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Bonn passé
Der Stichtag der WocheGeschichte und Geschichten aus Bonn
Wolfgang Guting
Ein Prinz, ein Graf, ein Koch und der Tod
vor 143 Jahren: 4. August 1865
Auf dem Heimweg wird der Straßburger Koch Daniel Eugen Ott auf dem Kaiserplatz erschlagen.
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Der Fall erregte im Ausland, vornehmlich in England und auch in Frankreich, wesentlich mehr Aufsehen als in Deutschland. In mehreren langen Artikeln beschwerte sich die Londoner "Times" ausführlich über die ausbleibende Verfolgung des Täters.
Es begann damit, dass seine Königliche Hoheit, Prinz Alfred von England (1844-1900), Sohn von Königin Victoria, sein in Edinburgh begonnenes Studium an der Universität Bonn zu beenden gedachte. Natürlich war damit auch ein kleiner Hofstaat verbunden und zu diesem gehörte auch ein Küchenmeister. Dieser war Daniel Eugen Ott aus Strassburg, dessen Kochkünste den Prinzen dermaßen beeindruckten, dass Alfred Maitre Ott seiner Frau Mutter als Leibkoch empfahl. Und zu allem Unglück, so muss man wohl sagen, hörte die Queen auf die Empfehlung ihres Sohnes und Ott erhielt die Stelle.
Der 4. August 1865 sollte der vorletzte Tag des Kochs in Bonn sein, denn für den folgenden Tag war die Abfahrt nach Coburg geplant, wo Prinz Albert sich mit dem Erwerb eines Schlosses beschäftigen wollte. Der Abschied aus Bonn und die Ernennung zum königlichen Leibkoch waren für Ott Grund genug, sich mit ein paar Freunden im Gasthof Wolter an der heutigen Adenauerallee zu einem Abendessen zu treffen und zu feiern.
Als das Zusammensein beendet war machte man sich auf den Heimweg. Ott ging untergehakt bei zwei Kumpanen voraus, zwei weitere folgten in einigem Abstand. Der Weg führte um den Hofgarten herum über den heutigen Kaiserplatz zum damaligen Neutor. Doch auf dem Kaiserplatz stand eine Gruppe von Studenten des Korps Borussia und ein Husar in Uniform. Es kam zu einem Wortgefecht zwischen ihnen und dem Koch mit seinen Freunden. Der Grund des Streites war angeblich, dass Ott und seine Freunde einen Streifen des öffentlichen Weges forderten, auf dem sie passieren könnten. Der Zwist endete schließlich in einem Handgemenge, in dessen Verlauf Ott von dem Husar mit einem Degen auf dem Kopf malträtiert wurde. Der stark blutende Koch wurde in die Universitätsklinik gebracht, die sich damals im Schlossgebäude direkt in der Nähe befand. Die Wunde wurde verbunden und der Patient nach Hause gebracht, wo ihn Freunde in Empfang nahmen. Das Ende der Tragödie war, dass Ott an Wundfieber erkrankte und am 10. August an dessen Folgen starb.
Am 29. August erschien in der Londoner "Times" der erste Artikel zum Fall. Der Vorgang wurde ausführlich geschildert und auch der Täter namhaft gemacht: Es war Wend Graf zu Eulenburg (1845-1875), ein Neffe des damaligen preußischen Innenministers. Wend absolvierte ein freiwilliges Jahr bei den Bonner Husaren und hatte die Erlaubnis, nebenbei sein Studium an der Bonner Universität zu verfolgen. Was die "Times" in ihrem Artikel hinterfragte, waren die Anwesenheit eines Soldaten in Uniform und der Grund, warum dieser in einem Raufhändel seine Waffe benutzte. Zwar gebe es nach preußischem Militärcodex durchaus das Recht, im Falle der Notwehr seine Waffe zu ziehen, konstatierte die Zeitung, doch wie solle dieser Fall vorliegen, wenn eine Gruppe von ca. zwanzig Studenten drei Kontrahenten gegenüberstehe, die allenfalls mit Knüppeln bewaffnet war? Wenn die Leser der Zeitung nun erwarten, dass der Fall untersucht werde und der Täter vor Gericht gestellt wird, so sähen sie sich getäuscht. Denn nichts dergleichen sei geschehen, so die Zeitung weiter. Eulenburg sei bis zur Beerdigung seines Opfers unbehelligt in Bonn geblieben und danach in Berlin unter Hausarrest gestellt worden. Und weiter: "Weder sind es das Gesetz noch die öffentliche Meinung, die erwarten lassen, dass der junge Eulenburg geschont wird; es sind die Privilegien seiner Klasse. Er gehört zum Adel und es scheint, dass in Preußen junge Adelige sich Freiheiten anmaßen, die in anderen Teilen Europas zweihundert Jahre zurückliegen."
In einem weiteren Artikel vom 6. September 1865 beklagt die Zeitung die andauernde Straflosigkeit des Grafen: Eine Tat, "die nach unseren Gesetzen wahrscheinlich auf Mord hinausläuft und nur unter der Voraussetzung der Annahme einer gewaltsamen Provokation auf fahrlässige Tötung reduziert werden kann, wird behandelt, als ob sie noch nicht einmal strafwürdig ist."
Die Berichterstattung in England über den Fall Ott, der zu einem Fall Eulenburg geworden war, und nicht zuletzt die Aufforderung des französischen Kaisers Napoleon III, den Tod seines Landsmannes aufzuklären, blieben schließlich nicht ohne Folgen. Ein aus Militärs und Zivilisten zusammengesetztes Tribunal verurteilte den Grafen zu mehreren Monaten Festungshaft. Im Januar 1866 wurde er von der Universität entfernt. Doch damit ist dieses Kapitel nicht zu Ende, denn ohne großes Aufsehen wurde Eulenburg bereits nach einem Monat "auf Grund ministerieller Entscheidung" aus der Festungshaft entlassen. Die Universität Bonn immatrikulierte ihn erneut im Mai 1866.
Der arme Koch Daniel Eugen Ott wurde auf dem Alten Friedhof beerdigt. Ein langer Trauerzug aus Bonner Bürgern, die von den Privilegien der oberen Klassen die Nase voll hatten, begleiteten den Straßburger auf seinem letzten Weg. Die Grabstätte wurde von dem Wirt Wolter finanziert, bei dem er sein letztes Mahl einnahm. Der von seinen Freunden gekaufte Grabstein trägt die schlichte Inschrift: "Daniel Eugen Ott aus Strassburg, gewesener Küchenmeister Sr. Königl. Hoheit Prinz Alfred von England, gest. 10. Aug. 1865, im Alter von 38 Jahren."
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