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Musik, Theater - Christiane Wiegand

Auf der Suche nach dem ewigen Moment

Die experimentelle Oper „Buch Asche.“ von Klaus Lang, Händl Klaus und Claudia Doderer feiert ihre Uraufführung in der Bonner Oper: ein musikalisch packendes Traumbild mit kleinen szenischen Schwächen.


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Assaf Levitin (Xi), Angelika Luz (Jun)

... und Terry Wey (Kaiser) in "Buch Asche."

Fotos: Thilo Beu

Jun träumt. Sie träumt von einem Kleid aus reiner Seide, so schön, so wertvoll, dass sie es vor ihrem eigenen Mann verstecken muss. Denn Jun und Xi sind bettelarm. Die Erträge ihres Reisfelds reichen kaum zum Überleben und der eisige Winter zehrt an ihren Kräften. Doch Jun träumt. Sie träumt, dass sie ihr einziges Buch verbrennt, um seine Asche über dem Kopf des grausamen Kaisers auszuschütten. Die Strafe dafür ist der sichere Tod.


Dennoch zieht Jun los, um diesem Traum zu folgen, mit der Asche ihres einzigen Buches in der Tasche. Und es geschieht ein Wunder: als sie die Asche über dem Haupt des Herrschers ausschüttet, verwandelt sie sich in zahllose Kirschblüten und der entzückte Kaiser schenkt Jun zur Belohnung ein Stück reine Seide...


Es ist diese einfache Geschichte, basierend auf einem asiatischen Märchen, die dem Komponisten Klaus Lang, der Raumkünstlerin Claudia Doderer und dem Librettisten Händl Klaus als Ausgangspunkt und Keimzelle ihres neuen Projekts diente: einer experimentellen Oper mit dem Titel „Buch Asche.“, die am vergangenen Sonntag in der Reihe „Bonn Chance!“ in der Bonner Oper ihre Uraufführung feierte.


Während das Werk das Märchen zwar als Ausgangs- und Bezugspunkt nimmt, steht in seinem Zentrum weniger die Handlung als etwas anderes: „Buch Asche.“ ist Kunst um der Kunst Willen; ein Werk, das sich seine eigene Artifizialität zum Thema macht und seine Kunst zu keinem Zeitpunkt in den Dienst der bloßen Narration stellt. Die Oper erscheint als ein einziges, neunzigminütiges Traumbild aus Farbe und Raum, Klang und Bewegung. Textverständlichkeit und Realismus sind hierbei irrelevant; von Händl Klaus' minimalistisch-prägnanter Dichtung sind lediglich einzelne Worte und Satzfetzen zu verstehen.


Die Aufhebung jeglicher Distanz zwischen Publikum und Kunstwerk bildet ein zentrales Element der Inszenierung. Die Musiker des Beethoven Orchesters befinden sich nicht im Orchestergraben, sondern an den verschiedensten Stellen auf der Bühne und im Zuschauerraum, neben-, über- und untereinander, und erzeugen so ein einzigartiges Klangerlebnis, das trotz des Verzichts auf elektronische Verstärkung an den „surround sound“ des modernen Kinos erinnert. Speziell für den Innenraum des Bonner Opernhauses konzipiert, entwickelt die Musik so eine anrührende Direktheit und eine unwiderstehliche Sogwirkung.


Klaus Langs Komposition besticht vor allem durch ihre intensiven Klangteppiche, die in ihrer kontinuierlichen Steigerung eine enorme Spannung zu erzeugen vermögen. Auch in den leisen Tönen kann Langs Partitur überzeugen. Leitmotivisch durchziehen minimalistisch-schlichte solistische Einwürfe das Werk und verbinden die Komposition zu einem beeindruckend innovativen Gesamtkunstwerk. Das Klang-Raum-Erlebnis, dass Lang in Bonn bereits in den Produktionen „Königin Ök“ und „Stimme allein“ erproben konnte, findet in „Buch Asche.“ seine Vollendung.


Der Chor der Oper Bonn, der als Aufnahme vom Band eingespielt wird, erweitert das musikalische Spektrum um eine zusätzliche Dimension, verleiht ihm Kontur und Tiefe. Sowohl Chor als auch Solisten erscheinen dabei weniger als Fremdkörper und Gegensatz als als Teil des Orchesters: die menschliche Stimme ist in „Buch Asche.“ ein Instrument unter vielen, ein gleichwertiger Teil des Orchesters.


Terry Wey beeindruckt in der Rolle des Kaisers mit beweglichem Countertenor und einer facettenreichen Dynamik, während Bass Assaf Levitin als Xi die extremen Tiefen seiner Partie mit einer beeindruckenden Leichtigkeit meistert. Einzig Angelika Luz scheint mit der technisch enorm anspruchsvollen Partie der Jun überfordert. Ihre Sopranstimme lässt vor allem in den Höhen die Leichtigkeit und Präzision Weys und Levitins vermissen.


„Buch Asche.“ ist vor allem dank Klaus Langs Musik ein Ereignis. Mit seiner zeitlos-spannungsgeladenen Komposition vermag der szenische Teil der Produktion bedauerlicherweise nicht dauerhaft mitzuhalten. Das mag daran liegen, dass die Produktion auf die leitende Hand eines Regisseurs vollständig verzichtet. Zwar zielt Claudia Doderers Bühnenraum ebenfalls auf die Aufhebung der Distanz zum Publikum ab, der laufstegartig in den Zuschauerraum hineingezogenen Bühne fehlt jedoch das Innovationspotential der Langschen Musik.


In einem surrealistisch-abstrakten Bühnenbild, das der Architektur des Opernhauses nachempfunden scheint, gelingen Doderer jedoch vor allem dank der geschickt eingesetzten Beleuchtung Bilder, die in Erinnerung bleiben. Wenn der Kaiser die Treppe hinunter schreitet und dabei eine etliche Meter lange blutrote Schleppe hinter sich her zieht, gewinnt die Inszenierung auch optisch eine verstörende Intensität. Der besondere Fokus auf Langsamkeit bis hin zum Stillstand bietet einen reizvollen Kontrast zur hektischen Lebenswirklichkeit und unterstreicht den unwirklichen, traumartigen Charakter des Werks, besitzt allerdings nicht genügend Substanz, um das Publikum dauerhaft zu fesseln.


So bleibt Zeit zum Blick auf die zahlreichen Monitore, die für die Musiker an diesem Abend den Dirigenten ersetzen, die Takte zählen, Einsätze geben und dem interessierten Zuschauer einen faszinierenden Einblick in die Struktur der Komposition ermöglichen. Wo das regielose Theater Schwächen zeigt, funktioniert das dirigentenlose Orchester einwandfrei.


Insgesamt tritt „Buch Asche.“ eindrucksvoll den Beweis an, dass das experimentelle Musiktheater endlich und völlig zurecht im großen Haus angekommen ist. Und als der letzte Ton verklungen ist, herrscht einen Moment lang atemlose Stille, bevor, zunächst ganz langsam, ganz zögerlich, beinahe ein wenig ungläubig der Applaus einsetzt, nur um dann umso heftiger aufzubranden. Denn das Erwachen aus einem Traum benötigt eben seine Zeit.



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