Anzeige
Bonn passé
Der Stichtag der WocheGeschichte und Geschichten aus Bonn
Wolfgang Guting
Land unter im Kreuzgang
vor 225 Jahren: 27. Februar 1784
In dem Jahrtausendhochwasser von 1784 steigen die Fluten des Rheins bis ins Bonner Münster.
Anzeige
Wir schreiben die Nacht vom 26. auf den 27. Februar 1784. Erschöpft fällt der Bonner Beigeordnete Jakob Müller (1740-1815) auf sein Lager. Er hatte die vorangegangene Nacht vor lauter Unruhe kein Auge schließen können. Doch jetzt holt ihn die Müdigkeit ein, überfällt ihn der Schlaf. Er kann sich nicht mehr dagegen wehren. Doch kaum ist er in den Schlaf gefallen, als ihn ein gewaltiges Getöse wieder weckt. Ein kräftiger Stoss erschüttert sein Haus in der Giergasse. Es ist die Rheinschiffmühle, die von den Fluten des Hochwassers samt dreier daran gebauter Häuser losgerissen wurde und nun gegen das Haus von Jakob Müller geworfen wird.
Es war früher nicht ungewöhnlich, dass der Rhein, noch nicht von Abwässern und Chemikalien künstlich erwärmt, Eisschollen trug. Doch im Winter 1783/84 ist alles extremer. Die ersten Fröste treten im November auf, allerdings zuerst nur sporadisch und immer wieder von wärmeren Tagen durchbrochen. Doch dann stürzen die Temperaturen nach unten. Ursache ist ein großes sibirisches Hoch, das das Klima von den britischen Inseln bis nach Russland bestimmt. Erste Opfer sind im Dezember zu beklagen. Es gibt zahlreiche Kältetote in Europa; einer noch größeren Zahl an Menschen sind Hände oder Füße erfroren, so dass sie amputiert werden müssen. Die kleineren Flüsse sind von einer festen Eisdecke bedeckt und auf dem Rhein treiben erste Eisschollen flussabwärts. Ab Mitte Dezember ist dann auch der Rhein bei Bonn teilweise mit Eis bedeckt. Eine kurze Tauperiode um Weihnachten lässt das Eis noch einmal schmelzen, doch noch vor Jahreswechsel kehrt der Frost zurück und lässt erste Eisdecken auf dem Rhein entstehen. Die abwärts treibenden Eisschollen können durch den zugefrorenen Rhein nicht mehr abfließen und stauen sich zu Bergen, von Bad Hönningen bis Düsseldorf.
Am 25. Januar ist der Rhein bei Bonn gänzlich zugefroren. Die Bewohner der Stadt nutzen die Eisdecke für Transporte. Einen Monat lang überqueren selbst schwer beladene Fuhrwerke und Karren den zugefrorenen Strom zwischen Bonn und Beuel. Händler schlagen ihre Stände auf, um die zahlreich anreisenden "Eistouristen" mit Andenken und Leckereien zu versorgen. Dieser Zustand dauert bis zum 25. Februar, als, laut Jakob Müller, folgendes geschieht: "Da trat Tauwetter ein. Überall schmolz der Schnee, und man fürchtete für jeden Augenblick das Brechen des Eises. Am Abend geschah es. Ich eilte nach Hause und funde, daß das Wasser in einer halben Stunde so angewachsen war, daß es bereits vor meiner Haustüre stunde. Aus den unteren Zimmern und Küche ließ ich alles was nicht niet- und nagelfest war, heraufschaffen ... Dieses ganze dauerte die ganze Nacht vom 25. auf den 26.2 fort. Morgens finde ich Frau und Kinder samt den Mägden, so alle auf dem ersten Stock zu einem Fenster hinaus mit einer Leiter in den Nachen stiegen; mußten fort und zum Haus hinaus. Das Wasser wuchs über Nacht so hoch an, daß es endlich bis an die Balken von meinem ersten Stockwerk reichte."
Um genau zu sein, der Rhein erreichte den legendären Pegelstand von 12,55 Meter. Dass das Wasser aber auch im Münster die Kirchenbänke das Schwimmen lehrte, liegt an einer geologischen Besonderheit. Ein späteiszeitlicher Rheinarm, "Gumme" genannt, erstreckt sich von Godesberg über Friesdorf und Kessenich entlang der heutigen Bahntrasse bis in die Innenstadt. Wenn man so will, liegt das Bonner Münster an dem Ufer dieses alten Rheinarms. 1784 überschreitet das Wasser des Rheins den Rand der Gumme und flutet die Senke. So gelangte das Wasser bis in die Innenstadt.
Den im gesamten Europa angerichteten Schaden schätzte die Zürcher Zeitung 1784 auf mindestens 200 Millionen Taler, ohne Berücksichtigung der Schäden, die der Landwirtschaft zugefügt wurden. Allein in Bonn wurden mehrere hundert Häuser vernichtet. Das Hochwasser sei, so die Zürcher Zeitung, schlimmer gewesen, "als ein Krieg gewesen sein würde, weil dieser in so kurzer Zeit nie so viel vernichtet."
Die legendäre Hochwassermarke von 1784 kann man noch heute im Münster bewundern: auf dem Weg zum Kreuzgang die zweite Stufe rechts.
Diesen Artikel bookmarken:
Artikel per eMail weiterempfehlen
Artikel per eMail weiterempfehlen
Anzeige
Kritik: Kino
Der BesesseneWäre „positiv verrückt“ nicht eine durch inflationären Gebrauch im Sportsprech verbrannte Phrase, könnte man sie auf den Baseball-Manager und sportlichen Revolutionär anwenden, den Brad Pitt in „Moneyball – Die Kunst zu gewinnen“ spielt.
Kritik: Kino
Vampire WeekendKate Beckinsale geht als lacklederne Actionheldin in „Underworld: Awakening“ erneut auf Werwolfjagd. Eher etwas für Fans der Underworld-Streifen.
Thema: Sonstiges
Karneval auf der StraßeBereits am 5. Februar beginnt der Bonner Straßenkarneval. Neuer Zugweg in Kessenich und Beuel. Eine Übersicht der Züge im Stadtgebiet.
Kritik: Literatur
Rückkehr nach 1Q84
Kritik: Kino
Zeit zum InnehaltenIn Alexander Paynes Drama „Familie und andere Angelegenheiten (The Descendants)“ muss ein gegen sein Rollenklischee besetzter George Clooney familiäre Verantwortung übernehmen und wichtige Entscheidungen treffen.
Anzeige
Kritik: Kino
Leben und Sterben in L.A. „Drive“ montiert Versatzstücke aus Film Noir, Actionkino und Westernmotiven zu einem anspruchsvollen Thriller – mit streckenweise virtuoser, aber kalter Meisterschaft.
Kritik: Kino
Proll-Charme versus Boheme-BourgeoisieDie französische Komödie „Mein liebster Alptraum“ zieht ihren Witz aus dem Zusammenprall zweier Welten. Ihre Stars um Isabelle Huppert halten das Interesse an der Geschichte trotz einiger Schwächen und Längen aufrecht.
Kritik: Kino
Zwischen Sexarbeit und StudiumDer österreichische Spielfilm „Tag und Nacht“ schildert das Leben zweier Studentinnen, deren einträglicher Nebenjob im Rotlichtgewerbe nicht ohne Auswirkungen auf ihr Alltagsleben bleibt.
Kritik: Literatur
Der kreative Innovator
Kritik: Kino
Die Performance entscheidetLehrjahre sind nicht nur keine Herrenjahre, sondern auch die erste Stufe zur berüchtigten „déformation professionnelle“. Das zeigt der Spielfilm „Die Ausbildung“ mit karger Ästhetik und kühlem Blick.
Anzeige
Anzeige
Häufige Schlagworte:
Beethoven
Bibliothek
Buch
Festival
Film
Jugend
Köln
Konzert
Landesmuseum
Museum
Musikschule
Nimptsch
NRW
Oper
Pantheon
Preis
Theater
Universität
Wettbewerb
Workshop
Anzeige


Kultur-in-Bonn.de auf Facebook
Kultur-in-Bonn.de auf Twitter
Kultur-in-Bonn.de als RSS-Feed
