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Bonn passé

Der Stichtag der Woche
Geschichte und Geschichten aus Bonn
Wolfgang Guting

Ein Hauch von Mafia

Vor 14 Jahren: 25. September 1995

Der "Spiegel" berichtet erstmals über die schwarz-grüne "Pizza Connection" im Kessenicher Restaurant "Sassella".


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In den Jahren von 1974 bis 1982 bezeichnete die "Pizza Connection" einen sizilianischen Drogenring, der in den USA das Geschäft mit Heroin an sich gerissen hatte und die Droge in Tomatendosen in die Vereinigten Staaten schmuggelte. Filialen dieses Zweiges der Mafia waren unauffällige Pizzerien in New York City, von wo aus das ganze Land mit Heroin überschwemmt wurde.

Auch in Bonn gab es seit Mitte der 90er eine Pizza Connection. Die Treffen der Gruppe waren informell und auch ein wenig konspirativ, da sie ohne Kenntnis der jeweiligen Parteiführung geschahen. Die Akteure waren im Wesentlichen Norbert Röttgen, Andreas Krautscheid und Armin Laschet auf Seiten der CDU, sowie Cem Özdemir, Andrea Fischer und Simone Probst von den Grünen. Man traf sich im italienischen Nobelrestaurant "Sassella" am Karthäuserplatz. Natürlich im Untergrund, nämlich im Weinkeller des Gaststätte.

In den Keller gelangte man durch das Lokal, dann durch die Küchentür und von dort stieg man die Stufen hinab. Im Juni 1995 saß an einem der Tische vor der Küche Juliane Weber, die Chefsekretärin von Bundeskanzler Helmut Kohl, just, als die jungen CDUler und Grünen sich an ihr vorbei durch die Küchentür verdrückten. Es ist wohl anzunehmen, dass Juliane ihrem Chef von diesem Ereignis berichtete. Zumindest wusste man bald allgemein, dass sich junge CDU-Abgeordnete mit jungen Grünen trafen. Und das war seinerzeit keine Selbstverständlichkeit, denn weite Teile der Union sahen die Grünen als "Hausbesetzer, Terrorsympathisanten und Steinewerfer". Keine Leute also, mit denen man sich an einen Tisch setzt.

Wie suspekt die Treffen den "Alten Säcken", so bezeichnete die Runde die Prominenten ihrer Parteien, waren, zeigt sich in der Reaktion von CSU-Generalsekretär Bernd Protzner, der ihr den Namen "Pizza Connection" verlieh. Man kann getrost davon ausgehen, dass die hierin lauernde latente Kriminalisierung durchaus bewusst und gewollt war, wofür auch die Drohung Protzners spricht, dass man die Runde aufmerksam beobachten werde.

Vieles wurde von der Presse in die Runde hineingeheimst. Doch die Teilnehmer bestreiten jedweden konspirativen Anflug. Sie sei eine gesellige Runde ohne jeden Politklüngel gewesen. Politisches sei sogar verpönt gewesen. Man verstand sich gut, teilweise kannte man sich ja bereits von der Uni, machte Scherze über Helmut Kohl und andere Politiker, lachte, aß und trank, letzteres sogar manchmal viel. Eines muss allerdings richtig gestellt werden: Pizzen wurden mit Sicherheit nicht vertilgt, denn die waren auf der Speisekarte des Etablissements nicht zu finden.

Es gibt eigentlich nur eine politische Tat, die auf das Wirken der Pizza Connection zurückgeführt wird, und die ist die einzige Abstimmungsniederlage, die Helmut Kohl während seiner 16 Jahre als Kanzler im Bundestag erlitt: In einer Debatte um den Besuch des iranischen Außenministers Ali Akbar Welajati im November 1995 wurde mit den Stimmen von SPD, Grünen und eben einigen Unionsabweichlern dessen Ausladung zu einer Islam-Konferenz auf dem Petersberg beschlossen.

Den eigentlich unpolitischen Charakter der Zusammenkünfte betont Armin Laschet (CDU): "Die vierteljährlichen Abende mit den Grünen gehörten zu den nettesten Zusammenkünften in Bonn. Wir kamen uns auch menschlich näher, wir besprachen persönliche Dinge." Auch Eckart von Klaeden (CDU) erinnert sich ähnlich: "Unsere Treffen hatten auch immer etwas Selbstironisches. ... die Pizza-Connection hatte ihren Reiz, weil sie von uns selbst nie so ernst genommen wurde, wie viele es von außen taten. Wenn man so will, war das Politische an unseren Treffen das Unpolitische. Hätten wir bierernst über gemeinsame Reformprojekte diskutiert, wären unsere gemeinsamen Abende nie so fröhlich gewesen."

Demgegenüber betont allerdings Volker Beck (Grüne) durchaus einen politischen Inhalt: "Mir war wichtig, bei den Unionsleuten kulturell etwas aufzubrechen, die Kollegen für gesellschaftliche Fragen zu öffnen: Ich denke ans Staatsbürgerschaftrecht, wo wir bei diesen Treffen eine gemeinsame Haltung gegen die schwarz-gelbe Koalition entwickeln konnten. Oder die Rechte von Homosexuellen."

Nach der rot-grünen Koalition 1998 schlief die Pizza-Connection allmählich ein, bis sie 2007 auf Initiative von Hermann Gröhe und Margareta Wolf aus ihrem Dornröschenschlaf geküsst wurde. Man trifft sich wieder. Diesmal weniger heimlich in Berlin-Kreutzberg im Restaurant "Le Cochon Bourgeois", was man mit "Das bürgerliche Schwein" übersetzen kann. Auch hier speist man keine Pizza, sondern Seeteufel in Specksauce auf grünen Linsen oder Wildschweinpfeffer mit kandiertem Süßholz, Anis und Backpflaumen. Hoffentlich kommt kein Argwöhner auf die Idee, hier von einer "Schweine Connection" zu sprechen.




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