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Bonn passé
Der Stichtag der WocheGeschichte und Geschichten aus Bonn
Wolfgang Guting
Räuber auf Pützchens Markt
Vor 209 Jahren: September 1801
Lauter Fehlgriffe für Deutschlands gefürchtetste Räuber zu Pützchen an Mariä Geburt.
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Die Situation im westlichen Europa war nach der Französischen Revolution ziemlich verworren. Alte Verwaltungsstrukturen brachen auseinander und waren ineffektiv, neue noch nicht etabliert. Das war die Blütezeit der Räuberbanden, sei es die bekannte Mersener Bande, die des Schinderhannes oder andere.
Ganz nebenbei, der berühmt-berüchtigte Schinderhannes war ein Waisenknabe gegenüber den Kandidaten, die wir hier behandeln. Kam es einmal zu gemeinsamen Raubzügen unserer Räuber mit Schinderhannes, so musste sich dieser unseren immer unterordnen – und tat dies auch. Die ungeklärten Verwaltungsstrukturen sorgten jedenfalls dafür, dass die Räuberbanden ziemlich unbehelligt ihr Unwesen treiben konnten. Es gab nämlich keine grenzübergreifende Verfolgung der Übeltäter. So konnte man z. B. auf der linken (französischen) Rheinseite einen Überfall begehen, überquerte den Fluss und schon war man in einem anderen Verwaltungsbezirk.
Es gab zu dieser Zeit in Deutschland drei Ereignisse, auf denen man sich als Räuber sehen ließ und Kontakte schmiedete. Zwei davon waren in Frankfurt bei den Oster- und den Herbstmessen, der dritte war der Markt in Pützchen. So kam es, dass auch die deutsche Räuberprominenz zuweilen hier zu Besuch weilte. Dies ist z. B. für 1801 überliefert, als Picard und Fetzer den Markt besuchten.
Picard war einer der berüchtigtsten und umtriebigsten Halunken überhaupt. Er stand abwechselnd an der Spitze der Brabantischen-, der Mersener- und der Neuwieder-Bande. Picard, vermutlich aus Gent gebürtig, sprach deutsch und französisch und hatte bei einem Diebstahl einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen, von dem er eine Narbe davon trug.
Aber lassen wir zur Beschreibung seines Aussehens einen Zeitgenossen zu Wort kommen, den Kölner Ankläger Dr. Keil: „Langes schwarzes Haar hängt ihm wild um den Kopf herum, aus seinem mageren, blassen Gesicht funkeln ein Paar schwarze, wildes Feuer verkündende Augen, ein buschichter Backenbart umschattet sein Gesicht, dessen Außenseite die Verräterin seiner innern fürchterlichen Gemütsstimmung, ich will nicht sagen seines grausamen Herzens, ist.“ Trotz seiner beeindruckenden Ganovenlaufbahn war der Mann noch nicht einmal 30 Jahre alt.
Der andere, Fetzer, konnte auf eine nicht minder imposante Laufbahn verweisen. Er wurde 1778 mit dem bürgerlichen Namen Mathias Weber in der Nähe von Neuss geboren. Nachdem er in die französische Armee zwangsrekrutiert wurde und aus dieser desertierte, geriet er an eine Räuberbande.
Schon mit knapp 16 Jahren beging er seinen ersten Raub. „Seinen Beinamen Fetzer soll er von seinem wütenden Dreinschlagen, seinem Zerfetzen erhalten haben“, berichtet Dr. Keil und beschreibt ihn weiter so: „Fetzer war nichts weniger als ein durch Leibesstärke und Größe zum Anführer berufener Mann. Er war vielmehr klein, mager und von schwachem Körperbau. Sein Scheitel war nur mit wenig dünnen Haaren bedeckt, seine Nase nach Mohren Art aufgestülpt. Auf seinen Lippen schwebte beständig ein sarkastisches Lächeln. Seine Augen waren schwarz und klein, lagen tief, aber aus ihnen leuchtete ein Feuer, das gewiss keinem Forscher menschlicher Gestalten entgangen sein würde. Man glaubte in ihm den unendlich listigen, verschlagenen Spitzbuben lesen zu können.“
Der Besuch der beiden Spitzbuben auf Pützchens Markt 1801 diente nicht nur dem Gedankenaustausch mit Berufskollegen, sondern man wollte die Gelegenheit auch nutzen, um die klammen Kassen etwas aufzubessern. Doch gerade dieser Besuch geriet zu einer Kette von Misserfolgen.
Wie heute, so ging schon damals alles drunter und drüber. „Überall wurde gezecht, getanzt und gelärmt,“ berichtet Dr. Keil. „Picard und Fetzer befanden sich in einer der Zechstuben. Ihrem Falkenauge entging ein kleines auf dem Tisch stehendes Kistchen nicht und sie beschlossen, es wegzukapern. Unter dem Vorwand, eine Pfeife anzuzünden, näherte sich Fetzer dem Licht und löschte es aus. In dem nämlichen Nu entwand Picard das Kistchen. Fetzer und Schmitt (ein weiterer Kumpan) folgten ihm auf der Ferse nach. Als sie es öffneten, bestand die ganze große Beute in - Puppen.“
Ein Reinfall konnte die beiden nicht entmutigen. Im Gegenteil: „Den folgenden Morgen begegneten die drei Räuber mehreren zu der Bande gehörigen Weibern. Nach ihrer hergebrachten Sitte gesellten sie sich zueinander und bildeten verschiedene Paare. Diese Weiber wurden auf den Markt geschickt, um Coton (Baumwolle), Zitz (feine Baumwolle) und dergleichen vermittelst ihrer langen Mäntel zu entwenden. Gegen Abend fanden sich Picard, Fetzer und Schmitt wieder in einem Wirtshaus, wo getanzt wurde, ein. In dem Zimmer bemerkten sie, dass eine der Stuben ganz besonders verschlossen zu sein schien und glaubten daher, dass etwas von Wert darin verborgen sein müsse. Um dieses genauer auszuforschen, musste Fetzer den Betrunkenen spielen, sich hin und her fallen lassen und allerlei Streiche treiben. Das gab ihm Gelegenheit, sich wider die verschlossene Tür zu werfen und sie aufzusprengen. Es war dunkel darin. Nach einer Weile taumelte er in die geöffnete Stube, fühlte umher und entdeckte einen Korb, der sich schwer fühlen ließ. Er offenbarte seinen Fund dem Picard und sie schleppten den Korb die Treppe hinab. Da aber im Unterhaus Menschen auf und abgingen, suchte einer künstlich das Licht auszulöschen, während der andere die Beute forttrug. Ihre große Erwartung wurde getäuscht, denn der Korb enthielt nur etwas Flitterstaat.“
Und zum Dritten: „Noch in der nämlichen Nacht gingen die Räuber in die Kirche, in der sich eine ungeheure Menge Menschen befand. Sie stellten sich hinter eine Bauersfrau, die auf die Erde gesunken und eingeschlafen war, an deren Seite aber ein verdeckter Korb stand. Fetzer hob den Korb in die Höhe und da er schwer war, gab er seinem Kameraden den Wink, ihn fortzutragen. Kaum waren sie einige Schritte gegangen, als es in dem Korb anfing lebendig zu werden – eine Stimme begann jämmerlich in ihm zu schreien. Die Diebe merkten, dass ein Kind darin lag, stellten erschrocken den Korb nieder und liefen davon.“
Diese kleinen Episoden aus dem sonst erfolgreichen Räuberleben sind eher amüsant. Doch andere, auch in Bonn und Umgebung vorgefallene, sind weniger glimpflich abgelaufen. Vor Sozialromantik sei hier gewarnt. Die damaligen Räuber waren keine Kinder von Traurigkeit.
Und das traurige Ende: Von Picard nimmt man an, dass er 1807 in der Haft in Marburg gestorben ist. Er wurde allerdings niemals sicher identifiziert. Dass man gerade ihn, obwohl er zu Lebzeiten der berüchtigtste aller Räuber war, den besagter Dr. Keil 15 Jahre erfolglos gejagt hatte, nach seinem Tod vergessen hat, während Fetzer oder Schinderhannes zumindest im Volksmund noch durchaus geläufig waren, liegt wohl daran, dass er nie, wie die beiden Anderen, ein Geständnis ablegte. Fetzer dagegen wurde gefangen und nach Köln überführt, wo er 1803 erstes Opfer der dort errichteten Guillotine wurde.
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