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Bonn passé
Der Stichtag der WocheGeschichte und Geschichten aus Bonn
Wolfgang Guting
Immer diese Frauen
Vor 249 Jahren: 19. Februar 1760
Giacomo Girolamo Casanova (1725-1798) besucht einen Maskenball in Bonn.
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Dass ein Mann, der Priester werden sollte - so war der Wunsch der Großeltern - während einer Predigt betrunken von der Kanzel fällt, lässt keinen gewöhnlichen Lebensweg erahnen. Und im Falle von Casanova trifft dies auch hundertprozentig zu. Es fällt schwer, ihn zu charakterisieren. Wenn man beim Beruf anfängt, müsste man diesen als Lebenskünstler oder Privatier angeben, obgleich er auch als Konzertgeiger, Spion oder Literat tätig war. Wenn man so will, war das einzig Stete in seinem Leben das Unbeständige, allerdings durchzogen von einigen Konstanten, wie die häufigen Fluchten oder die immerwährende Hatz nach Frauen.
Die Salons der Reichen und des Adels waren seine Welt. Hier bewegte er sich durch Europa, meistens notgedrungen, da er den vorherigen Aufenthaltsort fluchtartig verlassen musste. Offensichtlich war er ein begnadeter Unterhalter. Immerhin beschwatzte er Papst Benedict XIV. so sehr, dass dieser ihm die Erlaubnis erteilte, verbotene Literatur zu lesen und ihn von der christlichen Fastenpflicht befreite. Nebenbei, Rom musste Casanova Hals über Kopf verlassen - wegen einer Liebesaffäre.
Von Vorteil für Casanova war, dass er aus Venedig stammte. Damals war die Lagunenstadt ausgesprochen angesagt. Hier ereigneten sich die Highlights in Kultur und Mode. Mit Casanova zu reden, hieß, die aktuellen Top-News aus erster Hand zu bekommen. Kein Wunder also, dass sich die Reichen und Schönen um ihn rissen!
In seinen Erinnerungen, Band 3, 13. Kapitel, beschreibt der gnadenlose Egomane seine Erlebnisse in Köln und Bonn. Er kam aus Holland, wo er mit einer Dame namens Esther verbandelt war. Über Utrecht sollte ihn der Weg ins Rheinland führen. Doch hinter der Stadt wird seine Kutsche von fünf Deserteuren überfallen, die ihn vor die Wahl Geld oder Leben stellen. Casanova zieht seine Pistole, zielt jedoch nicht auf die Deserteure, sondern auf den Postillon und befiehlt ihm, davonzufahren. Die Flucht gelingt, obwohl die Deserteure auf das Gefährt feuern, aber weder Mensch noch Pferde treffen. Mit dieser Geschichte im Gepäck kommt er in Köln an, wo er sie gleich zum Besten geben kann.
Eigentlich wollte Casanova Köln tags darauf wieder verlassen. Daran hinderte ihn das Schicksal in Gestalt einer schönen Dame, diesmal der Gattin des Bürgermeisters. Von ihr wird Casanova überzeugt, am Maskenball des Churfürsten in Bonn teilzunehmen. Casanova lässt die Dame über sein Erscheinen im Ungewissen und beschließt, der Festivität incognito beizuwohnen. "Am Tage des Balls fuhr ich in der Dämmerung in einer Postkutsche ab; ich trug einen Anzug, den in Köln niemand kannte, und hatte einen Koffer bei mir, worin sich zwei Dominos befanden. So fuhr ich in aller Eile nach Bonn, nahm dort ein Zimmer und zog den einen Domino an, während ich den anderen in dem Koffer ließ, den ich gut verschloß. Dann ließ ich mich in einer Sänfte nach dem Schlosse tragen. Ohne Schwierigkeit trat ich ein und sah, ohne erkannt zu werden, alle Kölner Damen unmaskiert in den Festsälen, unter ihnen auch meine Schöne, die an einem Pharaotische saß und dukatenweise setzte." Auch Casanova beteiligt sich nun an dem Kartenspiel und sprengt nach kurzer Zeit die Bank, was für einiges Aufsehen unter den Gästen sorgte. Daher entschließt er sich, zu seiner Unterkunft zu gehen und sein Kostüm zu wechseln. Mit dem zweiten Domino bekleidet betritt er erneut den Ball und will sein incognito wahren. Doch der Anblick all der schönen Damen vereitelt auch dies: "Meine Absicht wäre mir auch gelungen, wenn ich vorsichtig gewesen wäre; aber als die Kontertänze begannen, bekam ich Lust zu tanzen und engagierte mich, ohne daran zu denken, daß ich genötigt sein würde, meine Maske abzunehmen. So kam es denn auch, als ich nicht mehr zurück konnte."
Der Besuch des Maskenballs am Karnevalsdienstag, den 19. Februar 1760, brachte dem Venezianer aber auch eine Einladung des Kurfürsten Clemens August ein, der er am folgenden Tag nachkam. Der Kurfürst bat Casanova, die Geschichte seiner schon damals legendären Flucht aus den Bleikammern Venedigs zum Besten zu geben. Und die Antwort zeugt von Selbstbewusstsein: "Ich erklärte mich natürlich bereit, meine Geschichte zu erzählen, vorausgesetzt, daß er die Geduld hätte, mich bis zum Ende anzuhören, da ich zwei Stunden dazu gebrauchen würde." Der Fürst scheint sich jedenfalls nicht gelangweilt zu haben, denn er schenkte Casanova eine "prachtvolle goldene Tabaksdose mit seinem Porträt als Großmeister des Deutschen Ordens, in Diamanten gefaßt". Es gab zum Abschluss des Besuchs noch einen Ball in kleinem Kreis, am Aschermittwoch also, auf dem Casanova lauter hübsche Damen sah, von denen er gleich 18 zu einem Frühstück nach Brühl einlud, zu dem dann allerdings 20 erschienen.
Ganz war die Köln/Bonner-Episode des Charmeurs damit noch nicht abgetan. Es stand noch die erfolgreiche Verführung der oben erwähnten Bürgermeistergattin auf dem Plan, worüber die "Erinnerungen" auch nicht schweigen. Was allerdings in den Aufzeichnungen Casanovas nicht zu finden ist, ist die Tatsache, dass er auch in Köln in Haft genommen wurde. Ein Baron Wiedau hatte ihn bezichtigt, ihm Geld zu schulden. Um der Haft zu entgehen, musste Casanova schließlich seine vom Kurfürsten geschenkte Tabaksdose nebst anderen Pretiosen dem Richter überreichen. Baron Wiedau verschwand mit den ihm ausgehändigten Wertsachen auf Nimmerwiedersehen. In dem später stattfindenden Prozess erwies sich Casanovas Unschuld.
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