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Literatur - Jürgen Hermann

Abschied in Ystad

Letzter Auftritt von Kurt Wallander: Henning Mankell lässt den melancholischen Kriminalkommissar noch einmal ermitteln.


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Der schwedische Erfolgsautor kehrt in „Der Feind im Schatten“ zurück zu seiner bekanntesten literarischen Figur, die gerade im deutschen Sprachraum fast schon zur Legende geworden ist. Kurt Wallander – im zehnten und laut Mankell unwiderruflich letzten Roman 60 Jahre alt – entwickelt sich erkennbar zu einem mürrischen und kauzigen Mann von der Art des verstorbenen Vaters, mit dem er einst so viele Konflikte ausgetragen hatte.

Wallander recherchiert die Hintergründe des Verschwindens des pensionierten Marineoffiziers Håkan von Enke sowie seiner Frau, wobei die beiden zugleich die angehenden Schwiegereltern seiner Tochter Linda sind. Die Ermittlung führt zu rätselhaften Ereignissen in den 1980er-Jahren, in die Zeit des Kalten Krieges, als in den schwedischen Küstengewässern zahlreiche fremde U-Boote auftauchten und ebenso mysteriös wieder verschwanden. Die Abwehr des skandinavischen Landes blamierte sich maßlos, und die Vorfälle wurden niemals restlos aufgeklärt.

Schon bald eröffnet sich für Wallander ein ominöses Geflecht aus Spuren und Indizien; es geht um Landesverrat, rechtskonservative Offizierskreise, die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Schwedens Neutralitätsstatus und um familiäre Tragödien. Der Leser wird in die Grauzone geheimdienstlicher Aktivitäten während des Ost-West-Konflikts geführt, und der Autor vermittelt die ergänzende Botschaft, dass sich trotz des Endes der Sowjetunion und des Warschauer Pakts an diesen Aktivitäten wohl nur wenig geändert hat.

Mankell legt keinen Thriller vor, man möchte bezüglich der Krimihandlung gar von einem seiner schwächeren Romane sprechen, aber er wahrt den Spannungsbogen über nahezu 600 Seiten. Dabei bedient er sich des bewährten nüchternen, knappen und manchmal schroffen Erzählstils, wobei dieses wie alle vorangegangenen Wallander-Bücher von Wolfgang Butt hervorragend aus dem Schwedischen übersetzt wurde.

Stärker noch als in den vorangegangenen Romanen wird Kurt Wallanders Persönlichkeitsstruktur beschrieben. Seine Handlungen sind wiederum begleitet von Resignation, Selbstreflexion, Burnout und etlichen körperlichen Beschwerden. Hinzu kommen Einsamkeit, Ängste vor Alter und Tod, Selbstmitleid über ein ungelebtes Leben, der viel zu häufige Griff zur Flasche – und die deutlich formulierte Gesellschaftskritik, welche Mankell auch in diesem Buch seinem Kommissar in den Mund legt und die er zweifellos auf diese Weise mitteilen möchte.

Es gibt zahlreiche Bezüge zu Wallanders früheren Fällen, und einzig die neugeborene Enkeltochter Klara stellt einen Lichtstrahl in dieser schonischen Düsternis dar. Die Ex-Ehefrau Mona hingegen ist zur schweren Alkoholikerin geworden, und Wallanders Ex-Geliebte Baiba aus Lettland kommt, vom Tode gezeichnet, zu einem letzten Besuch nach Ystad.

Wehmut und Melancholie durchziehen das Buch; leichte Unterhaltungskost darf man nicht erwarten. Am Ende schickt Mankell seinen Protagonisten, in einem früheren Stadium an Alzheimer leidend, in ein Leben voller dunkler Schatten, in die schlimmste Form der Finsternis. Dem Leser wird nun die Doppeldeutigkeit des Buchtitels bewusst. Es ist die gelungene Verabschiedung einer großen Figur der modernen Spannungsliteratur.

Henning Mankell: Der Feind im Schatten. Roman. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. 592 Seiten. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2010. 26 Euro.



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