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Kino - Michael Hermann

Black Wedding

Suggestiv, verstörend und zu lang: Lars von Triers Weltuntergangsfantasie „Melancholia“.


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Justines Mutter (Charlotte Rampling) traut dem Hochzeitsbraten nicht. (Bild: Christian Geisnaes)

Nur harmloser Sternenstaub? Justine (Kirsten Dunst) und Claire (Charlotte Gainsbourg). (Bild: Christian Geisnaes)

Die Wissenschaft hat festgestellt: Claire (Charlotte Gainsbourg) mit Ehemann John (Kiefer Sutherland). (Bild: Christian Geisnaes)

Der Vater (John Hurt) der Braut (Kirsten Dunst). (Bild: Christian Geisnaes)

Zwischen Mondsüchtigkeit und „Melancholia“. (Bild: Christian Geisnaes)

Prince of Darkness? Regisseur Lars von Trier. (Bild: Concorde Filmverleih)

Für manche Zuschauer dürfte Melancholia unter die Rubrik „beautiful sadness“ fallen. Insbesondere die erste Viertelstunde, die eine filmische Ouvertüre bildet, erlaubt ihnen das Schwelgen in erlesenen Bildern und einem Klangteppich aus unheilsschwangeren Wagner-Motiven, die auch in den beiden weiteren, „Justine“ und „Claire“ benannten Teilen des Films zum Einsatz kommen.

Allen anderen dürfte es ebenso schwer fallen, dieses Feel-Bad-Movie zu mögen, wie sich ihm zu entziehen. Denn Lars von Trier spielt hier geschickt mit der menschlichen Urangst vor dem Weltuntergang: Was wäre, wenn ein Planet die Bahn der Erde kreuzte – und kein Hollywood-Team unter Führung von Bruce Willis (Armageddon) sie vor Zusammenprall und Vernichtung retten könnte? Und sich somit auch einer der berühmten Chuck Norris Facts – „Das Universum dehnt sich nicht aus; es läuft vor Chuck Norris davon“ – als unhaltbar herausstellte?


Eine Hochzeit läuft aus dem Ruder

Doch der Reihe nach. Im Anschluss an die bildgewaltige Ouvertüre setzt die Handlung mit einer Hochzeitsfeier ein, die an Thomas Vinterbergs Familiendrama Das Fest erinnert, Kamerawackler inklusive. Als Skandalnudel fungiert die Braut Justine (Kirsten Dunst) samt geschiedener Eltern-Entourage (Charlotte Rampling, John Hurt).

Justine ist offensichtlich nicht fähig oder willens, den Erwartungen zu entsprechen, die im Allgemeinen an die Hauptfiguren einer solchen Festivität gerichtet werden. Sie lässt nichts aus, um ihr nahestehende Leute einschließlich des ihr gerade Angetrauten vor den Kopf zu stoßen, so dass sich schnell die Frage aufdrängt: Warum macht sie das alles, wenn sie doch eigentlich gar nicht heiraten will? Oder wie es ein Chuck-Norris-Fan, der sich in den falschen Film verlaufen hätte, womöglich formulieren würde: Was zickt die Bitch so ’rum?

Doch lässt sich Justines Charakter wie auch Kirsten Dunsts Leistung, für die sie beim diesjährigen Filmfestival in Cannes als beste Schauspielerin geehrt wurde, erst vom Ende des Films her richtig einschätzen und würdigen. Dunst gelingt es im ersten Teil, konsequent die Antipathien auf ihre Figur zu ziehen. Die Gründe für ihre seltsame, depressive Art offenbaren sich erst im zweiten Teil, der kurz nach der verpatzten Hochzeit auf dem Anwesen ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) spielt.

Justine wirkt nun wie eine Art Seherin, die das kommende Unheil vorausgeahnt und als Schicksalsfügung akzeptiert hat, während ihr streng wissenschaftlich und rational argumentierender Schwager John (Kiefer Sutherland) noch davon überzeugt ist, dass der Planet „Melancholia“ sich auf Nimmerwiedersehen von der Erde entfernen wird.


Von Trier bleibt seinen Obsessionen treu

Mit seiner ebenso cleveren wie beklemmenden Ausgangsidee hält von Trier trotz einiger Längen die Spannung aufrecht. Filmisch bietet seine Weltuntergangsfantasie gar nicht so viel Interessantes und Neues, doch müsste man schon durch und durch Kopfmensch sein, um sich von Melancholia nicht zumindest vorübergehend verstören und irritieren zu lassen.

Grundsätzlich bleibt jedoch alles beim Alten im Von-Trier-Kosmos: Er quält weiterhin gerne Frauenfiguren beziehungsweise lässt sie leiden, er hört immer noch gerne Wagner (das Leitmotiv von Melancholia stammt aus Tristan und Isolde), und er schafft es nach wie vor in vielen Passagen, das Publikum mit suggestiven Bildern in seinen Bann zu ziehen.

Weniger geschickt scheint von Trier indes in der Vermarktung seiner selbst zu sein. Erst auf einer Pressekonferenz in Cannes mit einer nicht wirklich als ironisch zu erkennenden Nazi-Bemerkung für einen Eklat sorgen und sich anschließend dafür entschuldigen, nur um ein paar Monate später anlässlich einer ihm gewidmeten Filmreihe in Berlin zu erklären, dass er „stolz“ auf den Cannes-Skandal sei – und die Nazi-Bemerkung erneut bar jeglicher Ironiesignale zu wiederholen – , das ist schon ein ziemlich seltsames, um nicht zu sagen ausgesprochen dämliches Gebaren.

Oder eben doch ein besonders cleveres, weil es wenige Wochen vor dem Kinostart von Melancholia für das wichtigste Gut sorgte: öffentliche Aufmerksamkeit. Er ist und bleibt ein Filou, der Herr von Trier.


Melancholia - Regie: Lars von Trier, mit John Hurt, Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg u. a., Frankreich, Dänemark, Schweden, Deutschland 2011, FSK ab 12 Jahre freigegeben, 130 Min., Kinostart: 6. Oktober 2011.



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