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Der Stichtag der Woche
Geschichte und Geschichten aus Bonn
Wolfgang Guting

Hans Christian Andersen in Bonn

Vor 165 Jahren: 19. Mai 1843
Der dänische Märchendichter Hans Christian Andersen macht auf einer Reise Station in Bonn.


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Andersen (1805-1875) gilt heute als der bedeutendste Schriftsteller Dänemarks. Weltruhm erlangte er mit seinen Märchen, obwohl er auch andere literarische Gattungen bediente. Andersen war ein viel reisender Mann. Immerhin verbrachte er neun Jahre seines Lebens mit Reisen.

Es mag sein, dass er mit seinen Reisen wie auch mit seinen Kunstmärchen, eine andere Welt suchte als die, der er real entstammte. Er stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Sein Vater war ein verarmter Schuster, seine Mutter eine dem Alkohol verfallene Wäscherin. Dieser Welt kehrte er schon mit 14 Jahren den Rücken, als er sich nach dem Tode seines Vaters vom Geburtsort Odense nach Kopenhagen aufmachte. Hier wurde er alsbald, nach einigen Versuchen als Schauspieler, als Dichter eine Berühmtheit.

Andersen schätze Deutschland, oder präziser: er schätzte die deutschen Schriftsteller. Seine Märchen zeigen Einflüsse der Brüder Grimm, die er auf seinen Reisen auch persönlich kennen lernte. Überhaupt, Andersen kannte jeden, Gott und die Welt, und seine Reisen dienten auch dem Zweck, andere Poeten mittels Besuch "abzuhaken". Man könnte sogar von einer Sammelleidenschaft sprechen, der Leidenschaft, Bekanntschaften zu machen.

In Deutschland genoss Andersen eine große Reputation. 1831 unternahm er zum ersten Mal eine Reise hierhin, auf der er Bekanntschaft mit den angesagten deutschen Dichtern Chamisso und Ludwig Tieck machte. Doch es sollte noch zwölf Jahre dauern, bis ihn der Weg nach Bonn führte.

1843 wählte Andersen für seine Heimreise von einer Fahrt nach Paris den Weg entlang des Rheins - natürlich mit dem Hintergedanken, Bekanntschaften zu machen. Der erste auf der Liste war der deutsche Poet Ferdinand Freiligrath (1810-1876). Da Andersen dessen genauen Wohnort nicht kannte, machte er in mehreren Orten Halt, bis er schließlich einen Hinweis auf St. Goar erhielt.

In seiner Autobiographie "Das Märchen meines Lebens" beschreibt Andersen die Begebenheit so: "In Sankt Goar zeigte man mir ein Haus, von dem man mir sagte, daß er dort wohne. Ich trat ein, er saß an seinem Arbeitstisch und schien ungehalten zu sein, dass er von einem Fremden gestört wurde. Ich sagte nicht meinen Namen, sagte nur, ich könne nicht an Sankt Goar vorbeifahren, ohne Freiligrath begrüßt zu haben. 'Es ist sehr freundlich von Ihnen!" sagte er in etwas kaltem Ton, fragte, wer ich sei, und als ich antwortete: 'Wir hatten beide ein und denselben Freund, Chamisso!' sprang er jubelnd in die Luft: 'Andersen!' rief er, 'sind Sie es!' und er flog mir um den Hals, seine ehrlichen Augen glänzten."

Schon am nächsten Tag, den 19. Mai, ging es weiter nach Bonn. Der Tag war verregnet und Andersen quartierte sich im "Stern" ein. In Bonn stand der Dichter und Revolutionär Ernst Moritz Arndt (1769-1860) auf der Besuchsliste. Arndt zählte immerhin schon 78 Lenze, doch Andersen zeigte sich von seiner "jugendlichen" Energie beeindruckt: "In Bonn, wo ich übernachtete, besuchte ich am nächsten Morgen den alten Moritz Arndt, der uns Dänen später 'so grimmig' gesinnt war. Ich kannte ihn damals als den Dichter des schönen, kräftigen Gesanges: 'Was ist des Deutschen Vaterland?'

Ich traf einen kräftigen, rothwangigen Greis mit silberweißem Haar; er sprach schwedisch mit mir, die schwedische Sprache hatte er gelernt, als er als Flüchtling vor Napoleon Schwedens Gastfreundschaft in Anspruch nahm. Jugend und Raschheit waren Kennzeichen des alten Mannes. Ich war ihm nicht unbekannt, und es schien mir, als verleihe ihm gerade meine Abstammung aus den skandinavischen Ländern ein größerers Interesse für mich."

Der nur kurz angelegte Besuch verlängerte sich unversehens, als Arndt Besuch von Emanuel Geibel (1815-1884) bekam, einem weiteren deutschen Lyriker, der mit Arndt seit seiner Studienzeit in Bonn bekannt war. Dieses Treffen inklusive des Verzehrs der obligatorischen Maibowle schildert Andersen mit schwärmerischen Worten für Geibel so: "Im Laufe des Gesprächs wurde ein Fremder angemeldet; keiner von uns hörte den Namen ganz richtig. Es war ein junger, schöner Mann, mit sonnverbranntem, kühn dreinschauendem Gesicht; er setzte sich innerhalb der Thür, und erst als Arndt mich hinausbegleitete und der junge Mann sich erhob, brach der Alte vergnügt aus: Emanuel Geibel! Ja, er war es, der junge Dichter von Lübeck, dessen frische, herzliche Gesänge in kurzer Zeit durch die deutschen Lande erklangen und dem auch der König von Preußen eine Art Pension gleich Freiligrath verliehen hatte; zu ihm nach St. Goar wollte just Geibel und dort mehrere Monate verbringen. Begreiflicherweise kam ich nun nicht fort; die neue Dichterbekanntschaft wurde gemacht. Geibel war so schön, kraftvoll und frisch; so wie er dort stand neben dem kerngesunden Dichtergreis, sah ich die Beiden, die junge und die alte, gleich frische Poesie!"



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