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Literatur - Thomas Glahn

Kriminelles im Rheinland um 1800

Ein neues Buch offenbart vielfältige Informationen über das Leben im Rheinland nach der Französischen Revolution: anhand der Geschichte seiner Räuberbanden.


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„Jede Nacht ward mit einem gewalttätigen Raub bezeichnet, niemand fand sich mehr an dem sichersten, dem festverwahrtesten Ort sicher genug. Die Polizei hatte alle ihre Kräfte verloren und der Staat befand sich in einem der Anarchie ähnlichen Zustand.“ Es waren Zeiten des Umbruchs um das Jahr 1800, über die Johann Nikolaus Becker, ein zeitgenössischer Justizbeamter in Köln, berichtet.

Als Grundlage dienten ihm die Akten des dort ansässigen Öffentlichen Anklägers Anton Keil, die dieser unter dem Titel „Actenmäßige Geschichte der Räuberbanden an beyden Ufern des Rheins“ 1804 veröffentlicht hatte. Das Thema der „Geschichte“: die Verfolgung der örtlichen Räuberbanden, die seinerzeit ganze Landstriche in Aufruhr versetzten.

Wolfgang Guting, Inhaber des Bonner Holos-Verlags, hat die historische Schrift nun in einer für heutige Leser verständlichen Sprache und Schrift neu herausgebracht. Guting, der bereits auf Kultur-in-Bonn.de mit zahlreichen historischen Berichten zur Bonner Stadtgeschichte hervorgetreten ist, hat dazu die ursprüngliche Textvorlage behutsam für den Leser aufpoliert.


Heutige Lesegewohnheiten berücksichtigt

So hat er den Text aus der damals üblichen Frakturschrift in die heutige Schrift transkribiert. In zahlreichen Vermerken erläutert Guting heute ungebräuchliche Begriffe. Fremdsprachige Passagen, etwa aus dem Holländischen und Französischen, wurden ins Deutsche übersetzt.

Um den Lesefluss zu gewährleisten, wurde zudem die Orthografie weitgehend der heutigen angeglichen. Auch lange Sätze wurden entflochten. Gleichwohl hat Guting darauf geachtet, dass die mitunter poetische Sprache des Originals erhalten blieb.

Ein Ortsindex, gegliedert nach Bundesländern, Landkreisen und kreisfreien Städten, hilft, die Aktivitäten der Räuberbanden genau zu lokalisieren. Schließlich trieben die Räuber ihr Unwesen innerhalb eines Gebiets, das vom heutigen Nordrhein-Westfalen bis nach Rheinlandpfalz und Hessen und ebenso bis nach Holland und Belgien reicht.

In den Schilderungen der einzelnen Banden erfährt der Leser Spannendes und Aufschlussreiches mit viel Lokalkolorit, so auch zu den Aktionen in und um Bonn. Die Berichte über die Missetaten offenbaren neben den juristischen auch zahlreiche sozial- und zeitkritische Aspekte: etwa zur Zusammensetzung der Räuberbanden, ihrer Struktur, ihrer Komplizen in der Bevölkerung, ihres konkreten Vorgehens und nicht zuletzt über die Regeln, denen entsprechend nach erfolgreichem Überfall die Beute aufgeteilt wurde.


Der Schinderhannes – einer unter vielen

Auch der in der Erinnerung der Deutschen wohl bekannteste Räuber jener Zeit, der Schinderhannes aus dem Hunsrück, spielt ein gewichtige Rolle. Allerdings wird sein Bild einigermaßen relativiert, schließlich hatte dieser „Star“ bei Begegnungen mit anderen „Profis“ nicht allzu viel zu bestellen. Im Mittelpunkt steht stattdessen das Schicksal der Großen Niederländischen oder Brabantischen Bande.

Aufgrund von Verfolgungen reichte ihr Aktionsradius von Friesland bis Bayern, von Paris bis nach Hessen. Die Erlöse aus ihren Raubzügen überstiegen die Einkommen von Staatsbediensteten oft um ein Vielfaches. Ein Grund dafür, warum auch gut situierte Bürger bisweilen Bandenmitglied wurden. Einer ihrer Anführer etwa war Abraham Picard, der als vornehmer Geschäftsmann mit Diener und Kutsche zu den Überfällen anreiste.

Doch auch die Strafverfolgung jener Zeit agierte nicht zimperlich. Ankläger Anton Keil etwa galt als durchaus blutrünstig. Die Französische Revolution hatte er vor Ort in Paris erlebt. Als Strafverfolger in Köln widmete er sich vor allem der Ergreifung des Schinderhannes und des Fetzers, eines weiteren Anführers.

Zahlreiche Informationen erhielt Keil von Fetzer, nachdem er diesen festgesetzt hatte – „in einer fast als vertraut beschriebenen Atmosphäre“. Gleichwohl nutzte es dem Räuber nichts: Wie viele andere seiner Komplizen landete auch Fetzer schließlich auf dem Schafott in Köln.


Räuberbanden beiderseits des Rheins. Von B. Becker. Neu herausgegeben, mit einer Einleitung versehen und bearbeitet von Wolfgang Guting, 328 Seiten, gebunden, illustriert, Holos-Verlag, Bonn, 2011.


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