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Kino - Michael Hermann
Aufeinander mit Gebrüll
Treffen sich zwei Ehepaare … und wie der Titel „Der Gott des Gemetzels“ schon andeutet, wird der Witz dabei ziemlich schwarz. Roman Polanski hat mit Starbesetzung eine exzellente Komödie inszeniert.
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Das Paradebeispiel für metzelnde Vierpersonen-/Zweipaare-Stücke ist wohl immer noch Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Im Unterschied zu Edward Albees Welterfolg, in dem die Kontrahenten sofort in die Vollen und aufeinander los gehen, gleicht das kaum minder erfolgreiche Theaterstück Der Gott des Gemetzels der französischen Dramatikerin Yasmina Reza eher einem Crescendo. Für seine Filmversion hat Roman Polanski gemeinsam mit ihr das Drehbuch geschrieben und den Schauplatz von Paris nach New York verlegt.
Alles beginnt damit, dass der 11-jährige Zachary dem gleichaltrigen Ethan zwei Zähne ausgeschlagen hat, nachdem dieser ihn „Petze“ genannt hatte. Also bitten Ethans Eltern Penelope und Michael Longstreet (Jodie Foster und John C. Reilly) Zacharys Eltern Nancy und Alan Cowan (Kate Winslet und Christoph Waltz) zu einem klärenden Gespräch in ihre Wohnung. Was wie eine höfliche, gesittete Unterhaltung unter gut situierten erwachsenen Menschen beginnt, läuft nach einer Weile völlig aus dem Ruder. Und dann kommt auch noch Alkohol dazu. Es gibt reichlich gezielte Gemeinheiten, Beleidigungen und Demütigungen; verschont bleibt niemand.
Ein Fest für die Schauspieler
In intensiv verdichteten 79 Minuten geben die vier Figuren, zunächst ungewollt, immer mehr von sich und ihren Unzulänglichkeiten und inneren Abgründen preis, vollziehen jede/r für sich einen peinsamen Seelen-Striptease. Ein gefundenes Fressen für vier überzeugende Schauspieler. So erhält Christoph Waltz als provokanter Zyniker und dauertelefonierender Rechtsanwalt, der ein Pharmaunternehmen vertritt, hinreichend Gelegenheit, sein Arschloch-Grinsen aufzusetzen.
Jeder der vier ist mindestens einmal am Boden zerstört beziehungsweise auf der „Anklagebank“. Dabei wechseln die Allianzen mehrfach, mal teilen die Frauen gegen die Männer aus (und umgekehrt), mal verläuft die Frontlinie entlang der Trauringe. Weitere tragende Rollen spielen Alans nervendes Handy und ein Fön. Denn gekotzt wird hier nicht später, sondern im Wohnzimmer, wo Nancys Schwall ein unschuldiges, wertvolles Kunstbuch trifft. Die Ursache könnte Penelopes Kuchen gewesen sein, den sie zwar höflich gelobt hat, aber insgeheim grässlich fand, während ihr vielbeschäftigter, nicht zur regelmäßigen Nahrungsaufnahme kommender Ehemann Alan ihn in sich hineinstopfte wie eine siebenköpfige Raupe. Es könnte aber auch an Alans mangelnder Aufmerksamkeit für Nancy liegen …
Peinlichkeiten und Gemeinheiten
Diese schwarze Komödie der Peinlichkeiten seziert illusionslos soziale Konventionen, Manieren und Umgangsformen: Sind sie am Ende nur eine Form von Heuchelei, mit deren Hilfe wir mühsam verhindern, permanent aufeinander loszugehen? Denn das, so legt es der Film nahe, scheint die unausweichliche Folge zu sein, wenn man sich gegenseitig offen und ehrlich die Meinung ins Gesicht sagt.
Der Gott des Gemetzels wirft einen satirischen, nicht unbedingt menschenfreundlichen Blick auf mittelalte Mittelschichtspaare und die Welt, in der sie und wir leben. Polanski und sein Ensemble holen aus der Konstellation das Maximum an Wirkung heraus. Ein kurzer, böser, sehenswerter Spaß. Ob man ihn als befreiend oder gar reinigend empfinden kann, sei dahingestellt. Der Gott des Gemetzels riecht schon stark nach verbrannter Erde.
Der Gott des Gemetzels - Regie: Roman Polanski, mit: Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz, John C. Reilly, Frankreich, Spanien, Polen, Deutschland, 2011, 79 Min., FSK ab 12 freigegeben, Kinostart: 24. November 2011.
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