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Kino - Michael Hermann

Das Kapital

Wie toxische Wertpapiere Finanz- und Wirtschaftskrise auslösten: Der erstklassig besetzte Spielfilm „Der große Crash – Margin Call“ bietet eine fesselnde Finanzmarkt-Lehrstunde.


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Feuern und gefeuert werden: Sarah Robertson (Demi Moore). (Bild: Koch Media)

Der Blick in den Abgrund (v.l.): Penn Badgley, Zachary Quinto und Paul Bettany. (Bild: Koch Media)

Hat letztlich auch keinen Plan, gibt aber trotzdem Anweisungen: Sam Rogers (Kevin Spacey). (Bild: Koch Media)

Erkennt das Ausmaß des Risikos: Peter Sullivan (Zachary Quinto). (Bild: Koch Media)

Abgebrühter Zyniker: Will Emerson (Paul Bettany). (Bild: Koch Media)

Ahnt das Risiko als erster: Eric Dale (Stanley Tucci). (Bild: Koch Media)

Hat das letzte Wort: John Tuld (Jeremy Irons). (Bild: Koch Media)

In einer Wallstreet-Investmentfirma müssen massenweise Mitarbeiter ihre Sachen packen und werden mehr oder weniger höflich dazu gedrängt, Auflösungsvereinbarungen samt Abfindungen zu unterschreiben. Die Löschung aus der Belegschaft verläuft schnell und gründlich; schon beim Verlassen des Gebäudes sind die Handys deaktiviert. Mit diesem „Blutbad“ beginnt Der große Crash – Margin Call, und mit einem noch viel größeren endet es: Am Anfang entlässt die Firma eigene Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit, am Schluss die ganze Welt in eine Wirtschaftskrise.

Regisseur und Drehbuchautor J. C. Chandor hat die Vorgeschichte zur 2008 ausgebrochenen Krise im Stil eines klassischen Dramas kammerspielartig auf einen Tag und eine Nacht verdichtet. Die Handlung spielt fast ausschließlich in den Büros und Räumen des namenlosen Investment-Unternehmens. Eric Dale (Stanley Tucci), der geschasste Chef der Abteilung Risikoanalyse, übergibt seinem Junganalysten-Kollegen Peter Sullivan (Zachary Quinto) zum Abschied einen USB-Stick mit ein paar Dateien, an denen er gerade gearbeitet hatte.


Keine „Win-Win-Situation“ mehr möglich

Als Sullivan am späten Abend Dales angefangene Berechnungen fortführt, erkennt er entsetzt, dass die Firma kurz vor der Pleite stehen könnte, und informiert zwei weitere Kollegen. Der erfahrene Wertpapierhändler Will Emerson (Paul Bettany) verständigt sofort Chef-Händler Sam Rogers (Kevin Spacey). Und es dauert nicht lange, bis sich der Konferenzsaal zu einer Nacht- und Notsitzung mit den Führungsspitzen der Firma füllt, inklusive des per Hubschrauber eingeflogenen Chairman John Tuld (Jeremy Irons).

Nach einigem Hin und Her fällt die Entscheidung, die eigene Haut zu retten und die Schrottpapiere ab Handelsbeginn komplett und um jeden Preis weiter zu verkaufen – wohl wissend, dass die Käufer sich damit ihre Bilanzen ruinieren. Die Rechtfertigung fällt Mogul Tuld nicht schwer: Gewinner und Verlierer habe es immer schon gegeben, nur könne die Zahl der Verlierer dieses Mal möglicherweise ein bisschen größer ausfallen.

Chandor zeigt mit kühlem Blick die Mechanismen und Machtspiele, die zur Entscheidungsfindung der Verantwortlichen führen. Sympathieträger gibt es nicht, über ein nennenswertes Privatleben scheint keine der handelnden Figuren zu verfügen. Geschäftsführer Rogers beweint den Verlust seines Hundes, der an Altersschwäche eingeht, dem Abgang von Kollegen begegnet er nach mehr als 30-jähriger Firmenzugehörigkeit mit routinierten Ritualen und Gleichgültigkeit. Und wenn die schließlich ebenfalls geopferte Risikomanagerin Sarah Robertson (Demi Moore) und der am Tag zuvor noch von ihr gefeuerte Eric Dale versuchen, über ihre jeweiligen Kinder zu sprechen, erreichen sie nicht einmal das Stadium des belanglosen Smalltalks.


Zyniker und Betrüger

Ja, es ist ein Haufen von Finanzzombies und -zynikern, den Chandor hier versammelt hat. Doch von den großspurigen „Masters of the Universe“, als die sich die Investmentjongleure noch in den achtziger und neunziger Jahren sahen – und als die sie in großen Teilen der Wirtschaftspresse auch recht distanzlos abgefeiert wurden – ist nicht mehr viel übrig geblieben. Ohne dass es in irgendeiner Weise als Entschuldigung für ihr Verhalten wirken würde, erscheinen sie wie Getriebene, die nicht anders können: Sei der Erste, sei „smarter“ als alle anderen – und wenn gar nichts mehr geht, dann betrüge halt. 

Exemplarisch hierfür steht die Figur des Will Emerson, der äußerlich und in seinem Habitus ziemlich genau dem verbreiteten Bild von einem Wertpapierzocker entspricht. Ein abgebrühter, kaltschnäuziger Zyniker also – der indes Motive für seine Haltung zu benennen weiß, die nicht mit einem Federstrich vom Tisch zu wischen sind. In Sachen Moral und Geld(-Gier) herrscht seiner Ansicht nach ein gerüttelt Maß an Heuchelei; er bezweifelt, dass flächendeckend Menschen bereit wären, den Preis für die ersehnte bessere, gerechtere Welt auch zu bezahlen. Lieber kauften sie weiter auf Pump ihre Autos und Häuser, die sie sich eigentlich gar nicht leisten könnten.

Darüber hinaus versteht Emerson auch etwas von Abgrund-Psychologie, wie er in einer nächtlichen Szene auf dem Dach des Firmengebäudes effektvoll demonstriert. Da spricht jemand, der sich über die eigene Rolle und Bedeutung keine Illusionen mehr macht,  aber eben auch nicht aus seiner Haut heraus kann und will.


Die Performance der Aktien stimmt nicht – die der Schauspieler allemal

Die vorzüglichen Schauspieler tragen in toto dazu bei, Chandors Kapitalismus-Versuchsanordnung adäquat umzusetzen. Jeremy Irons übertreibt zwar die theatralische Performance bei zwei großen Monologen etwas, doch tut dies der konzentrierten Leistung des gesamten Ensembles keinen Abbruch. Das Spiel der Akteure erzeugt eine dichte, drückende Spannung, der man sich als Zuschauer kaum entziehen kann.

Man muss im Übrigen kein Börsenlexikon mit ins Kino nehmen, um Margin Call folgen zu können. Chandor überfordert das Publikum nicht mit Jargonausdrücken aus der fabelhaften Welt der „Finanzprodukte“. Er ist vielmehr an den Strukturen und Mechanismen interessiert, die diese Branche prägen. (Was genau der Terminus technicus „margin call“ bedeutet, schlägt man allerdings besser nach. Der Film ersetzt nicht die Lektüre des Wirtschaftsteils.)

Dass Margin Call den Zuschauer letztlich unzufrieden zurücklässt, ist ausdrücklich als Lob zu verstehen. Statt richtig fiese Schurken und eine ehrliche, aufrechte Identifikationsfigur aufeinanderprallen zu lassen – wie es vielleicht Oliver Stone getan hätte – präsentiert J.C. Chandor ein versagendes, kaputtes System, aus dem es kein Entrinnen gibt: déformation professionnelle, wo man hinschaut. Dem Zuschauer einfach ein paar böse Kapitalistenschweine zum Fraß vorzuwerfen, wäre auch eindeutig unterkomplex.

Halunken sind sie zweifellos, doch der Fehler liegt im System, hat System und ist am Ende das System selbst. Solange Investmentbanker weiter am großen Rad drehen dürfen und die Masse der „Normalbürger“ an ihren vielen kleineren Rädchen mitdreht, wird dieses Finanzmarkt-System in seiner bisherigen Form fortexistieren. Auch das macht Der große Crash – Margin Call unmissverständlich klar.

Der große Crach - Margin Call, Regie: J. C. Chandor, mit: Demi Moore, Kevin Spacey, Jeremy Irons u. a., USA 2011, 110 Min., Kinostart: 29. September 2011.


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