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Kabarett - Michael Hermann

Auf in den Kampf

„Meister Yodas Ende“ heißt Georg Schramms aktuelles Soloprogramm. Besseres Kabarett ist kaum vorstellbar.


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Rentner Dombrowski macht
mobil. (Foto: Achim Käflein)

Am Ende sind Georg Schramm und seine grandiosen Bühnenfiguren noch lange nicht. Zwar ist die Prognose für den entrüsteten Rentner Dombrowski nicht günstig (es dräut die Demenz herauf), doch dafür lässt Alt-Sozialdemokrat August es noch einmal richtig krachen. Und Oberstleutnant Sanftleben spielt ohnehin in seiner eigenen Liga.

Doch der Reihe nach: August, das hessische Sozi-Urgestein, ist inzwischen Witwer und sitzt am liebsten im Schrebergarten – wo auch die Urne seiner Frau nach der nächtlichen Ausgrabung auf dem Friedhof verbuddelt ist. Überzeugendes Argument seiner Kumpel für die Umbettung: „Wenn dei Frau zuguggt, hältste den Gadde besser in Schuss“. Scharf schießen tut August sowieso, um mit dem Luftgewehr Spatzen und Elstern von den Kirschbäumen zu vertreiben. Seine Treffsicherheit verbessert er nebenbei laufend - mit Schüssen auf „Bild“-Titelbilder, auf denen Sarrazin, Ackermann & Co. abgebildet sind.  


Ungenießbares Methusalem-Kompott

Alter und Tod sind zentrale Themen von Georg Schramms neuem Soloprogramm „Meister Yodas Ende“. Rentner Dombrowski sucht weiter unverdrossen Bundesgenossen für seinen Kampf gegen das Schlechte und hat eigens eine Selbsthilfegruppe „Altern heißt nicht trauern“ gegründet. Der Name gefällt ihm noch nicht, er klingt zu defensiv. Dabei will Dombrowski doch „Tage des Zorns“ heraufbeschwören, um den Krieg Arm gegen Reich zu führen, anstelle des im „Methusalem-Kompott“ von Frank Schirrmacher zusammengerührten, vermeintlichen Kampfes Alt gegen Jung. Eine erste Ermahnung an das Publikum im Bonner Pantheon ist notwendig, das Dombrowskis Ausführungen immer wieder mit Beifallsbekundungen unterbricht: „Lassen Sie mich ausreden! Warten Sie, bis ich die Stimme senke!“

Dann kommt der nächste Höhepunkt des Abends: Gastreferent Oberstleutnant Sanftleben spricht über „Deutsches Blutvergießen – wozu?“ in Afghanistan und macht erst einmal auf den feinen Unterschied zwischen dem von deutschen Soldaten vergossenen Blut anderer (der Luftangriff auf zwei Tanklaster bei Kundus) und dem vergossenen Blut toter deutscher Soldaten aufmerksam.

Inzwischen sei die Lage so, dass selbst der „von uns gekaufte“ Präsident Karsai die deutschen Truppen am liebsten wieder los wäre. Was bleibe für die Bundeswehr noch zu tun, „Pausenaufsicht in den Mädchenschulen führen“? Auch Stratege Sanftleben scheint ratlos. „Deutschland wird am Hindukusch verteidigt“ habe der damalige Verteidigungsminister Struck gesagt. Bei den Taliban hingegen laute die Devise inzwischen „Afghanistan wird im Sauerland verteidigt“ – einer der „kleinen Scherze“, für die Sanftleben berühmt ist.

Dass die Figur des Oberstleutnants eine so durchschlagende Wirkung hinterlässt, ist auch Georg Schramms Biografie geschuldet. Er hat nach dem Abitur tatsächlich als Zeitsoldat gedient und die Einzelkämpferausbildung als Jahrgangsbester abgeschlossen. Und es hat fraglos auch etwas mit der schauspielerischen Glanzleistung zu tun, die Schramm als Sanftleben immer wieder hinlegt. Joviales Lächeln, exakte, abgezirkelte Bewegungen, schneidige Sprache, tadellos sitzende Uniform und Barett – und als Kontrast dazu nach der Pause ein, nun ja, „aufgeräumter“ Oberstleutnant, der sich im Offizierscasino schon das eine oder andere Getränk genehmigt hat.

An einer Stelle im Programm bemerkt Sanftleben (oder spricht hier Schramm?), dass sein Auftritt ohne die Uniform viel weniger überzeugen würde. Anders herum wird ein Schuh daraus: Leute, die reale Presse- und Öffentlichkeitsarbeitsoffiziere der Bundeswehr bei der Arbeit und beim Vortrag erlebt haben, verstehen oft zunächst nicht, warum das Publikum Sanftleben so furchtbar komisch findet – weil er so furchtbar echt ist. (Tipp: Eine geballte Ladung Sanftleben im Gespräch mit Alexander Kluge finden Sie hier)


Keine „Kultur des Scheiterns“

Sehr erhellend im Folgenden des Oberstleutnants Ausführungen zu den innenpolitischen Implikationen, falls hierzulande der „Verteidigungsfall“ ausgerufen würde (von „Krieg“ darf ja nicht gesprochen werden): Solange der „Verteidigungsfall“ andauert, fallen nämlich sämtliche Wahlen aus – da tut sich eine Überlebensstrategie für schwarz-gelb auf. Und was den „feigen Hinterhalt“ angeht, den in der medialen Darstellung die afghanischen Gegner den deutschen und Nato-Truppen immer legen: Da stellte der Experte unmissverständlich klar, dass der Hinterhalt gegen einen zahlenmäßig überlegenen und besser bewaffneten Gegner als taktisches Mittel in allen Militärschulen überall auf der Welt gelehrt wird. Setzen!

Es wird wohl noch dauern bis zum Eingeständnis des Scheiterns in Afghanistan; eine „Kultur des Scheiterns“ sei in der westlichen Welt offenbar nicht vorgesehen. Denn nichts ist gemäß dem berühmten Clausewitz-Satz schwieriger als der „geordnete Rückzug aus einer unhaltbaren Position“. Und die einzige Chance, einmal etwas militärisch wirklich Sinnvolles zu leisten, habe die Nato bereits 1995 vertan, als sie das Massaker von Srebrenica geschehen ließ. 


Der Oberstleutnant in seinem Element: Die Steinzeit

Nun ist Sanftleben nicht nur Stratege, sondern auch ein großer Anthropologe und Psychologe. Im Mann, so doziert er, stecke eine quasi genetische Veranlagung zum Schusswaffengebrauch: „Die Kugel ist das Ejakulat!“ Wenn er über die Entstehung von Waffenproduktion und Kriegführung in der Steinzeit spricht, gerät der Oberstleutnant richtig in Fahrt. Vernünftig seien die Jäger damals ja nicht gewesen, die sich mit Speeren auf die an Kraft weit überlegenen wilden Tiere wie Mammut und Säbelzahntiger gestürzt hätten. Aber die, die durchkamen und mit Beute in die Höhle zurückkehrten, hätten zur Belohnung die „brünstigsten Weibchen“ bekommen … an dieser Stelle bricht Sanftleben seinen schwungvollen Vortrag ab, das gehöre nun wohl doch nicht hierher.

Da muss Dombrowski wieder zum eigentlichen Thema zurückführen, schließlich gilt es eine Aussprache zum Thema „Altern in Würde“ zu führen. Die Abstimmung im Pantheon-Publikum zeigt: Nicht wenige können sich vorstellen, den Freitod einem Pflegefall-Dasein in Demenz vorzuziehen. Das registriert Dombrowski durchaus zufrieden, weist indes auch auf die eventuellen Schwierigkeiten hin, den „richtigen Zeitpunkt“ dafür zu finden.

Seine fiktiven Diskutanten, August und der bereits aus mehreren Programmen bekannte fidele Rheinländer, erörtern derweil die Möglichkeiten der modernen Medizin. Der technikbegeisterte Rheinländer, der sich nach seinem Tod am liebsten einfrieren lassen würde, kennt das Problem der Inkontinenz bei alten Menschen aus der eigenen Familie und stellt bedauernd fest: „Früher war für so was die Schwiegertochter da.“ Doch nun, wo berufstätige Ehefrauen wie die seine nicht zur Verfügung stehen, gebe es ja Spezialwindeln „mit einer Zuladungskapazität von drei Litern!“ – für Patienten, die mittels moderner Magensonde nur noch verflüssigten Hightech-Food bekämen, obwohl sie noch selbsttätig essen könnten, wirft Dombrowski zornig ein.


Der Pakt von Vernunft und Zorn

Womit wir wieder bei der Grundstimmung des Abends wären. Und einer Handreichung, wie man sich in sie hineinversetzen kann. Stéphane Hessel, der 93-jährige Autor von „Empört Euch“, hat es Dombrowski angetan. Er empfiehlt die Lektüre von Hessels Streitschrift, mit ihrem Umfang von knapp 30 Seiten sei sie „genau richtig für unsere Altersgruppe, das kriegen wir noch hin“.

Altersmilde liegt ihm genauso fern wie altersbedingte Religiosität, doch lassen sich auch unter den Äußerungen von Kirchenmännern trefflich formulierte Begründungen für den Zorn finden – wenn man bei der Suche nur lange genug zurückgeht: "Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht", zitiert er Papst Gregor den Großen (540-604). Und wen meinte Thomas von Aquin (1225-1274), als er den folgenden Satz formulierte: "Die blasse Harmlosigkeit, die sich leider oft mit Erfolg für Sanftmut ausgibt, sollte doch niemand für eine christliche Tugend halten." Klarer Fall für Dombrowski, dabei kann es sich nur um Christian Wulff handeln.

Die derzeitige Bundesregierung mit dem Bösen gleichzusetzen wäre allerdings eindeutig „zu viel der Ehre“, die sei höchstens ein „Furunkel am Gesäß des Bösen“. Die wahren Schurken seien vielmehr dort zu finden, wo die Habgier regiere, unter den Investmentbankern und Spekulanten. Denn, so die einleuchtende Definition Dombrowskis, für den Habgierigen ist nicht der Besitz, sondern der Erwerb entscheidend. Er braucht wie ein Süchtiger immer mehr.

(Nebenbei: Dieses Suchtverhalten sollte nun auch im Kleinen anhand des typisch weiblichen Drangs zum Schuhkauf nachgewiesen werden. Die von Dombrowski angesprochene Frau aus dem Publikum behauptete jedoch standhaft – und unter dem ungläubigen Gelächter des restlichen Publikums –, sie besitze nur sechs paar Schuhe. In seiner Schlussansprache nach der Zugabe bemerkte Schramm, es komme ungefähr alle 50 Auftritte einmal vor, dass eine Frau angebe, über weniger als 20 Paar Schuhe zu verfügen. Künstlerpech.)

Zurück zu den zweifelsfrei Habgierigen. Wie eine Regierung auf Spekulanten reagieren sollte, die sich verzockt haben, demonstrierte Dombrowski anhand der so genannten Tulpenzwiebel-Blase von 1637. Auch damals forderten die Spekulanten nach dem Platzen der Blase finanzielle Unterstützung, doch sie bekamen sie nicht. In einer Regierungserklärung stellte die damalige Regierung der Niederlande klar, dass für Spielsüchtige nicht sie zuständig sei, sondern der – Arzt. Tusch!


Früchte des Zorns

Sie haben Bedenken, es sei nun schon zu viel vom Programm verraten? Keine Sorge, das bisher Referierte gibt lediglich einige ausgesuchte Höhepunkte aus Georg Schramms Vortrag vor der Pause wieder. Was sonst noch auf der Agenda stand, und was an Erzählens- und Bedenkenswertem in der zweiten Hälfte passierte, das sehen und hören Sie sich am besten selbst an:

Sanftlebens Ausführungen über „den Araber“ („da hat Karl May uns wohl Scheiße erzählt“), global gewaltbereite Jungmänner („Testosteron kennt keine Religion – kleiner Scherz“) und „Massenschutzwaffen“, Dombroskis Reflexionen über die nahende „Ziellinie“ Pflegeheim, die „emotionale Pissrinne“ Fernseh-Talkshow, Meister Yodas vermeintliche „Kraft der Worte“ und Franklin D. Roosevelts bahnbrechenden New Deal, schließlich noch Augusts bei „Schlecker“ fröhlich revoltierende Rentner-Gang – so, das muss jetzt genügen.

Doch es gilt, rechtzeitig Karten zu erwerben. Schramm ist ähnlich wie Pispers auf Monate im Voraus ausverkauft. An dieser Stelle ist es auch an der Zeit, eine persönliche Einschätzung zu korrigieren: Volker Pispers und Georg Schramm sind ex aequo die Nummer eins im politischen Kabarett dieses Landes. Ich kenne außer den beiden niemanden, der in der Lage wäre, ein Publikum über fast drei Stunden mit reinem Wortkabarett in seinen Bann zu ziehen und zu Beifallsstürmen Marke „Sportpalast-Atmosphäre“ (Dombrowski/Schramm) zu bewegen. Dann macht mal weiter so, Jungs.


Georg Schramm mit „Meister Yodas Ende“ im Pantheon am 4. Juni 2011.


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