyball, Regie: Bennett Miller, mit: Brad Pitt, Jonah Hill, Philip Seymour Hoffman u. a., USA 2011, 126 Min., FSK 0 J., Kinostart: 2. Februar 2012.
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