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Musik, Theater - Christiane Wiegand

Das Scheitern des Individuums

Balázs Kovalik inszeniert Leos Janaceks „Katja Kabanowa“ an der Bonner Oper schlüssig, jedoch stellenweise übereifrig. Der musikalische Teil der Produktion vermag uneingeschränkt zu überzeugen.


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Irina Oknina (Katja), George Oniani (Boris)

und Mark Rosenthal (Tichon)

Fotos: Thilo Beu

Haushoch stapeln sich am Flussufer die Obstpaletten. Irgendwo surrt ein Fließband und durch die getönte Glasfassade ihrer schicken Penthouse-Wohnung begutachtet die Chefin Kabanicha mit kritischem Blick die Arbeit ihrer Untergebenen. Der Obstgroßhandel Kabanow boomt. Wenn der Juniorchef nur nicht so ein Waschlappen wäre. Statt den Anweisungen der Mutter zu gehorchen, vergöttert er seine junge Ehefrau Katja. Aber Gefühl ist fehl am Platz in der harschen Geschäftswelt und Katja ist ihrer Schwiegermutter sowieso schon lange ein Dorn im Auge mit ihren Träumereien und ihrer zerbrechlichen Emotionalität.


Die Kabanicha ist ein Schwiegermonster wie es im Buche steht, kaltherzig-streng, eifersüchtig, machtgierig, die Personifikation der Doppelmoral. In ihrem violetten Kostüm und mit ihren kunstvoll augetürmten grauen Haaren ist sie auch optisch das komplette Gegenteil ihrer zarten Schwiegertochter. Katja will Freiheit, doch davon versteht die Kabanicha wenig, denn sie regiert in einem Käfig. Katja will Selbstverwirklichung in einer Welt, in der nur Anpassung ans Kollektiv zum Erfolg führen kann. Katja will Liebe, eine Liebe, die die Männer ihrer Umgebung in ihrer Schwäche nicht zu geben vermögen. Am Ende steht das Scheitern, unausweichlich und tödlich.


Leos Janaceks Oper „Katja Kabanowa“ ist vor allem eine Geschichte über dieses Scheitern, eine Geschichte über das Zugrundegehen des Individuums an einer Wirklichkeit, in der kein Platz für die Verfolgung persönlicher Träume und Ideale bleibt. Balász Kovalik inszeniert den Stoff an der Bonner Oper zeitgemäß-desillusioniert und lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass ein Happy End für alle Beteiligten unmöglich bleiben muss. Ein schlüssiges Konzept, dem lediglich ein gewisser inszenatorischer Übereifer stellenweise störend in den Weg kommt.


Dass die Äpfel, die der Kabanowsche Großhandel produziert, in biblischer Tradition auch ein treffendes Symbol für Katjas Sündenfall abgeben, leuchtet ein. Weshalb diese Äpfel in Andeutung eines Gewitters vom Himmel regnen oder in jeglicher nur vorstellbaren Manier das Bühnengeschehen dominieren müssen, ist weniger schlüssig.


Auch die Überstrapazierung der Statisterie in einigen Szenen der Inszenierung wirkt eher irritierend als erhellend. Intime Szenen wie Katjas Entscheidung zum Ehebruch oder ihre Introspektive vor dem Selbstmord werden durch Massenaufläufe verliebt schmusender Statistenpärchen oder kletterwütiger, äpfelwerfender Arbeiter ihrer ungeheuren emotionalen Kraft beraubt. Bedauerlich, sind doch gerade diese, tief in die Psyche der Protagonistin eintauchenden Momente das emotionale Zentrum der Oper.


Um einiges sicherer und überzeugender gelingt Kovalik die Charakterisierung seiner Figuren. Vor allem in der Herausarbeitung ihrer Gegensätze liegt die große Stärke der Inszenierung. Mit seinem Sängerensemble ist dem Regisseur hier ein wahrer Glücksgriff gelungen. Sopranistin Irina Oknina verleiht der Katja mit großer stimmlicher Präsenz eine eigentümliche Stärke in ihrer Zerbrechlichkeit. Okninas Katja ist nicht nur Opfer, sie ist auch Täterin. Sie trifft Entscheidungen und richtet sich letztendlich selbst zugrunde. So wird ihr Selbstmord in letzter Konsequenz zu einem makabren Akt der Befreiung.


Daniela Denschlags Kabanicha ist furchteinflößend und lächerlich zugleich in ihrer Verbohrtheit und Kontrollsucht. Mark Rosenthal als Tichon ist ein Schwächling, zerrissen zwischen dem Gehorsam gegenüber seiner herrischen Mutter und den Gefühlen für seine Ehefrau Katja. Noch viel stärker als Katja erscheint er als Opfer der Verhältnisse, seine finale Anklage an die Mutter verhallt ungehört.


Der eigentliche Hauptakteur des Abends ist jedoch die Musik Janaceks, die vom Beethoven Orchester unter der Leitung von Will Humburg ihre ganz eigene Dynamik entfaltet. Glänzend gelingt Humburg der Spagat zwischen Traditionalität und Modernität, der so charakteristisch für die Musik des Komponisten ist. Mit viel Einfühlungsvermögen entlocken er und sein Orchester der Musik Bilder und Gefühle, die weit über das auf der Bühne gezeigte hinaus gehen. Während die Inszenierung Katjas Seelendrama zwar über weite Strecken schlüssig, teilweise jedoch mit allzu viel inszenatorischem Aktionismus abbildet, wird es erst in der Musik wahrhaft anrührend und lebendig.


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