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Kabarett - Michael Hermann
Das alles wegen einem L und einem N
Prix-Pantheon-Kandidat Tilman Birr vermag auch über die volle Distanz eines 90-minütigen Soloprogramms zu überzeugen.
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Callcenter und Fremdenverkehrsdienstleister eignen sich offensichtlich bestens als Studienorte und Ausbildungsstätten für komödiantische und parodistische Begabungen. Sie helfen ein Arsenal an Sprachen und Dialekten aufzubauen, von dem sich später auf der Bühne reichlich Gebrauch machen lässt. Man trifft unter anderem auf US-Amerikaner, Spanier, Schweizer, Bayern, Schwaben und natürlich die Einwohner der deutschen Hauptstadt, wo der gebürtige Main-Frankfurter Tilman Birr seit rund zehn Jahren lebt.
Was eine inzwischen gründliche Kenntnis der sprichwörtlichen Berliner Unfreundlichkeit mit sich bringt – aber auch der Mittel, sie zu kontern, wie eine spaßige, auf einem Postamt spielende Nummer zeigt. Nur der Berlin-Anfänger macht Fehler wie den, einem Einheimischen die folgende Frage zu stellen: „Wenn ich da hinten rechts gehe, ist dann da der Reichstag?“ Original Balina-Antwort: „Der is da ooch, wennse nich rechts gehen.“ Und wie bringt man beispielsweise angetrunkene und sich während der Ausführungen des Stadtbilderklärers laut unterhaltende spanische Touristen auf einem Spree-Ausflugsboot zum Schweigen? Indem man im englischsprachigen Teil der Erklärungen kurzerhand das Reichstagsgebäude zum Bordell und Brauhaus erklärt.
Ein falsch geschriebener Name weckt Mordgedanken
Doch die Komik muss auch hin und wieder da hin gehen, wo es richtig weh tut. Das Lebensthema und -trauma des Tilman B.: Sein permanent falsch geschriebener Vorname. (Hier noch einmal zur Klarstellung: Tilman mit einem „L“ und einem „N“). Verarbeitet hat er dies in einem blutrünstigen Country& Western-Song, denn in diesem Genre darf man seit Johnny Cashs Zeilen „I shot a man in Reno / Just to watch him die“ Leute umbringen – und sei es auch nur „wegen einem L und einem N“ beziehungsweise, wie Birr süffisant hinzufügte: „für alle Bastian-Sick-Leser: wegen eines Ls und eines Ns“. Wer bei der immer noch laufenden Abstimmung über den Fernseh-Prix-Pantheon mitmachen wolle, finde ihn auf der WDR-Internetseite, Suchwort „Voting“, noch bis 5. Juni unter seinem – natürlich falsch geschriebenen – Namen.
Birr outete sich darüber hinaus als Heavy-Metal-Fan, der natürlich den „Metal Hammer“ liest und die Gelegenheit nutzte, ein paar vergnügliche Original-Kontaktanzeigen daraus zum Besten zu geben. Zur klassischen Metal-Sozialisation gehört es, als Jugendlicher in einer entsprechenden Band gespielt zu haben. In deren schön schlecht gedrechselten, meist englischen Texten reimt sich „bastard“ schon mal auf „ass-fart“. Nichtsdestoweniger schafft die Truppe es zum Vorspielen bei einer Casting-Jury. Ein Mitglied des Preisgerichts macht daraus wegen eines falschen lateinischen Titels („ars perforo“, richtig heißt es wie, na? ars perforandi) erst einmal eine Lateinstunde. Python und Brian, ick hör euch trapsen …
Der Rest vom Schützenfest
Neben schlechter Musik und schimpfenden Callcenter-Kunden zählte auch das Warm-up bei Schützenfesten zur Lehrzeit des Künstlers. Birr lobte das Publikum im Düsseldorfer Zakk ausdrücklich dafür, dass es bei der handgreiflichen Demonstration von „einer geht noch, einer geht noch rein“
n i c h t anfing, mitzuklatschen. In Brandenburg sei er da bei Auftritten anderes gewohnt.
Bleiben noch zu erwähnen ein parodie- und reimsicherer Bericht über den Abend, an dem er eine Frau aus einer Gangsta-Rap-Disco abholen will und bei den Typen am Eingang erst mal einen Coolness-Nachweis erbringen muss, eine versponnene kleine Geschichte, in der es zu einem Riss im Raum/Zeit-Kontinuum kommt. Und ein versautes Sonett im Shakespeare-Stil, welches deutlich macht, dass den Poeten vom Proleten nur zwei Konsonanten trennen (wenigstens nur „l“ und nicht auch noch „n“).
Die in seinem Prix-Pantheon-Auftritt vorgestellten Nummern hatte Birr ebenfalls dabei. Der bayerische Schlusstrichler auf der Fremdenführung, Reinhard Mey und die Amélie-Parodie haben auch beim Wiederhören Bestand. An dieser Stelle ist eine Korrektur bzw. Ergänzung zum Prix-Pantheon-Artikel angebracht: Das Sampling-Gerät, mit dem Birr Yann Tiersens Kompositionsmethode dekonstruiert, heißt Looping Station (oder auch Loop Station, das ist der Suchmaschine wurscht). Und das Werk, welches seine (Stadt-)Geschichten versammelt, soll nun wohl doch nicht „Dein Führer“ heißen, da habe sein Verlag trotz vorgeschlagener diskreter schwarzer Verpackung Einwände. Neuester Arbeitstitel ist „Spreegegurke“.
Tilman Birrs Mischung aus Lied, Lesung und Standup-Nummern stimmt. Der Mann hat funny bones, er ist in der Wahl der Themen wie auch der komischen Formen variabel und versiert genug, um ein abendfüllendes Programm über die 90-Minuten-Distanz zu stemmen. Dass ihm mal der Stoff ausgehen könnte, ist angesichts seines für Falschschreibungen anfälligen Vornamens eher unwahrscheinlich.
Tilman Birr im Düsseldorfer „Zakk“-Studio am 31. Mai mit „Das war früher alles Feld hier“. Am 9. September 2011, 20 Uhr, kommt Birr mit seinem Programm ins Pantheon, Karten sind im Vorverkauf erhältlich.
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