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Musik - Christiane Wiegand
Das Hinterhaus im Malersaal
Grigori Frids Mono-Oper nach dem Tagebuch der Anne Frank feiert im Alten Malersaal Premiere. Sopranistin Julia Kamenik überzeugt durch ein eindringliches Porträt eines ungewöhnlichen Mädchens.
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Im Jahr 1960 las der russische Komponist, Maler und Schriftsteller Grigori Frid zum ersten Mal das Tagebuch der Anne Frank. Die Geschichte des jüdischen Mädchens, das sich mit seiner Familie mehrere Jahre lang in einem Amsterdamer Hinterhaus vor der nationalsozialistischen Judenverfolgung versteckt hielt und seine Gedanken und Ängste einem Tagebuch anvertraute, lässt ihn nicht mehr los. 1969 schrieb Frid eine Oper basierend auf Annes Tagebuch, die aus politischen Gründen zunächst nur in konzertanter Form aufgeführt werden konnte. In einer Inszenierung von Mark Daniel Hirsch ist das Werk nun im Alten Malersaal in Beuel zu sehen.
Das Bühnenbild von Uta Heiseke beschränkt sich auf wenige Elemente: einen Tisch mit Schreibutensilien, einen Schlafsack in der Ecke. Als Hintergrund dient eine Leinwand mit zahlreichen Fotos von Anne und ihrer Familie. Zusammen mit den Gegebenheiten der räumlich beengten Spielstätte lässt die karge Ausstattung die klaustrophobische Atmosphäre des Hinterhauses lebendig werden. Distanz ist hier kaum möglich, der Zuschauer ist zu jeder Zeit ganz nah am Geschehen, ganz nah an Anne, ihren Ängsten und Hoffnungen.
Julia Kamenik spielt diese Anne. Neben einer frappierenden optischen Ähnlichkeit taucht die Sopranistin auf eindrucksvolle Weise auch in die Gefühlswelt ihrer Rolle ein. Man nimmt ihr das unbeschwerte Mädchen, dessen einzige Sorge eine Ermahnung durch den Lehrer wegen übermäßigen Schwatzens im Unterricht ist, genauso ab wie die nachdenkliche, verängstigte junge Frau, die nach dem abrupten Ende ihrer unbeschwerten Kindheit und Monaten im Versteck über Leben, Liebe, Ideale und Hoffnung philosophiert.
„Um nun die Vorstellung der ersehnten Freundin in meiner Phantasie noch zu steigern, will ich nicht einfach Tatsachen in mein Tagebuch schreiben wie alle anderen, sondern ich will dieses Tagebuch die Freundin selbst sein lassen, und diese Freundin heißt Kitty.“ schreibt die 13-jährige Anne im Juni 1942 in das Tagebuch, das ihr ihre Eltern zum Geburtstag geschenkt haben. In der Bonner Inszenierung wird diese Phantasiefreundin lebendig. Kitty (Kristina Köhl) ist die einzige Vertraute Annes, gleichzeitig jedoch auch ihr alter ego, ihr Echo und Spiegelbild. In einem Kleid und Mantel, deren Muster dem Einband des Büchleins entsprechen, in dem Anne ihre Gedanken und Erlebnisse niederschreibt, wird sie zur Personifikation des Tagebuches.
Verantwortlich für den musikalischen Teil des Abends war Thomas Wise, der am Klavier Frids Partitur mit ihrer Mischung aus Lautmalerei und expressiven, gefühlsbetonten Passagen lebendig werden ließ. Sein Spiel ließ die verstörende Kraft erahnen, die das Werk in einer orchestralen Aufführung hätte entfalten können. Aufgrund der Gegebenheiten der Spielstätte blieb es bedauerlicherweise lediglich bei dieser Andeutung.
Annes Tagebuch endet abrupt. Das Versteck wird entdeckt und die Familie ins Konzentrationslager deportiert, wo Anne Anfang des Jahres 1945 im Alter von 15 Jahren an Typhus stirbt. Dieser Teil der Geschichte wird in Frids Oper wie auch in Hirschs Inszenierung nicht thematisiert, ist jedoch in den Köpfen der Zuschauer allgegenwärtig. Was am Ende bleibt, ist das Tagebuch, das Kitty in Annes von der Gestapo verwüsteten Zimmer findet und das Wissen des Zuschauers um seinen Wert als Vermächtnis eines ungewöhnlichen Mädchens.
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