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Theater - Julia-Rebecca Riedel

Das kannibalische Leben

Bloßes Offenlegen schafft noch keine Wahrheit: Ingo Berk inszeniert in den Kammerspielen „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ von Tennessee Williams.


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Einblicke in menschliche Untiefen: ...

... Szenen aus "Die Katze auf dem heißen ...

... Blechdach" in der Inszenierung von Ingo Berk. (Fotos: Theater Bonn)

Der Zuschauer blickt in die Untiefen des Menschlichen und erkennt fast sich selbst fast, nicht jedoch die Wahrheit: Tennessee Williams Stück Die Katze auf dem heißen Blechdach einmal mehr kannibalisch ausgeschlachtet auf eine Bühne geworfen. Nicht hollywoodreif auf alles Anstößige verzichtend, sondern auf wesentlich perfidere Weise tabuisierend: Nacktes, erbärmliches Leben, ganz verhüllt, ganz verborgen in bildungsbürgerlicher Arroganz.

Die Katze auf dem heißen Blechdach, eine Komödie in drei Akten? Tennessee Williams gelang es, den Tabubruch gesellschaftsfähig zu machen. Ingo Berk will es ihm gleich tun – und es gelingt ihm nicht. Bloßes Offenbaren schafft noch keine Wahrheit und erst recht keine wahrhafte Erkenntnis.

Tennessee Williams (1911-1983), der für Endstation Sehnsucht 1948 und für Die Katze auf dem heißen Blechdach 1955 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, rückt in seinen Stücken programmatisch das Abgründige des Menschlichen ins Scheinwerferlicht und damit der Wahrheit dicht auf den Leib: Selbsttäuschung und zweifelhafte Moral auf der einen, Alkoholismus, Homosexualität und Weltverlorenheit auf der anderen Seite. In den Kammerspielen erhofft man sich das Spiel mit gesellschaftlichen Tabus, die Gratwanderung zwischen Tragik und Komik vergebens, die Katze streunt zwischen Menschen und Wahrheiten umher und wagt es kaum, an ihnen zu kratzen. Was ist Wahrheit? Unheimliches und Unsagbares gleichermaßen an- und berührend darstellen. Wahrheit will inszeniert werden.

„Das Leben ist kannibalisch. Das eine Ich frisst das andere Ich. Immer ist jemand dabei, an einem anderen zu nagen, aus Neid, aus Profitgier, aus Angst“, bekannte Williams. Big Daddy Pollitt – Sinnbild des tyrannischen Patriarchen – feiert, ebenso umschmeichelt wie verachtet, seinen 65. Geburtstag, nicht wissend, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Während sich seine Familie hingebungsvoll um das Erbe streitet, trinkt Lieblingssohn Brick gegen Wahrheit und Verstand an.

Mit Tanja von Oertzen als Big Mama und Hendrik Richter als Brick Pollitt, die schon in Eines langen Tages Reise in die Nacht als Mutter-Sohn-Duo brillierten, ist Ingo Berk eine Idealbesetzung gelungen. Berks Maggie allerdings ist eine herbe Enttäuschung. Während Tennessee Williams' Maggie sich Ehemann und Familie gegenüber prostituiert, die Egozentriker auf und um die Bühne umschmeichelt und enttäuschter Liebe, dem Vorwurf der Unfruchtbarkeit, der Aufforderung, sich einen Liebhaber zu suchen, entgegen faucht, sich mit aller Macht festkrallt an der Illusion, Brick werde zurück in ihr Bett gekrochen kommen, entfremdete sie ihn nur dem Alkohol und den düsteren Nachtgestalten, faucht Ingo Berks Maggie nicht. Sie maunzt eher kläglich, sie schleicht und schmeichelt nicht elegant, sie streunt. Nina V. Vodop'yanova ist die Fehlbesetzung des Abends, aufreizend zwar, doch wenig attraktiv: unaufrichtig und denkbar uninspiriert.

Gemeinsam mit Hendrik Richter und Tanja von Oertzen spielt Tatjana Pasztor als Mae an gegen den Verlust von Wahrheit. Sie beweist die Abgründigkeit des menschlichen Verhaltens, das Williams beschreibt. Wie eine Raubkatze, bereit zum tödlichen Sprung, umschleicht sie die Familienmitglieder und treibt sie an den Rand ihres Seinwollens. Ihr gemeinsamer Versuch jedoch, der Inszenierung Recht zu verschaffen, muss scheitern. Und so sieht man Textfragmente, nicht mehr, klaubt sich die eigene Wahrheit aus den vielen.

Was Ingo Berk mit seiner Neuinszenierung bezweckt, bleibt dem geneigten Zuschauer unklar. Er hat einen einwandfrei adaptierten Williams auf eine interessant gebaute und bespielte Bühne gebracht, daran besteht kein Zweifel. Jedoch fehlt es ihm an Anstößigkeit, an Integrität, an Offerten. Es wird nichts berührt, nichts angestoßen. Die Frage nach Wahrheit, die programmatisch nicht nur für Die Katze ist, wird zwar angesprochen, nicht jedoch auch nur ansatzweise beantwortet. Man gleitet durch den Abend, der teils hervorragendes Spiel, teils gnadenloses Anspielen gegen ein hervorragendes Stück ist.

Unruhig und unausgeglichen ist diese Katze. „Poesie bedarf doch nicht der Worte“, sagte Tennessee Williams in Theater heute 3/63 – wenn es doch nur wahr wäre. Im Verlauf des Abends macht sich immer mehr das Gefühl breit, der Zuschauer solle bei Laune und das Stück am Laufen gehalten werden.

Die Macht des Wortes und die Ohnmacht der stillen Momente werden demonstriert. Allein Hendrik Richter versteht es, still zu spielen, Poesie im freien Fall zu sagen. „Ich kann eine menschliche Schwäche auf der Bühne nur dann bloßstellen, wenn ich sie kenne und an mir selbst erlebt habe“, so Williams 1959 im Vorwort zu Süßer Vogel Jugend. Der Trinker allein hält die Stille aus, die in erdrückt, dass ist beachtlich. Hendrik Richter hat verstanden, was Tennessee Williams das Gefühl der eigenen Schwäche bedeutete, und offeriert in seinem Spiel dem Zuschauer den schwärzest-möglichen Abgrund des Menschlichen.

Ingo Berk inszeniert einen in jeder Hinsicht irritierenden Williams, widersetzt sich der Zensur, der dieser erlag, und sagt dennoch nicht mehr als Hollywood 1958. Zwar treibt Berk die Tabus des vergangenen Jahrhunderts ins Licht der Bühne – Tabus, die bis heute nicht an Gültigkeit verloren haben – doch verhallen Anklage und Unrechtsschrei ungehört im Zuschauerraum.

Als Brick im Gespräch mit Big Daddy sich selbst zwingend erklärt, sein Freund Skipper, für dessen Tod er bislang Maggie verantwortlich gemacht habe, sei an der Liebe zu ihm zugrunde gegangen, einer Liebe, die er sich nicht eingestehen konnte und kann, muss Berk sensibel neu ansetzten. Der Aspekt der Homosexualität hatte nach der Uraufführung 1955 keine Rolle mehr gespielt, im Gegenteil, er war sogar in die Zensur geraten. Berk muss Konsequenzen ziehen, aber: Nichts passiert. Die Wahrheit erstickt ungehört im kinderkreischigen „Big Daddy hat heute Geburtstag!“

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