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Literatur - Jürgen Hermann
Chinas Schicksalsstrom
Über 6378 Kilometer erstreckt sich der Jangtse, der größte Fluss und die Lebensader Chinas. Der norwegische Reiseschriftsteller Tor Farovik hat ihn von der Mündung bis zur Quelle in Tibet bereist.
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Die ambitionierte Tour absolvierte der Autor zum größten Teil auf öffentlichen Schiffen, wobei er zahllose Eindrücke gewann, Menschen kennen lernte und landestypische Szenen erlebte. Es war eine Open-End-Exkursion, die schließlich einhundertzwei Tage dauerte. „Jedes Mal, wenn ich einen Fluss sehe, beginne ich zu träumen“, sagte einst Mark Twain, der am Ufer eines großen Stromes, des Mississippi, aufwuchs. André Malraux hatte 1931 eine ähnliche Reise auf dem Jangtse unternommen.
Farovik war mehrmals zuvor in China gewesen und zieht in seinem Buch Vergleiche zwischen damals und heute. Etwa, als er sich in Shanghai an seine Eindrücke von 1974 erinnert, an die Spätphase der Herrschaft Mao Zedongs. Ebenso wie in seinen früheren Büchern ergänzt der Autor Eindrücke und Szenen seiner Reise um historische Betrachtungen und Erklärungen. Es ergibt sich einmal mehr eine gut lesbare, informative und zugleich unterhaltende Mischung aus Reisereportage und Sachbuch.
In Shanghai geht es los mit der durchaus abenteuerlichen Exkursion auf dem Jangtse, dem drittlängsten Strom der Erde. Auf dem Schiff trifft Farovik interessante und nicht selten etwas wunderliche Chinesen, die ihm das Gastland – jeder auf seine Weise – näher bringen. Mancher persönliche Eindruck bestärkt in ihm die Zweifel, ob Marco Polo tatsächlich in China war oder ob der berühmte Reisende nicht lediglich wiedergab, was er von anderen Globetrottern seiner Zeit gehört hatte.
Als Farovik Nanjing erreicht, kommen ihm die schlimmen Massaker des Jahres 1937 und die humanitäre Arbeit des deutschen Kaufmanns John Rabe in Erinnerung, „des zweiten Oskar Schindler“. Am Drei-Schluchten-Damm beeindruckt ihn die Gigantomanie des Projektes durchaus, doch verweist er auch darauf, dass viele Dörfer zerstört und mindestens 1,3 Millionen Menschen zwangsumgesiedelt wurden – übrigens keineswegs die erste derartige Aktion in Chinas Geschichte. Würde diese größte Staumauer der Welt bei einem Erdbeben oder als Folge eines Terroranschlags bersten, wäre das Schicksal von zig Millionen Menschen besiegelt.
Vielfältige Eindrücke
Die augenscheinliche Tatsache, dass immer mehr Chinesen übergewichtig und mit Nahrungsmitteln bestens versorgt sind, kontrastiert stark zu früheren Hungersnöten, wie sie zuletzt in den 1950er-Jahren die Volksrepublik heimsuchten. Diese und andere Episoden aus Chinas Geschichte des 20. Jahrhunderts beleuchtet Farovik, ohne den Leser vor teils erschütternden Details zu verschonen. In Dörfern tauschten Familien damals ihre verhungerten Kinder untereinander, um nicht die eigenen verspeisen zu müssen. Man erfährt einiges über die Zeit, als der „Große Vorsitzende“ über das Reich der Mitte herrschte.
Später philosophiert der Norweger über die Kulturgeschichte der Teezeremonie und des Teetrinkens in China sowie über die gesellschaftliche Bedeutung der Teehäuser, die einst, in „Maos absonderlicher Welt“, als bourgeois verdammt und geschlossen wurden. Er führt seine Leser in ein landestypisches Hunderestaurant und in ein „Königreich der Frauen“: Bei den Naxi in Lijiang hat das weibliche Geschlecht das Sagen. Verwirrung bei den Behörden löst sein voller norwegischer Name Torbjørn Færøvik aus, der „geheimnisvolle Buchstaben“ enthalte.
Schließlich erreicht er das tibetische Hochland, wo er in vielfacher Weise die Dominanz der Han-Chinesen wahrnimmt. „No politics – no, no, no!“, betont Faroviks Fahrer, der das Gespräch klugerweise auf Berge und Blumen beschränkt. Mehrere Gruppen tief religiöser Pilger kreuzen seinen Weg; sie bewegen sich Hunderte von Kilometern auf Knien fort, um Lhasa zu erreichen. In der Hauptstadt angekommen, lässt der Norweger sich von Lhasa und von dem gigantischen Potala-Palast beeindrucken.
Die Grenze der Freiheit
China verändert sich permanent, das erkennt auch Tor Farovik deutlich. Wo früher streng auf die Parteilinie geachtet wurde und individuelles oder gar oppositionelles Denken zur sofortigen Bestrafung führte, genießen die Menschen heute weitaus mehr persönliche Freiheiten und die bessere Versorgung mit Konsumgütern. Niemanden, so der Autor, interessiere mehr, was die Menschen auf der Straße redeten und kritisierten. Der Staat reagiere aber schnell und hart, sobald sich die Systemkritiker, die Querdenker und die Unzufriedenen, organisierten.
Im heutigen China mit seiner „sozialistischen Marktwirtschaft“ ist halt nicht viel geblieben von Maos Lehre von der (vermeintlichen) Gleichheit aller Bürger. „Baijinzhuyi“, die Verehrung des Geldes, dominiert das Leben und die Mentalität. Viel Symbolik erkennt Farovik auf dem Schiff „Boyang“, wo im Unterdeck, inmitten von Schmutz und Müll, die Mittellosen reisen, die nicht ganz Armen das zweite Deck belegen, das dritte Deck den erfolgreichen Emporkömmlingen vorbehalten ist und die Kader und Staatsfunktionäre sich das Oberdeck teilen.
Dies, so Farovik, erinnere ihn „an ein Gemälde, das ich vor mehreren Jahren in Peking im Museum gesehen hatte. Dort war die kapitalistische Gesellschaft als Pyramide dargestellt. Die unterste Etage wurde von schwitzenden Sklaven getragen. Mit jeder Etage gab es weniger Menschen, und die zu verrichtende Arbeit wurde leichter. Ganz oben thronte ein fetter Kapitalist mit Zylinderhut und Zigarre. Der offizielle Titel des Bildes lautete: ,Der böse Kapitalismus’.“
Tor Farovik: Jangtse – Strom des Lebens. Eine Reise von Shanghai ins tibetische Hochland. 416 Seiten. Malik Verlag, aktualisierte Taschenbuchausgabe München 2012. 14,99 Euro.
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