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Bonn passé

Der Stichtag der Woche
Geschichte und Geschichten aus Bonn
Wolfgang Guting

Wandlung einer Schifferkneipe

Vor 254 Jahren: 31. März 1755
Peter Josef Rhein eröffnet in Plittersdorf die Gaststätte "Unter den Linden", den heutigen "Schaumburger Hof".


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Es ist meistens eine gute Idee, an Orten, wo viele Menschen verkehren, Essen und Trinken anzubieten. Das dachte sich zumindest auch der Plittersdorfer Landwirt und Weinbauer Peter Joseph Rhein, als er an der Stelle des heutigen "Schaumburger Hofes" die Gaststätte "Unter den Linden" eröffnete.

Menschen waren genug da, der Ort war eine Art Verkehrsknotenpunkt der Zeit. Von hier setzte man mit der Fähre nach Niederdollendorf über, es gab eine Schiffsanlegestelle, hier wurden die Pferde ausgewechselt, die die Lastkähne den Fluss rheinaufwärts zogen. Peter Joseph Rhein konnte hier seinen selbstgekelterten Roten den durstigen, hart arbeitenden Schiffern und Pferdeführern kredenzen. Das Geschäft ging jahrelang gut. Doch nach und nach setze sich die Dampfschifffahrt auf dem Rhein durch und machte die Treidelschifffahrt, die seit dem 8. Jahrhundert auf dem Rhein betrieben wurde, überflüssig. Pferde und ihre Führer wurden im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zunehmend arbeitslos. Allerdings sorgten der um seine Existenz fürchtende Wirt und seine mehr und mehr mittellose Klientel dafür, dass auch die Dampfschiffe von ihnen Notiz nahm. Man beschoss die vorbeifahrenden Dampfer, die hier nicht mehr anlegten, da die Stelle für die großen Schiffe ungeeignet war, mit Böllern, die mit spitzen Nägeln gefüllt waren. So hoffte man der Konkurrenz den Garaus zu machen. Der Siegeszug der Technik, war aber nicht aufzuhalten. Ganz davon abgesehen, dass eine solche "Ordnungswidrigkeit" natürlich nicht geduldet werden konnte. Die preußische Verwaltung quartierte Bonner Husaren in den Gasthof ein und dem Treiben der Treidler war bald ein Ende gesetzt.

Besitzer der Schänke war inzwischen Henry Mundorf der die Erbin Agnes Rhein geehelicht hatte. Mundorf war mit Napoleon nach Moskau gezogen und gehörte zu den 15.000 Soldaten, die die Niederlage des französischen Heeres im fernen Russland überlebt hatte. Ein Erlebnis, von dem man den Gästen immer wieder erzählen konnte. Auf der Suche nach neuer Kundschaft kamen ihm die Gründung der Universität in Bonn und die Lage des Lokals mit seinem wunderschönen Ausblick auf die gegenüberliegende Rheinseite und das Siebengebirge zu Hilfe. Statt der arbeitslosen Schiffer suchte Mundorf eine zahlungskräftigere Klientel. Er renovierte das Lokal und warb: "Dem Publikum diene hiermit zur Nachricht, dass in diesem Hause die Fremden, welche dasselbe mit ihrem Zuspruch beehren, sich sowohl in Ansehnung der ausnehmend schönen Lage des Hauses als auch der Bequem- und Niedlichkeit der durchaus mit neuen Möbeln versehenen Logis einen angenehmen Aufenthalt versprechen können."

Das neue Vermarktungskonzept ging voll auf. Die schöne Aussicht des Gasthofes mit seiner großen Aussengastronomie und auch die schönen Töchter des Wirtes trugen dazu bei, dass sich Wissenschaft und Kunst von nun an hier trafen.

Die schönen Töchter waren Katharinchen und Gretchen, die beiden ältesten Töchter des Ehepaars Mundorf. Beide sind in die Literatur eingegangen und wenn von der "Godesberger Lindenwirtin" die Rede war, war nicht das spätere "Ännchen" gemeint, sondern eine der beiden Mundorfs. Heinrich Heine schwärmte von den "feurigen schwarzen Augen" der Grete. Auch das bekannte Studentenlied von der Lindenwirtin, das Rudolf Baumbach 1878 verfasste, war ursprünglich dem Gretchen zugedacht. Erst durch die später dazu gereimte siebte Strophe wurde es Ännchen Schumacher gewidmet.

Beide Töchter waren auch nach ihrer Heirat weiter in der Godesberger Gastronomie tätig. Katharinchen, die Ältere, heiratete in Anwesenheit von Kronprinz Friedrich den Witwer Peter Joseph Leurs, der den "Pannekoche-Hof" auf der Schweinheimer Höhe führte. Gretchen Mundorf eröffnete mit ihrem Mann Constantin Hoelscher 1860 das Hotel "Zum Adler".

Zu den illustren Gästen des Hauses "Unter den Linden" gehörte auch Queen Victoria, die hier 1839 mit dem in Bonn studierenden Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha poussierte. Beide besuchten übrigens ein Jahr später als frisch Vermählte noch einmal den Ort ihrer aufkeimenden Liebe.

1848 versteckte Agnes Mundorf, Gattin des Henry Mundorf, nach der fehlgeschlagenen Revolution Carl Schurz und Friedrich Hecker im Lindenhof. Beide schmiedeten hier ihre Pläne zur Befreiung ihres inhaftieren Weggenossens Gottfried Kinkel.

Weitere bekannte Gäste waren, wie noch heute eine Tafel an der Gaststätte verkündet, Karl Simrock, Paul Heyse, Ferdinand Freiligrath, Emmanuel Geibel, Ernst Moritz Arndt, Kaiser Friedrich III., Annette von Droste-Hülshoff, Adele Schopenhauer, Sybille Schaafhausen-Mertens, Friedrich Nietzsche und Alexander von Humboldt.

Die Umbenennung zum "Schaumburger Hof" erfolgte nach 1900 zu Ehren des Prinzen Adolf zu Schaumburg-Lippe, der in seiner Zeit bei dem Bonner Husarenregiment, das Gasthaus ebenfalls besuchte.

Auch in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland spielt das Haus eine Rolle. Am 5. September 1948 tagte hier der Parlamentarische Rat, als die Verfassung der Bundesrepublik debattiert wurde. Hier traf sich eine Gruppe von FDP-Abgeordneten, die nach dem Treffpunkt als "Schaumburger Kreis" bezeichnet wurde

1991 wurde der traditionsreiche Gasthof Opfer von Spekulationen. Die Westdeutsche Landesbank erwarb das Anwesen, um hier ein Gästehaus des Landes zu einzurichten. Dieser Plan wurde zwar durch den Umzug der Regierung zunichte gemacht, doch die Gaststätte blieb für einige Jahre geschlossen, bis die jetzige Inhaberin die Jahrhunderte alte Tradition des Bewirtens an dieser Stätte wieder aufleben ließ.


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