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Kino - Michael Hermann

Der alltägliche Krieg

Nach der historischen Landnahme durch die Konquistadoren der heutige Kampf ums Wasser: Die spanische Regisseurin Icíar Bollaín verschränkt in „Und dann der Regen“ eindrucksvoll südamerikanische Historie und Gegenwart.


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„Wasser ist Leben, kapierst du das nicht?“ Daniel (Juan Carlos Aduviri, li.) und Costa (Luis Tosar). (Bild: Piffl Medien)

Daniel (Juan Carlos Aduviri, 2. v.r.) auf dem Weg zum Casting. (Bild: Piffl Medien)

Wasser ist Menschenrecht: Daniel (Juan Carlos Aduviri) auf der Demo. (Bild: Piffl Medien)

Der Häuptling (Juan Carlos Aduviri) nimmt Anweisungen des Regisseurs (Gael García Bernal) entgegen. (Bild: Piffl Medien)

Kolumbus-Darsteller Antón (Karra Elejalde) weiß auch abseits des Sets mit Worten zu glänzen. (Bild: Piffl Medien)

Nichts als Ärger: Regisseur Sebastián (Gael García Bernal) dreht bald durch. (Bild: Piffl Medien)

Produzent Costa (Luis Tosar) und Regisseur Sebastián (Gael García Bernal) mustern die Bewerber beim Casting. (Bild: Piffl Medien)

Die echte Regisseurin bei der Arbeit: Icíar Bollaín. (Bild: Piffl Medien)

Ein spanisches Filmteam will in Bolivien die Geschichte der Eroberung des Kontinents durch Kolumbus verfilmen. Dabei gerät es zwischen die Fronten des Regimes und der indigenen Bevölkerung, die sich gegen die Privatisierung der Wasserversorgung und die darauf folgende Verdreifachung des Wasserpreises zur Wehr setzt. Im Zentrum des Geschehens steht einer der Anführer der Indigenen – der gleichzeitig einer der Hauptdarsteller des Historienfilms ist. Auch die Auseinandersetzungen um das Wasser spielen im Übrigen vor einem historischen Hintergrund, dem so genannten „Wasserkrieg von Cochabamba“, der sich im Jahr 2000 in ebendieser bolivianischen Stadt abspielte.

Für ihr bewegendes Drama Und dann der Regen (También la lluvia) hat Regisseurin Icíar Bollaín starke, eindrucksvolle Bilder gefunden. Und exzellente Schauspieler, die ihre Zunft beziehungsweise sich selbst bei und neben der Arbeit spielen müssen – und das auch überzeugend tun. Luis Tosar als Produzent Costa, Gael Garcia Bernal als Regisseur Sebastián und Karra Elejalde als Starschauspieler Antón bzw. Film-im-Film-Kolumbus ragen heraus. Der bolivianische Schauspieler Juan Carlos Aduviri bleibt ihnen in seiner Rolle als Kämpfer gegen die Wasser-Privatisierung und Film-im-Film-Häuptling Hatuey nichts schuldig.  

Die streckenweise virtuose Machart des Films schlägt einen sofort in seinen Bann. Nach einem Drehtag mit einer beeindruckenden Schauspiel-Show und großen Monologen diskutieren und „leben“ die spanischen Schauspieler während des gemeinsamen Abendessens ihre Rollen weiter.

Die Darsteller der menschenfreundlichen Padres Bartolomé de las Casas und Antonio de Montesinos verteidigen die Haltung ihrer historischen Figuren gegen den zunächst nur zynisch und provokant wirkenden Kolumbus-Darsteller (und Trinker) Antón. Sie scheinen regelrecht von sich selbst ergriffen bei ihren Reden für die Menschenrechte und den Respekt für die indigene Kultur. Einer der beiden fragt gar bei der Getränkebestellung die einheimischen Bedienungen nach dem landesüblichen Ausdruck für Wasser, worauf Antón ihm nach Erteilung der gewünschten Auskunft die spöttische und nicht ganz unberechtigte Frage stellt: „Und wie lange wirst du dir nun merken, dass Wasser ‚Yaku’ heißt?“


„Wasser ist Leben, kapierst du das nicht?“

Es ist nicht der bucklige Glöckner oder ein in der Wüste verdurstender Abenteurer, der hier um „Wasser“ fleht, doch ist „Yaku“ das zentrale Element dieses Films. Die spanischen Filmleute begreifen zunächst nicht, warum die indigene Bevölkerung gegen den Verkauf der Wasserversorgung an einen ausländischen Investor einen regelrechten „Wasserkrieg“ anzettelt. Und dass ausgerechnet ihr Ko-Star Daniel, der im Film-im-Film jenen Häuptling Hatuey spielt, der sich seinerzeit als erster gegen die grausamen spanischen Eroberer zur Wehr setzte, einer der Anführer der Wasserrebellen ist, macht die Sache nicht leichter. Bei einem ihrer zahlreichen Dispute bringt Daniel gegenüber Produzent Costa das Problem auf den Punkt: „Wasser ist Leben, kapierst du das nicht?“

Auch eine ganze Reihe der einheimischen Statisten sind bei den Aufständen und Demonstrationen dabei. So gerät der europäische Teil des Filmteams bald in einen Konflikt zwischen der grundsätzlichen Sympathie für die Anliegen der Indigenen und der Notwendigkeit, den Film fertigzustellen und dabei das Budget einzuhalten.


Historie und Gegenwart fließen ineinander über


Und dann der Regen ist ein Film mit mehreren Ebenen, die sich ineinander spiegeln und gleichwohl ein fließendes, zusammenhängendes Ganzes bilden. Einerseits die historische Wirklichkeit, die auf kritische, die Schattenseiten der Eroberung durch Kolumbus aufzeigende Weise verfilmt werden soll; andererseits die zeitgenössische Wirklichkeit der Filmemacher, die mit den Nachfahren der versklavten, verstümmelten und ermordeten Indigenen die Geschichte der Conquista drehen wollen.

So weigern sich beispielsweise Indigena-Statistinnen, eine Szene zu spielen, bei der sie auf der Flucht ihre Babys zurücklassen müssten. Die Argumente von Regisseur Sebastián, dass es sich um historisch verbürgte Fakten handele, zählen für sie nicht, da eine solche Handlungsweise außerhalb ihres Vorstellungsbereiches liegt. Diese Aufnahmen in den Dschungelgebieten rufen unwillkürlich Erinnerungen an Filme wie Mission und Aguirre hervor. Aber También la lluvia hat seine eigenen Qualitäten und benötigt keine Vergleiche; Handschrift und handwerkliche Meisterschaft von Icíar Bollaín sind stets greifbar.

Der Dreh des Historienfilms beeinflusst die Filmwirklichkeit im Hier und Jetzt – und umgekehrt. Wenn Daniel als Häuptling Hatuey am Kreuz verbrannt wird, ist das ein offensichtliches Symbol für seine Situation in der Gegenwart des Films als Anführer der Aufständischen. Als er unmittelbar nach der Kreuzigungsszene am Drehort von der Polizei verhaftet werden soll und die einheimischen Statisten dagegen rebellieren, fließen historische und zeitgenössische Wirklichkeit sozusagen ineinander über. Im Unterschied zur damaligen Ausplünderung gehen die heutigen Ausbeuter allenfalls ein wenig subtiler vor.

Obwohl der Film in seiner Haltung zur aktuellen wie auch zur historischen Thematik recht eindeutig ist, werden Gut und Böse nicht holzschnittartig verteilt. Selbstredend kommen die Indigenen am besten weg, doch zählen zu ihren Ausbeutern nicht nur die Schergen des damaligen bolivianischen Regimes, sondern in gewisser Weise auch ein zweites Mal die Spanier in Gestalt des Filmteams. Denn Produzent Costa hat Bolivien nicht zuletzt deswegen als Drehort ausgesucht, weil er weiß, dass es dort garantiert billige Statisten und niedrige Produktionskosten gibt. Und zwei Dollar pro Tag bedeuten für die armen Leute ja auch viel Geld, nicht wahr … dumm nur, dass die armen Leute nicht so dumm sind, wie Costa sie verkaufen möchte. Als er mit Daniel über dessen Rolle verhandelt, klingelt das Handy, und er spricht mit seinen Geldgebern auf Englisch weiter. Dabei macht er sich über die Statisten lustig, nicht ahnend, dass Daniel Englisch versteht. Ein Szene, deren Verlauf zwar absehbar, aber gleichwohl effektiv ist.


Die Grenzen der Menschenrechtsrhetorik


Schauspieler und Filmteam lernen im weiteren Verlauf der Handlung  stellvertretend für alle Menschenrechts-Lippenbekenner die Grenzen ihrer moralischen Standfestigkeit kennen. So lassen sie sich mit den Polizeibehörden auf einen üblen Deal ein, um Daniel für den Rest des Drehs freizubekommen. Auch innerhalb des Filmteams kommt es zu Kontroversen. Mehrfach ist das Fortkommen der Dreharbeiten in Gefahr, einige Male müssen Teammitglieder mit Schmeicheleien und andern Manipulationen bei der Stange gehalten werden.

Als bereits bürgerkriegsähnliche Zustände in der Stadt herrschen, vertauschen sich die Rollen: Nachdem Costa zuvor den (ver-)zweifelnden Idealisten Sebastián zum Weitermachen überredet hatte, will nun dieser jenen mit exakt denselben Argumenten dazu bringen, mit dem Team in einer sicheren Gegend den Film zu Ende zu drehen. Doch Costa, der Trickser und Opportunist, entscheidet sich dieses Mal, wohl auch aus ganz persönlichen Schuldgefühlen, nicht für die einfache Lösung des geringsten Widerstands, und bleibt in Cochabamba.

Und dann der Regen ist ein mitreißender Film, der seine Erzählstränge und Ebenen meisterhaft miteinander verschränkt, auf exzellentes Personal bauen kann und sich gar traut, dem Zuschauer eine Botschaft mit auf den Weg zu geben: Wasser ist Menschenrecht. Das haben sogar die Vereinten Nationen 2010 so formuliert. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein völkerrechtlich verbindliches, einklagbares Recht. Wie man gleichwohl zu diesem seinem Recht kommen kann, das unter anderem zeigt También la lluvia sehr eindrucksvoll.



Und dann der Regen (Tambien La Lluvia) - Regie: Icíar Bollaín, mit: Gael García Bernal, Luis Tosar, Raúl Arévalo, Karra Elejalde u. a., Spanien, Frankreich, Mexiko 2010, 102 Min., FSK ab 12 J., Kinostart: 29. Dezember 2011.


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