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Kino - Michael Hermann
Abschied von gestern
Wie die Spielzeuge um Cowboy Woody und Space-Ranger Buzz Lightyear der Zwangsverrentung auf dem Dachboden entgehen und auf Umwegen ein neues Einsatzgebiet finden, zeigt „Toy Story 3“. Computeranimation in bewährter Pixar-Qualität.
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Im dritten Teil der Toy Story stehen die Spielzeuge um Sheriff Woody, Cowgirl Jessie und Space-Ranger Buzz Lightyear kurz vor der Rente auf dem Dachboden. Denn ihr „Master of Puppets“ Andy wird so langsam erwachsen und bereitet sich auf die Abreise zum College vor. Da ist Aufräumen und Ausmisten angesagt. Was muss mit, was bleibt da, was wandert in den Müll? Für die Spielkameraden seiner Kindheit ist Andy nun doch schon zu alt, also packt er sie in einen Müllsack, den er auf den Speicher bringen will. Doch seine Mutter stellt den Sack irrtümlicherweise vor die Straße. Dies bekommt Woody mit, den Andy als einzigen doch aufs College mitnehmen möchte. Also eilt der Sheriff den Kollegen zu Hilfe. Die ausrangierten Spielzeuge können sich gerade noch aus dem Sack befreien und vor dem Müllwagen retten. Sie suchen Zuflucht in einer Kiste, die für die Kindertagesstätte „Sunnyside“ vorgesehen ist und von Andys Mutter dorthin gebracht wird.
Dort klärt Woody seine Spielkameraden über das Missverständnis auf, dass beinahe zu ihrer Entsorgung im Müll geführt hätte, und fordert sie auf, mit ihm zu Andy zurückzukehren, dem gegenüber er sich weiterhin zur Loyalität verpflichtet fühlt. Doch die anderen beschließen, in Sunnyside zu bleiben. Denn Spielzeug, mit dem nicht gespielt wird, langweilt sich schließlich zu Tode, und da scheint so eine Kindertagesstätte genau die richtige Bleibe zu sein. Die erweist sich jedoch bald als veritabler Alptraum. Die Kinder, denen sie zugeteilt werden, gehen – höflich formuliert – nicht gerade liebevoll mit ihren Spielsachen um. Nachdem Buzz & Co. das auf unsanfte Weise am eigenen Leib erfahren haben, möchten sie lieber zu einer anderen, reiferen Kindergruppe versetzt werden.
Der Teddybär als Mafia-Boss
Doch da haben sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Unter den Spielsachen in Sunnyside herrschen Mafia-ähnliche Zustände. Eine Gang um den scheinbar gemütlich-freundlichen, in Wahrheit aber umso finstereren Erdbeerbären „Lotso“ beherrscht die Kita-Spielzeuge. Beschwerdeführer Buzz Lightyear wird von den Schergen des Bären überwältigt, „bis zur Unkenntlichkeit und darüber hinaus“ umprogrammiert und zum Bewacher seiner Kameraden umfunktioniert.
Unter Lotso herrscht ein Klima der Angst und Überwachung: „Hier keiner kommt raus!“. Wir befinden uns nun mitten in einem Gefängnisfilm. Rettung kann nur mit Hilfe von außen erfolgen. Also muss Woody, der es so gerade noch geschafft hatte, aus der Horror-Kita auszubüxen, doch wieder ran …
Es ist das Verdienst von John Lasseter und den Pixar-Studios, den Trickfilm mit der Computeranimation um ein neues, aufregendes Genre bereichert zu haben. Die erste Toy Story aus dem Jahr 1995 brachte den Durchbruch für vollständig im Rechner animierte Filme – und wirkt selbst nach 15 Jahren, einer halben Ewigkeit im Computerzeitalter, noch keineswegs antiquiert. Denn Lasseter und seine Autorenkollegen achteten stets darauf, ihren Figuren eine gewisse charakterliche Tiefe zu verleihen und bei all den immer spektakulärer wie rasanter werdenden Effekten aus der digitalen Hexenküche das Versprechen aus dem Titel nicht zu vergessen und eine story plausibel zu erzählen. Geschichten für Erwachsene und Kinder gleichermaßen, die in den animierten Figuren Konstellationen und Konflikte aus dem Menschenalltag wiederfinden.
Das ist den Pixar-Leuten auch in Teil drei wieder gelungen.
Optisch ist Toy Story 3 ein recht kurzweiliges Vergnügen, das vermutlich ohne 3D-Effekte genauso gut funktioniert hätte und auch den „Darstellern“ einiges abverlangt. So muss die Kartoffel Charlie Naseweis (alias „Mr Potato Head“) sich vorübergehend in ihre Bestandteile auflösen und zunächst die Gestalt einer Tortilla und dann die einer Salatgurke annehmen, um aus ihrer Isolationshaft entkommen zu können. Und bei der Rückprogrammierung des gehirngewaschenen Space-Rangers unterläuft den Spielzeugen ein kleiner Fehler mit der Bedienungsanleitung. Zum Ergötzen der Zuschauer wird aus Buzz Lightyear vorübergehend ein feuriger „Spanish Buzz“, der umgehend anfängt, Cowgirl Jessie den Hof zu machen.
Barbie als Emanze
Die von Andys kleiner Schwester ebenfalls ausrangierte Barbie mutiert gar zur kämpferischen, politisierenden Blondine, wenn sie den eitlen Gecken Ken zur Räson bringt und Lotso entgegenschleudert, dass eine „legitime Ordnung“ niemals auf Gewalt gegründet sein dürfe. Allerdings ist dieser fiese Teddybär Lotso genau genommen auch nur ein Verbitterter, der von seiner ehemaligen Besitzerin erst vergessen und dann durch einen baugleichen Bären ersetzt wurde. Da musste er natürlich zum Bösewicht werden und es im Sinne der Dramaturgie auch bleiben. Einen hundertprozentig überzeugenden Schurken gibt er gleichwohl nicht ab.
Toy Story 3 durchzieht bei alledem ein leichter und zum Schluss hin stärker werdender Anflug von Melancholie. Letzten Endes geht es hier um den unwiderruflichen Abschied Andys von seiner Kindheit – und den der Spielzeuge von ihm. Wenn zu Beginn Randy Newman, der wie schon bei Teil 1 und 2 den kompletten score komponiert hat, das kaum anders als ironisch zu verstehende „We belong together“ singt, deutet sich bereits an, dass es bei der trauten Zusammengehörigkeit zwischen Junge und Spielzeugen nicht bleiben kann. Denn wir sehen dazu einen „Film im Film“ im Homevideo-Stil, der Andy als Kind zeigt, wie er begeistert mit Woody, Buzz & Co. spielt. Nur wenige Filmminuten später landen die Plastikkameraden, wie erwähnt, erst einmal im Müllsack. Toy Story 3 ist mithin weniger eine unbeschwerte Spaßveranstaltung als ein Spannungsfilm mit ernsten Untertönen – und der offensichtlichen pädagogisch-didaktischen Botschaft „Kinder, behandelt eure Spielsachen nicht wie Dreck!“.
Die Toy Story featuring Andy dürfte damit nun auserzählt sein. Allerdings hat sich Pixar ein Hintertürchen offengelassen. Denn die fraglos bewegende Schlussszene von Teil 3 legt eine Stabübergabe an die „Next Generation“ nahe. Ob weitere Toy Stories tatsächlich wünschenswert sind, ist eine andere Frage. Bei allem szenischen Einfallsreichtum, den Pixar immer wieder bewiesen hat, ist die Gefahr nicht zu übersehen, bei der Entwicklung von Geschichten um die Spielzeug-Community irgendwann in einer Wiederholungsschleife mit mehr oder weniger gelungenen Selbstzitaten zu landen.
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