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Bonn passé
Der Stichtag der WocheGeschichte und Geschichten aus Bonn
Wolfgang Guting
Reger Ruhestand
vor 73 Jahren: 1. September 1935
Der Kriminologe Hans von Hentig (1887-1974) wird wegen seiner nationalbolschewistischen Vergangenheit von der Bonner Universität in den vorzeitigen Ruhestand geschickt.
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Die Tat, die dem erst 1934 von Kiel nach Bonn gewechselten Professor zur Last gelegt wurde, war seine aktive Beteiligung an der Münchner Räterepublik und seine Zusammenarbeit mit der KPD. 1923 bot er aus Angst vor einem ultrarechten Staatsstreich seine militärischen Kenntnisse und Fähigkeiten der KPD für den Aufbau proletarischer Hundertschaften an.
Hentig war in den Jahren 1906/07 in Posen als "Königsjäger zu Pferde" ausgebildet worden. Im 1. Weltkrieg diente er zunächst an der Westfront und war Teilnehmer der Somme-Schlacht. Er wechselte freiwillig von der Kavallerie zur Infanterie und wurde in Bulgarien, in Istanbul, Aleppo und Damaskus eingesetzt. Seine Erfahrungen aus dem Krieg veröffentlichte er 1919 in dem Buch "Mein Krieg". Somit schlug der promovierte Jurist zunächst eine eher politisch-publizistische Laufbahn an, als die eines Wissenschaftlers. Nachdem er die Zerschlagung der Münchner Revolution miterleben musste, schloss er sich dem nationalistischen Flügel der KPD an und war in dieser Rolle auch an Umsturzplänen beteiligt. Ziel dieses Flügels war der Kampf gegen den Versailler Vertrag und der Kampf gegen den bayerischen Separatismus. Zu dem Kreis um Hentig gehörten u. a. Otto Thomas, Herausgeber der Münchner KPD-Zeitung "Neue Zeitung" und der Führer des Freikorps "Bund Oberland", Josef Römer, der 1944 als Antifaschist hingerichtet wurde.
Hentig verfasste in dieser Zeit zahlreiche Schriften wie "Das Deutsche Manifest" (1921). Als seine Beteiligung an den Umsturzplänen der KPD bekannt wurde, entging er einem drohenden Verfahren wegen Hochverrats durch die Flucht. Über England, Frankreich und Italien führte ihn sein Weg schließlich in die Sowjetunion. Doch auch hier blieb er nicht; er kehrte nach Deutschland zurück, wo der Staatsgerichtshof ein Verfahren wegen Hochverrats einleitete, das später vom Reichsgericht fortgesetzt wurde. Der Prozess endet 1926 gegen den ausdrücklichen Wunsch des Angeklagten mit Einstellung des Verfahrens ohne abschließendes Urteil.
Von nun an widmete sich Hentig vorwiegend seiner akademischen Karriere. 1930 erhält er eine Anstellung an der Universität Kiel, wo er es immerhin zum Dekan der Juristischen Fakultät brachte. 1934 wechselte er an die Universität Bonn, wo er den Lehrstuhl des wegen seiner jüdischen Herkunft vertriebenen Kriminologen Max Grünhut übernimmt. Trotz eines Engagements für die "Deutsche Liga für Menschenrechte" kann eine "geistige Nähe" zu den rassenhygienischen Vorstellungen der Nationalsozialisten nicht in Abrede gestellt werden. Schon 1927 veröffentlichte er eine skandalösen Abhandlung über "Die kriminellen Tendenzen der Blinden" oder 1933 einen Aufsatz über die Kriminalität des Negers. Seine Gegnerschaft zur Todesstrafe, zu eugenischen Verfahren, zum Antisemitismus und zu Sonderbestimmungen für Zigeuner und Arbeitsscheue, stehen dagegen in deutlichem Kontrast zur juristischen Auffassung der Nazis. Am 1. September 1935 erhält er schließlich die Mitteilung seiner Pensionierung, die mit seiner nationalbolschewistischen Vergangenheit begründet wird.
Hentig emigriert noch im gleichen Jahr in die USA, wo er an diversen Universitäten in Forschung und Lehre tätig ist. In den USA sind Geldsorgen sein ständiger Begleiter. Zudem überwacht ihn das FBI wegen seiner nationalbolschewistischen Vergangenheit. Politisch betätigt er sich weiterhin als Publizist und schreibt aus dem Exil für die SPD nahe "Neue Volkszeitung". 1944 engagiert er sich in dem von dem Theologen Paul Tillich und anderen prominenten Gegnern des Nationalsozialismus am 3. Mai 1944 in New York gegründeten "Council for a Democratic Germany", das sich als "Gesamtrepräsentation des Exils in den Vereinigten Staaten" versteht. In den USA entsteht auch sein wichtigstes wissenschaftliches Werk, "The Criminal and His Victim. Study in the Sociobiology of Crime" (1948), das als gründendes und grundlegendes Werk der Viktimologie, der Lehre von den Opfern von Straftaten, angesehen wird. 1951 erhält Hentig erneut einen Lehrstuhl an der juristischen Fakultät in Bonn, den er bis zu seiner Emeritierung 1955 behält. Seinen Lebensabend verbringt er in Bad Tölz, wo ihn auch am 6. Juli 1974 der Tod ereilt.
Hans von Hentigs Werk ist schwierig zu beurteilen. Zweifellos gehört er zu den schreibfreudigsten Wissenschaftlern und seine Publikationsliste ist ausgesprochen umfangreich. Stilistisch sind hier einige Wendungen zu entdecken, die das Leserherz höher schlagen lassen. Als Beispiel sei hier die Bezeichnung "Michael Kohlhaas in Unterröcken" für die amerikanische Gangstermutter Kate "Ma" Barker angeführt, die Hentig in seiner Kriminalgeschichte des Wilden Westens, "Der Desperado" (1956), verwendet. Es ist auch unbestritten, dass Hentig zu den Vätern einer übergreifenden Wissenschaft von Jura, Medizin und Psychologie gehört. Ebenfalls unbestritten ist, dass er das vorhandene Datenmaterial kritisch zu hinterfragen verstand und auf seine Unzulänglichkeiten hin analysieren konnte. Auf der anderen Seite steht aber eine unreflektierte Übernahme von Vorurteilen, die zu zum Teil abenteuerlichen Ergebnissen führt. Dazu gehören z. B. die Übernahme eines Rassenkonzeptes oder die Minderwertigkeit der Frauen, denen er beispielsweise die Fähigkeit absprach, als Geschworene zu fungieren.
Eine Auswahl aus seinen Werken: "Der strafrechtliche Schutz des literarischen Eigentums (Dissertation, 1912); "Mein Krieg" (1919); "Fouché: Ein Beitrag zur Technik der politischen Polizei in nachrevolutionären Perioden" (1919); "Über den Zusammenhang von kosmischen, biologischen und sozialen Krisen" (1920); "National-Bolschewismus" (1920); "Das deutsche Manifest" (1921); "Machiavelli: Studien zur Psychologie des Staatsstreichs und der Staatsgründung" (1924); "Eugenik und Kriminalwissenschaft" (1933); "Die Kriminalität des Negers. Ein Beitrag zur Frage: Rechtsbruch und Rasse". In: Schweizerische Zeitschrift für Strafrecht 52 (1938); "The Criminal and His Victim. Studies in the Sociobiology of Crime" (1948); "Der Friedensschluss. Geist und Technik einer verlorenen Kunst" (1952); "Der Desperado - Ein Beitrag zur Psychologie des regressiven Menschen" (1956); "Die Kriminalität der lesbischen Frau" (1959); "Die Kriminalität des homophilen Mannes" (1960); "Der nekrotrope Mensch. Vom Totenglauben zur morbiden Totennähe" (1964); "Vom Ursprung der Henkersmahlzeit" (1958).; "Terror - Zur Psychologie der Machtergreifung" (1970).
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