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Literatur - Jürgen Hermann

1Q84

Dieser voluminöse und gut geschriebene Roman macht deutlich: Der japanische Erfolgsautor Haruki Murakami ist nobelpreisverdächtiger denn je.


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1022 Seiten. Nicht eine Seite weniger bürdet der Mann aus dem Fernen Osten seinen Lesern auf. Er legt ein Buch vor, das nicht nur durch seinen Umfang ins Auge sticht, sondern auch durch den eigenartigen Titel „1Q84“, den silbern schimmernden Einband sowie den großformatigen Schriftzug des Autors auf dem seitlichen Schnitt.

Der Rezensent hat mit Romanen so ab 500 Seiten seine Erfahrungen gemacht und denkt bei diesen Büchern oft, dem Handlungsverlauf wäre – nach seinem subjektiven Empfinden – mit einer sinnvollen Straffung arg geholfen. Anders ist es in diesem Fall: Murakamis Story macht Lust zum Weiterlesen und weist kaum eine Länge auf. Das muss man als Autor eines Wälzers von mehr als tausend Seiten erst einmal schaffen!

„1Q84“, so erfährt man auf Seite 199, lehnt sich an das Jahr 1984 an. In ihm spielt die Erzählung. Der seltsame Begriff steht für eine von der Realität abgelöste Parallelwelt mit zwei nebeneinander am Himmel stehenden Monden sowie mit eigenartigen Fabelwesen namens „Little People“. Nicht umsonst stellt Murakami einen Bezug zu dem Roman „1984“ her, zu „Neusprech“ und der von George Orwell geschilderten permanenten Neuformulierung der Ereignisse: „Weil die Geschichte ständig umgeschrieben wird, weiß schließlich niemand mehr, was wirklich geschehen ist.“

Mysteriöses und Rätselhaftes, die Vermischung von Realität und Fiktion kennt man aus früheren Büchern des Japaners, aus „Gefährliche Geliebte“, „Mister Aufziehvogel“, „Naokos Lächeln“ und „Kafka am Strand“. Murakami bleibt in „1Q84“ seinem Stil treu, die eigentlich durchlaufende Handlung des Entwicklungsromans bewegt sich ständig im Grenzbereich zwischen dem tatsächlichen Leben und der surrealen Welt. Immer wieder ergeben sich eigenartige Szenen, tauchen rätselhafte Personen auf, um ohne Erklärung wieder zu verschwinden. Gerade das macht einen nicht geringen Teil der Spannung aus – und die Schilderung des Inhalts im Rahmen einer Rezension schwierig.


Menschen in der Parallelwelt

Erzählt wird die Geschichte zweier Personen, die zunächst wenig gemeinsam zu haben scheinen. Aomame ist eine Kampfsport- und Fitnesstrainerin, vor allem aber eine Serienmörderin. Mit einem gezielten, post mortem nicht nachweisbaren Stich in den Nacken – Tötungen im Auftrag einer reichlich mysteriösen alten Dame – räumt sie Männer aus dem Weg, die sich unehrenhaft verhalten haben.

Durch das Beschreiten einer von der Autobahn führenden Nottreppe wechselt Aomame unbewusst in die Parallelwelt 1Q84, aus der sie nicht mehr herausfindet. „Wenn man so etwas tut, kann es sein, dass einem der Alltag anschließend ein wenig – wie soll ich sagen – verschoben erscheint“, hatte ihr der Taxifahrer zuvor noch sybillinisch gesagt. Plötzlich tragen Polizisten andere Uniformen und Waffen, zeigt sich irgendwie alles anders und, wie es halt bei Murakami ist, sehr rätselhaft.

Aomames Handeln stellt eine Form von Selbstjustiz dar, denn ihre Opfer haben ausnahmslos durch Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung Schuld auf sich geladen. Pikanterweise freundet sich die Serienmörderin – unentschlossen auch hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung – auf der ewigen Suche nach Männern für schnelle Eskapaden ausgerechnet mit einer jungen Polizistin an (die später im Verlauf eines Geschlechtsakts stirbt).

Tengo hingegen, der zweite Protagonist, ist Mathematiker, Hobby-Schriftsteller und Mitarbeiter in einem Verlag. Auch sein Sexualleben ist seltsam und ziemlich armselig. Er beschäftigt sich mit dem Rohentwurf des Romans eines wiederum rätselhaften, beinahe autistischen Teenagers namens Fukaeri. Zeitgeschichtliche Aspekte aus Japan wie die Aktivitäten militanter kommunistischer Splittergruppen in den 1970er-Jahren fließen in diesen Handlungsstrang ein. Von Tengo von Grund auf überarbeitet, veröffentlicht der Verlag Fukaeris Buch und landet einen Beststeller.

Murakami deutet die Verstrickung von Aomames und Tengos Leben lange an, ehe er nach zwei Dritteln des Buches über ihre gemeinsame Jugend zu erzählen beginnt. Das Schlüsselerlebnis bildet eine sehr scheue Liebelei im Kindesalter, die auch nach zwei Jahrzehnten noch eine starke emotionale Bindung zwischen ihnen schafft. Nun sind beide in die kafkaeske Parallelwelt 1Q84 abgeglitten, sieht nach Aomame auch Tengo zwei Monde am nächtlichen Himmel.


Die Faszination des Rätselhaften

Im letzten Teil des Buches bewegt sich die Handlung auf den sorgfältig angelegten Spannungshöhepunkt zu: Aomame soll einen Sektenführer töten, der mit sehr jungen Mädchen aus der Gruppe sexuell verkehrt und dies als Teil seiner „Lehre“ propagiert. Im Anschluss an diesen lebensgefährlichen Auftrag wird sie, so der Plan, ihre Identität wechseln und untertauchen.

Wie dieser Showdown verläuft, soll nicht verraten werden. Aber Murakami schafft es auch hier wieder, den Leser zu überraschen. Nicht alles Rätselhafte erschließt sich am Ende der Erzählung, manches bleibt bewusst mysteriös. Etwa, wer oder was die „Little People“ nun wirklich sind und wie man sie einordnen kann oder was es mit der alten Dame auf sich hat. Manch ein Leser wird das Buch lange vor dem Ende irritiert und kopfschüttelnd zur Seite legen; andere verlangen, wie man liest, in Einträgen auf Murakamis Internetseite nach Erklärungen.

Liebe und die Sehnsucht danach, reichlich gefühllose Formen moderner Sexualität, das Leben und der unvermittelte Tod, intelligente, aber schweigsame und in ihrer Kommunikation gehemmte, vereinsamte und zuweilen beinahe autistische Menschen, Missbrauch, Zwänge, Sekten – diese Motive ziehen sich wie ein rotes Band durch den Roman, der in Japan in zwei Teilen erschienen ist. Dort steht der dritte Teil bereits im Bücherregal.

„1Q84“ ist ein Leseereignis, das einen fesselt und in seinen Bann zieht, sofern man sich mit Murakamis Schreibstil anfreundet und sich seiner suggestiven Kraft hingibt. Die Handlung bezieht ihre Spannung aus den wechselnden Erzählperspektiven mit surrealistischen Elementen in Verbindung mit der exotischen und rätselhaften Mentalität der Japaner. Seit langem wird der 62-jährige Autor als heißer Anwärter auf den Literatur-Nobelpreis gesehen. Mit diesem Buch beweist er, wie berechtigt diese Anwartschaft ist.

Haruki Murakami: 1Q84. Roman. Aus dem Japanischen Ursula Gräfe. 1022 Seiten. DuMont Buchverlag, Köln 2010. 32 Euro.


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