Logo Kultur-in-Bonn.de
Anzeige
Kabarett - Michael Hermann

Das alles wegen einem L und einem N

Prix-Pantheon-Kandidat Tilman Birr vermag auch über die volle Distanz eines 90-minütigen Soloprogramms zu überzeugen.


Anzeige



Tilman_Birr-cFelix_Apitzsch-kib.jpg

Tilman Birr. (Foto: Felix Apitzsch)

Callcenter und Fremdenverkehrsdienstleister eignen sich offensichtlich bestens als Studienorte und Ausbildungsstätten für komödiantische und parodistische Begabungen. Sie helfen ein Arsenal an Sprachen und Dialekten aufzubauen, von dem sich später auf der Bühne reichlich Gebrauch machen lässt. Man trifft unter anderem auf US-Amerikaner, Spanier, Schweizer, Bayern, Schwaben und natürlich die Einwohner der deutschen Hauptstadt, wo der gebürtige Main-Frankfurter Tilman Birr seit rund zehn Jahren lebt.

Was eine inzwischen gründliche Kenntnis der sprichwörtlichen Berliner Unfreundlichkeit mit sich bringt – aber auch der Mittel, sie zu kontern, wie eine spaßige, auf einem Postamt spielende Nummer zeigt. Nur der Berlin-Anfänger macht Fehler wie den, einem Einheimischen die folgende Frage zu stellen: „Wenn ich da hinten rechts gehe, ist dann da der Reichstag?“ Original Balina-Antwort: „Der is da ooch, wennse nich rechts gehen.“ Und wie bringt man beispielsweise angetrunkene und sich während der Ausführungen des Stadtbilderklärers laut unterhaltende spanische Touristen auf einem Spree-Ausflugsboot zum Schweigen? Indem man im englischsprachigen Teil der Erklärungen kurzerhand das Reichstagsgebäude zum Bordell und Brauhaus erklärt.


Ein falsch geschriebener Name weckt Mordgedanken

Doch die Komik muss auch hin und wieder da hin gehen, wo es richtig weh tut. Das Lebensthema und -trauma des Tilman B.: Sein permanent falsch geschriebener Vorname. (Hier noch einmal zur Klarstellung: Tilman mit einem „L“ und einem „N“). Verarbeitet hat er dies in einem blutrünstigen Country& Western-Song, denn in diesem Genre darf man seit Johnny Cashs Zeilen „I shot a man in Reno / Just to watch him die“ Leute umbringen – und sei es auch nur „wegen einem L und einem N“ beziehungsweise, wie Birr süffisant hinzufügte: „für alle Bastian-Sick-Leser: wegen eines Ls und eines Ns“. Wer bei der immer noch laufenden Abstimmung über den Fernseh-Prix-Pantheon mitmachen wolle, finde ihn auf der WDR-Internetseite, Suchwort „Voting“, noch bis 5. Juni unter seinem – natürlich falsch geschriebenen – Namen.

Birr outete sich darüber hinaus als Heavy-Metal-Fan, der natürlich den „Metal Hammer“ liest und die Gelegenheit nutzte, ein paar  vergnügliche Original-Kontaktanzeigen daraus zum Besten zu geben. Zur klassischen Metal-Sozialisation gehört es, als Jugendlicher in einer entsprechenden Band gespielt zu haben. In deren schön schlecht gedrechselten, meist englischen Texten reimt sich „bastard“ schon mal auf „ass-fart“. Nichtsdestoweniger schafft die Truppe es zum Vorspielen bei einer Casting-Jury. Ein Mitglied des Preisgerichts macht daraus wegen eines falschen lateinischen Titels („ars perforo“, richtig heißt es wie, na? ars perforandi) erst einmal eine Lateinstunde. Python und Brian, ick hör euch trapsen …


Der Rest vom Schützenfest

Neben schlechter Musik und schimpfenden Callcenter-Kunden zählte  auch das Warm-up bei Schützenfesten zur Lehrzeit des Künstlers. Birr lobte das Publikum im Düsseldorfer Zakk ausdrücklich dafür, dass es bei der handgreiflichen Demonstration von „einer geht noch, einer geht noch rein“
n i c h t  anfing, mitzuklatschen. In Brandenburg sei er da bei Auftritten anderes gewohnt.

Bleiben noch zu erwähnen ein parodie- und reimsicherer Bericht  über den Abend, an dem er eine Frau aus einer Gangsta-Rap-Disco abholen will und bei den Typen am Eingang erst mal einen Coolness-Nachweis erbringen muss, eine versponnene kleine Geschichte, in der es zu einem Riss im Raum/Zeit-Kontinuum kommt. Und ein versautes Sonett im Shakespeare-Stil, welches deutlich macht, dass den Poeten vom Proleten nur zwei Konsonanten trennen (wenigstens nur „l“ und nicht auch noch „n“).

Die in seinem Prix-Pantheon-Auftritt vorgestellten Nummern hatte Birr ebenfalls dabei. Der bayerische Schlusstrichler auf der Fremdenführung, Reinhard Mey und die Amélie-Parodie haben auch beim Wiederhören Bestand. An dieser Stelle ist eine Korrektur bzw. Ergänzung zum Prix-Pantheon-Artikel angebracht: Das Sampling-Gerät, mit dem Birr Yann Tiersens Kompositionsmethode dekonstruiert, heißt Looping Station (oder auch Loop Station, das ist der Suchmaschine wurscht). Und das Werk, welches seine (Stadt-)Geschichten versammelt, soll nun wohl doch nicht „Dein Führer“ heißen, da habe sein Verlag trotz vorgeschlagener diskreter schwarzer Verpackung Einwände. Neuester Arbeitstitel ist „Spreegegurke“.

Tilman Birrs Mischung aus Lied, Lesung und Standup-Nummern stimmt. Der Mann hat funny bones, er ist in der Wahl der Themen wie auch der komischen Formen variabel und versiert genug, um ein abendfüllendes Programm über die 90-Minuten-Distanz zu stemmen. Dass ihm mal der Stoff ausgehen könnte, ist angesichts seines für Falschschreibungen anfälligen Vornamens eher unwahrscheinlich.


Tilman Birr im Düsseldorfer „Zakk“-Studio am 31. Mai mit „Das war früher alles Feld hier“. Am 9. September 2011, 20 Uhr, kommt Birr mit seinem Programm ins Pantheon, Karten sind im Vorverkauf erhältlich.



Diesen Artikel bookmarken:  
twitter.com  facebook.com  Mister Wong  LinkaARENA  StudiVZ.de  MySpace.com  Technorati  oneview  del.icio.us  google.com  YahooMyWeb  live.com  digg.com  MyLink.de  Webnews  YiggIt  Folkd  stumbleupon.com  Reddit  

Artikel per eMail weiterempfehlen
Anzeige

Tagestipps Donnerstag, 17.05.12

Alle Termine einer Veranstaltungsreihe:
Kalenderübersicht >>      Ticketshop >>
Anzeige

Nachrichten

Musik - 16.05.12
300 Stimmen für „Luther in Worms“
Luther_in_Worms_kib.jpg
Mit dem großen spätromantischen Oratorium von Ludwig Meinardus wird die Musikwoche zur Feier der Lutherdekade in der Kreuzkirche feierlich eröffnet. Ein Projekt zum Mitsingen für Sängerinnen und Sänger zwischen 15 und 60 Jahren.

Ausstellung - 16.05.12
Wolle für Beton
Haekel-Vostell_kib.jpg
Anwohnerinnen aus dem Musikerviertel stricken und häkeln einen Überzug – für ein Kunstwerk vor dem LVR-Landesmuseum.

Literatur - 15.05.12
Liebesgrüße aus Deutschland
Wladimir_Kaminer_kib.jpg
Ein Russe in Berlin und hierzulande: Kultautor Wladimir Kaminer liest am Sonntag im Pantheon aus seinem neuen Buch.

Musik - 15.05.12
Öffentliche Proben für Chorfest
BonnerVokalensemble2011-kib_01.jpg
Das Bonner Vokalensemble stellt sein Wettbewerbsprogramm für das Deutsche Chorfest 2012 in zwei öffentlichen Generalproben vor.

Musik - 15.05.12
Masurenko für Kashkashian
KIB_IMG_8870_333_07.jpg
Umbesetzung beim letzten Konzert im Kammermusiksaal: Tatjana Masurenko springt für Kim Kashkashian ein.

Anzeige

Magazin

Themen, Kritiken & Berichte
Kritik: Kino
Der Fischer und seine Frau
„Lachsfischen im Jemen“ hat eine hübsche Grundidee, lässt allerdings einiges von ihrem komischen Potenzial liegen. Regisseur Lasse Hallström lenkt die Geschichte lieber ins sichere Fahrwasser einer romantic comedy. Die gute Besetzung hilft über Schwachstellen hinweg.

Thema: Musik, Kulturarbeit
Festival-Zuschauer mit eigenem Aschenbecher
RHEINKULTUR_2011-kib_01.jpg
Ob Gartenparty oder Musikfestival: Mit dem neuen Wettbewerb Green Spots sucht der Bonner Verein Sounds for Nature Foundation Videoclips zum Thema umweltfreundliches Feiern.

Kritik: Kino
Dick und Doof
In „21 Jump Street“ erleben zwei verdeckt ermittelnde Jung-Cops die Schulzeit noch einmal und stolpern durch die Fettnäpfchen der nächsten Teenager-Generation. High-School-Komödie mit stark schwankender Gag-Qualität.

Kritik: Kino
Kierkegaard und Maradona
„Superclassico“ spielt kurz in Kopenhagen und lange in Buenos Aires. Mit Fußball hat die dänische Komödie nur am Rande zu tun. Ehe-, Scheidungs- und Selbstfindungsprobleme bilden die Folie für eine recht amüsante Geschichte.

Kritik: Kino
Action in Windeln
Robert Rodriguez hat sich mit schrägen Action-Thrillern von „El Mariachi“ bis „Planet Terror“ einen Namen gemacht. Die Zielgruppe seines neuen Films „Spy Kids 4D“ sind indes Kinder und Familien.

Anzeige
Anzeige